Ende einer Dienstfahrt
Wolf Biermann bei der WELT
Es sieht so aus, als wäre Wolf Biermann - nun auch schon den 60ern - am
Ende seines Weges angekommen. Vor wenigen Tagen gab die Tageszeitung DIE
WELT bekannt, daß Biermann nunmehr als "Chef-Kulturkorrespondent" in
ihren Stab aufgenommen worden sei. Da wird also einer, der bislang als
Dichter, Liedermacher, Bürgerrechtler, dissidenter Kommunist bekannt
geworden war, auf seine alten Tage Journalist. Das aber ist weniger die
Nachricht. Auch der Titel "Chef-Kulturkorrespondent" ist eher
ungewöhnlich, aber die eigentliche Nachricht liegt doch darin, daß
wieder einmal einer den langen Weg von links nach rechts geschafft hat.
DIE WELT ist sicherlich schon seit einiger Zeit nicht mehr das
Flaggschiff des stramm rechten SPRINGER-Journalismus, wie er zu Zeiten
des unvergessenen Herbert Kremp praktiziert wurde, sie ist schon seit
längerem um ein eher liberales Image bemüht. Der Weg des Mainstreams
geht halt überall hin zur Mitte in diesen Zeiten. Aber es ist doch ein
Symbol. Manche werden sagen: er ist nun da, wo er immer schon
hingehörte. Das ist aber Pfeifen im Wald. Der Weg Biermanns ist für die
heutige Zeit symptomatisch, in ihm spiegelt sich nicht nur der schlechte
Charakter bzw. sein mangelndes Standvermögen wieder, sondern auch die
Schwäche der Linken insgesamt.
Daß Wolf Biermann sich zur radikalen Linken zählte; zeitweilig sogar als
Kommunist sah, war allerdings immer schon ein Mißverständnis. Es hatte
biographische Gründe. Sein Vater, ein jüdischer Kommunist aus Hamburg,
war von den Nazis inhaftiert, schließlich ermordet worden. Biermann
selbst galt nach den Kriterien dieser Sippschaft als "Halbjude", was mit
diesen nach einem gewonnenen Krieg passiert wäre, kann man sich
ausmalen. Es war hauptsächlich die Sowjetunion, die diesem System das
Genick brach. Sie rettete, was ihm sicherlich erst später bewußt wurde,
auch dem jungen Wolf Biermann das Leben. Hinzu kommt das Andenken an den
Vater und die "Oma Mume". So wird so einer Kommunist. Das gilt es zu
respektieren.
Aber Wolf Biermann hatte immer auch ein verklärtes Bild von dieser SU,
der spätereren DDR und der kommunistischen Bewegung, wie sie sich nun
einmal herausgebildet hatte. Ein wenig realistisches. Er verband den
Antifaschismus mit sozialer Gerechtigkeit, weltoffener Toleranz,
materiellem Reichtum und einem guten Schuß Boheme. Sowas war Ulbrichts
Sache nicht.
Der wußte nämlich sehr gut, was geschehen würde, wenn der Souverän
seines Staates, sei es das Volk oder auch die Arbeiterklasse einmal
wirklich die Macht haben würde, "souverän" zu entscheiden, was aus der
einstigen SBZ werden sollte. Man hat es am 17.Juni gesehen und am 9.
November; man konnte es auch sehen am 13. August. Die DDR war immer das
Produkt eines verlorenen Krieges. Das hatte sie ja mit der BRD gemein,
aber sie trug die Reparationen und sie verlor den aussichtslosen
Wettkampf um die Entwicklung der Produktivkräfte, auch wenn die
hauseigene Zuckerbäckerideologie hartnäckig das Gegenteil behauptete.
Walter Ulbricht war auf seine Art ein furztrockener Realist, ein
Revolutionär und Wirtschaftsreformer, ein Zyniker und Menschenfeind. Wer
die DDR wollte, mußte so sein. Für Leute wie Biermann hätte er nicht
viel übrig gehabt. Sie waren für ihn Traumtänzer. Er hatte recht.
So geriet Biermann in´s Abseits. Ein Idealkommunist, ein sensibler
Kritiker (Klasse: 8 Argumente für die Beibehaltung des Namens
Stalinallee für die Stalinallee!) des Bestehenden, der in vielen
Einzelpunkten gegen diese bornierte, hochmütige und arrogante
Nomenklatura recht hatte - aber im Ganzen hatte er unrecht. Bisweilen
scheint er das geahnt zu haben. Bang seine Bemerkung: "Ich wußte gar
nicht, wie schwach sie sind", nachdem ihn die SED-Führung mithilfe einer
Falle aus der DDR ausgebürgert hatte (1976). Biermann mag sich als
Sprachrohe der DDR-Opposition gefühlt haben; er war es nur sehr bedingt.
Die wahre Opposition in der DDR war immer eine Pro-BRD-Opposition. Das
war 1989 nicht anders als 1968, dem Jahr des "Prager Frühlings" und
seiner Niederschlagung, dem Jahr, das noch heute von Teilen der
demoralisierten Idealisten als Jahr der letzten Chance idealisiert wird.
Mit der Ausbürgerung verlor Biermann allmählich sein Thema. Die richtig
guten Lieder waren ihm eben nur vor dem Hintergrund der DDR-Wirklichkeit
möglich gewesen. In der BRD-Linken konnte er nicht Fuß fassen. War diese
auch durchweg antikommunistisch bis auf die Knochen, so war sie doch
auch an das internationale Kräfteverhältnis und die Existenz des realen
Sozialismus gebunden. Biermann paßte nicht in diese Szene. Er wurde
immer mehr zum Kronzeugen für alle die, die ohnehin auf dem Absprung
waren, aber auch die benötigten ihn immer weniger. So wurde er das, was
Franz Josef Degenhardt einst als "Wildledermantelmann" besungen hatte:
"Wie ist es, wenn man so langsam driftet nach rechts?..."
Biermann hat einsehen müssen, daß er ein Träumer war - so wurde er zum
"Realisten". Insofern gleicht er der rotgrünen Schickeria, die uns zur
Zeit auf den Regierungsbänken beglückt. Schon vor einiger Zeit trat er
als Diskussionspartner und dann auch mit seinen Liedern vor der CSU auf.
Die Damen und Herren waren freundlich. Sie mögen gescheiterte und
"geläuterte" Kommunisten sehr. Biermann gehört nun dazu. Als
"Kulturchefkorrespondent" ist er nun ein Sänger des Staates. Nicht mehr
des demokratisch-sozialistischen, wohl aber des zivilgesellschaftlichen.
Das hatte er immer sein wollen.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Fr., 10.11.2000
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