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im Roten Salon


Umsturz in Jugoslawien

Die neue Weltordnung marschiert

Das nennt man wohl eine klassische revolutionäre Situation: die da ober können nicht mehr und die da unter wollen nicht mehr. Grund genug also für Leute mit linkem Anspruch, das Szenario der gesteuerten Konterrevolution in Jugoslawien genau zu studieren. Denn genau darum handelt es sich, um die Zerschlagung eines sich der Globalisierung widersetzenden realsozialistischen Systems mit den Mitteln des Volksaufstandes. Daß es dazu kommen würde, war seit langem klar: Das Milosevic-Regime war seit Monaten völlig isoliert, hatte keine ökonomische und politische Persepktive. Die wenigen traditionellen Verbündeten , die es am Anfang noch hatte, hatten sich abgeseilt. Großbritannien und Frankreich schon vor dem Kosovo-Krieg, Rußland, ohnehin nicht mehr in der Lage, wirksam einzugreifen, vor Monaten. So war alles nur noch eine Frage der Zeit und des Procedere. Erinnerungen an den Sturz der Ceaucescus waren kaum zu vermeiden. Jetzt also die heiße Phase: Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen einfach nicht mehr in diesem Jugoslawien leben wollen, und sei es nur, weil sie endlich einmal in Ruhe und Frieden und mit einigermaßen realistischer Aussicht auf Wohlstand weiter existieren wollen, geben die Masse der Statisten ab. Statisten? Sie handeln durchaus: ohne die Tausende von Menschen, die das Bundesparlament, den Sitz der sozialistischen Partei und das Fernsehen gestürmt haben, wäre es nicht gegangen. Allein: sie sind nicht wirklich Herren des Geschehens. Es ist auch nicht der klassische Rhythmus der Revolution, die sich hinter dem Rücken der Beteiligten nach eigener Gesetzmäßigkeit entwickelt. Zu deutlich ist das Szenario, sind auch die treibenden Kräfte. Das immerhin ist der Vorteil der Medienrevolution. Milosevics Schicksal ist besiegelt. Zu hoffen bleibt, daß er und seine engere Entourage rechtzeitig den Abflug schafft und nicht noch vorher Amok läuft. Wie es aussieht, scheint aber für einen solchen Endkampf seine Kraft nicht mehr auszureichen. Das Regime und seine Repressionskräfte ist offenkundig in Auflösung begriffen. Ob die "Sieger" Grund haben zur Freude. Real zu bestimmen haben sie nichts. Man wird ihnen auf die Schulter klopfen und sie zu ihrem Sieg beglückwünschen. Begabte Organisatoren und Agitatoren werden wohl auf die Gehaltsliste der diversen Dienste (insofern sie dort nicht ohnehin schon stehen) kommen. Ansonsten wird das Land von einer Art internationalen Treuhand übernommen. Die Wirtschaft wird "liberalisiert", d.h. die Rechte der einfachen Menschen werden abgebaut, den Rest regeln IWF und Weltbank. Deren Interessen werden von Polizei und Militär abgesichert, wenn nicht von jugoslawischem, dann von dem der NATO. Das alles läuft unter der Fahne der Demokratie. Ein weiterer Sieg der "westlichen Wertegemeinschaft". Das hat aber auch sein gutes. Milosevic war für die sozialistische Linke längst zu einer unerträglichen Belastung geworden. Ihn sind wir los. Die "Sieger" haben nun die Macht. Sie werden zeigen müssen, was sie damit anzufangen wissen. Und keine Ausrede mehr haben, wenn sie zur Verantwortung gezogen werden. Wahrscheinlich läuft es dann aber weniger glimpflich ab.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 08.10.2000