Angelas Hühnerhaufen
Zum "Rücktritt" des generalsekretärs Ruprecht Polenz
Eine solche Opposition kann sich der Bundeskanzler nur wünschen.
Konzept- und orientierungslos dümpelt sie vor sich hin, mehr mit sich
selbst, ihren Skandalen und Personalquerelen beschäftigt als mit der
Politik bzw. dem politischen Gegner.
Jetzt hat die bislang glücklose CDU-Chefin Merkel die Reißleine gezogen
und den Generalsekretär Ruprecht Polenz, den sie selbst erst vor 6
Monaten als ihren "Favoriten" ins Amt geholt hatte, zum Rücktritt
genötigt. Artig hat sie sich bei ihm für die "gute Zusammenarbeit"
bedankt. Das war alles. Polenz hat´ s nicht gebracht. Er selbst sah sich
eher als Menschen "der Brücken baut" denn als "Speerspitze". So kann man
Profillosigkeit auch nennen. Fast möchte man sich zurücksehnen nach
Leuten wie dem unnachahmlichen Pastor Hinze, der immerhin in der Rolle
des jovialen Mieslings ein unverwechselbares Profil erarbeiten konnte.
Ganz früher sollen auch mal Leute wie Heiner Geißler oder Kurt
Biedenkopf diesen Posten bekleidet haben; aber das ist jetzt
Neolithikum.
Aber eigentlich geht es gar nicht um Polenz. Er ist nur das Bauernopfer;
derjenige, dessen Verlust eben am leichtesten zu verschmerzen war. In
Wirklichkeit ist das Problem Polenz das Problem der gesamten CDU. Sie
hat es schwer, als Opposition Tritt zu fassen. Zum geringen Teil mag
dies einfach daran liegen, daß eine Partei, die 16 Jahre regiert hat,
personell und institutionell so mit dem Staatsapparat verschmolzen war,
daß erst einmal wieder ein Neuaufbau unumgänglich ist. So hat die
heutige CDU mit drei Problemen zu kämpfen, die eine Rückkehr zur Macht
vor 2006 mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zur Fata Morgana machen
werden. Da ist zum einen das "System Kohl" mit seinen
Folgeerscheinungen. Der Alte, den die jetzige CDU-Führung so gerne zum
elder statesman machen würde, verdienstvoll, entrückt und weise, mag
sich partout nicht in sein Schicksal fügen. Zwar reicht seine Kraft
nicht mehr aus, wirklich zu führen, aber in seiner Nähe wirkt alles
irgendwie immer noch arg klein. Und er hat sie alle mitgerissen: den
Schäuble, der so gerne erster behinderter Kanzler der BRD werden wollte,
den Kanther, Saubermann mit schmutziger Weste, den Bohl, den Hinze, auch
den Rühe, die Nolte und die Süssmuth. Roland Koch ist mehr ein Gewächs
Marke Eigenbau: eigentlich eine tragische Figur, denn solange Kohl da
war, mußte man mittun, wenn man was werden wollte, weil er aber mitgetan
hat, wird er nun nix mehr. Die Welt ist hart aber ungerecht. So wird die
CDU nun geführt von einer Garde, für die der Ausdruck "Mittelmaß! ein
reiner Euphemismus ist. Angela Merkel hat als Frau immerhin den Vorteil,
daß sie in der CDU noch auffällt. Friedrich Merz wirkt wie ein "scharfer
Hund", aber was die CDU-Landesfürsten angeht, so gilt: § 1 - jeder macht
Seins. Das nimmt dem Fraktionschef viel von seiner Wirkung. Das größte
Problem für die CDU ist aber, daß Schröder´s SPD ja eigentlich keine
Alternative zur Kohl-Politik darstellt. Schon im Wahlkampf betonte sie
eher die Tasache, daß sie die jüngeren, "unvebrauchteren" Leute habe. So
sitzt Schröder mitsamt seinem Scharping und Eichel in der neuen Mitte,
da, wo die CDU meint, daß sie eigentlich hingehöre, und hält den Lokus
besetzt. Genau genommen hat die CDU keine ernsthaften Alternativen. Sie
ist ebenfalls für Sozialabbau, Modernisierung, EU-Osterweiterung und und
und...Schröder hat nichts zu befürchten: von links kommt nichts. Die PDS
rückt zwar nach, aber sie hat im Westen keine Chance. Die SPD-Linke -
wenn man das denn so nennen will - ist marginalisiert. Lafontaine
schmollt, Dreßler sitzt krank in Israel, Schreiner, Nahles und erst der
Herr von Larcher sind Loser-Typen par excellence. Und auch die
Gewerrkschaften bringen nicht viel Leute auf die Beine. So muß er nach
links nicht einmal blinken und kann den Entertainer mit Volksnähe geben.
Was bleibt da für die CDU? Sie nörgelt an diesem und jenem, ziert sich
hier und zickt da. So nicht und nicht jetzt und nicht mit den Grünen -
ein etwas dürftiges Motto.
Fast bleibt der CDU nur, auf eine grundsätzliche Veränderung des Klimas,
etwa nach einem Konjunktureinbruch, zu warten oder auf
Verschleißerscheinungen bei der Regierung zu hoffen, aber das kann
dauern.
Ein Thema bleibt: das der Zuwanderung. Sowohl Asylbewerber als auch
High-Tech-Arbeitskräfte haben im Volk ein wesentlich schlechteres Image
als in der veröffentlichten Meinung. Die CDU (wie auch die SPD!) weiß
das. So ist die Versuchung groß, dies in den Vordergrund zu stellen,
auch im Wahlkampf. Zwar ist der Satz von der "deutschen Leitkultur"
nicht wirklich gefährlich (eigentlich sogar eine Banalität - man lese
nur mal TAZ-Kommentare, oder auch solche von Alice Schwarzer, zum Fall
Fereshda Ludin) aber schon die hektische Reaktion des rot-grünen
Establishments zeigt, wie verwundbar sie sich hier fühlt. Hinter der
"deutschen Leitkultur" lauert ein Kulturkampf, ein Krieg um die Köpfe.
Es sind Goyas Bestien, die den Schlaf der Vernunft bedrohen.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Di., 24.10.2000
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