Charlys Homepage
im Roten Salon


Der Aufstand der Anständigen

Deutschlands Establishment zelebriert sich selbst

"...Etliches weist darauf hin, daß die integrative Fähigkeit (nicht nur) der deutschen Gesellschaft abnimmt, daß der Zusammenhalt poröser wird. Dafür Rechtsradiklae (oder solche, die sich rechtsradikaler Symbole in provokatorischer Absicht bedienen) verantwortlich zu machen, wäre eine allzu einfache Antwort, eine Ausflucht. Die breite Mobilisierung gegen eine übertrieben dargestellte rechtsradikale Gefahr trägt alle Züge einer Ersatzhandlung. Sie verschaftt ein vorgesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl und trägt zur Klärung nichts bei. Wie eine Sternschnuppe wird sie verglühen."
(Frankfurter Allgemeine Zeitung; 10.11.2000)

Doch: man muß die FAZ loben - wo sie recht hat, hat sie recht. Mehr als 200 000 Menschen demonstrierten gestern in Berlin zwischen Neuer Synagoge und Brandenburger Tor. Auch in anderen Städten gab es ähnliche Manifestationen (allein in Bremerhaven ! mehr als 20 000 Teilnehmer). Vorgeblich gegen den Rechtsradikalismus, in Wirklichkeit für diese Republik. Und alle wußten das. Vordergründig hat die Elite des Landes allen Grund zufrieden zu sein, mit einer gewissen Ausnahme der CDU, die nur am Rande dabei war, aber im Grunde verändert sich nicht viel. Als Linker weiß man manchmal nicht, ob man nun lachen oder weinen soll. Gewiß, es war notwendig, einmal ein zeichen zu setzen gegen die kahlgeschorenen, ewig betrunkenen Dumpfbacken, die sich als "einzige Opposition" gerieren, vor allem in den neuen Ländern eine Atmosphäre der Angst verbreiten und Ausländer jagen, verprügeln und töten. Sie sind in dieser Gesellschaft - noch - eine isolierte, wenn auch aktivistische Minderheit. Immerhin: in weniger aggressiver Form können sie schon zu recht davon ausgehen, daß sie nur das artikulieren, was viele denken. Die Manifestation vom Donnerstag mag ihnen gezeigt haben, wie weit sie noch von der Verwirklichung ihrer Ziele entfernt sind. Wäre dies das wesentliche Ergebnis der "Staatsdemo" (Angelika Beer), so wäre dies ein toller Erfolg.

Aber das ist nicht zu erwarten. Die Faschisten werden ackselzuckend über diese Aktion hinweggehen und ihre Aktivitäten, vielleicht wegen der Verbotsdrohung etwas vorsichtiger, fortsetzen. Sie sind kaum beeindruckt. Wer nach der Drei-Säulen-Strategie vorgeht, wird mit einer Serie von kleineren Events, mit ideologischer Arbeit und Wahlkandidaturen, die zumindest Geld bringen, weiter machen, wohl wissend, daß Aktionen wie diese einmalige Happeningssind, die nicht beliebig wiederholt werden können. Härter dürfte sie das Verbot der NPD treffen. Das wird den Neofaschismus zwar nicht umbringen, aber doch verwirren, seine Strukturen schwächen und die ungestörte Heranbildung eine geschulten Aktivistenstamms behindern. Das Verbot wird kommen, aber man muß auch wissen, daß soziale Bewegungen nur verboten werden können, wenn entweder die gesellschftliche Entwicklungsrichtung ohnehin gegen sie geht oder wenn das Verbot begleitet wird von der Formierung einer gesellschftlich-politischen Kraft, die neue Verhältnisse von stabilem Charakter schafft. Ersteres ist nicht zu erwarten, letzteres gibt doch sehr zu denken.

Was sich in Berlin abgespielt hat, war die große Manifestation der Staatstragenden. Kein Antifaschismus. Auch das angedachte und nun eingeleitete NPD-Verbot hat keinen antifaschistischen Charakter. Wäre das gewollt, so ginge es leicht. Die Fortsetzung faschistischer Parteien in der Tradition der NSDAP ist nämlich nach dem GG verboten. Zumindest die NPD und die DVU ließen sich problemlos auflösen, wollte man den antifaschistischen Grundauftrag des GG ernst nehmen. Der ist aber nach den Worten des Altpräsidenten Herzog "obsolet". Liest man die Begründung für den NPD-Verbotsantrag, so fällt auf, wie leicht sich dieser Antrag - man braucht nur wenige Worte zu ändern - auch gegen links drehen ließe. Das ist des Pudels Kern. Das Establishment dieses Landes ist sich nämlich keineswegs so selbstgewiß, wie es sich darstellt. Man weiß sehr wohl, daß die Grundlagen der Nachkriegsentwicklung, die das "Wirtschaftswunder" und schließlich die "Zivilgesellschaft" (und das sagenhafte Projekt der "Moderne", den "westlichen Weg") längst wirklich "obsolet" sind und bereitet sich auf harte Kämpfe vor. Dem dient der Schulterschluß der "Anständigen" und die Bereitstellung der "Instrumente" gegen jede Art der Fundamentalopposition, käme sie denn von links oder von rechts. Ja, auch gegen Rechts geht es, denn was sich da in der NPD und den "freien Kameradschaften" sammelt, ist alles andere als eine Einsatzreserve des Kapitals. Dieses ist längst über den Nationalstaat und das "völkische Element", das die Glatzen noch verteidigen, hinausgewachsen. Und spätestens wo die Faschisten geschäfstschädigend wirken, ist Schluß mit lustig. So wurde alles, was es geschaftt hat in diesem Land, aufgeboten um die Massenbasis der "marktwirtschaftlichen Demokratie" (=des Imperialismus, in dem es sich - für manche - gut leben läßt) zu demonstrieren. Noch ist wohl in den Köpfen der meisten Teilnehmer das Verhältnis zwischen dem Stolz auf das Erreichte und dem Abscheu vor den Dumpfen ausgewogen. Das wird sich ändern, wenn die Verhältnisse kälter werden. Dann soll ein "Ruck durch die Gesellschaft" gehen: für eine kapitalistische Modernisierung, bei der die meisten auf der Strecke bleiben, für eine "formierte Gesellschaft".

Im Moment formieren sich die Truppen: das Kapital hat die meisten. Das ist die wirkliche Lehre von Berlin.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Fr., 10.11.2000