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im Roten Salon


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Über "Ibrahim" Böhme, Wolfgang Schnur und andere

Manche Leute müssen erst sterben, damit man sich an sie erinnert. So ein Fall war Ibrahim Böhme. Er hieß zwar nicht "Ibrahim", sondern Manfred, aber dafür auch nicht Böhme, jedenfalls nicht von Geburt an. Eigentlich hieß er wahrscheinlich Otto, man weiß es aber nicht ganz genau, auch sein Geburtort und sein genaues Geburtsdatum sind unbekannt. Allenfalls der Jahrgang 1944 dürfte feststehen. Alles an Ibrahim Böhme war von Legenden überwuchert. Teilweise waren sie wohl bewußt angelegt, um seine jahrelange Tätigkeit als "IM" zu verschleiern, aber im Fall Böhme sieht es so aus, als habe dies eine Eigendynamik angenommen, sodaß zuletzt wohl nicht einmal Böhme selbst genau wußte, wer er war, was er wollte und warum. Außer natürlich: im Mittelpunkt stehen und sich selbst inszenieren. Richtig massenwirksam gelang ihm dies allerdings nur kurze Zeit, nämlich zwischen Okt. 89 und März 1990, als er eine Blitzkarriere vom Gründungsmitglied der SDP (so nannte sich die SPD in der DDR anfangs) zum Spitzenkandidaten der SPD bei den Volkskammerwahlen der DDR aufstieg. Wenig später wurde seine Tätigkeit als "IM", die er bis in die Wendezeit ausübte, durch eine Indiskretion und dann über den SPIEGEL bekannt gemacht und der Traum von der Politkarriere im neuen Deutschland war ausgeträumt. Es war nicht nur der Traum des I. Böhme, sondern wohl auch der Traum der SPD, die mit ihrem aus der DDR übernommenen Personal nur wenig Glück hatte. Böhme kam aus der Rolle, in die er sich leichtsinnig hatte treiben lassen, nicht mehr mit Anstand heraus. Er leugnete noch jahrelang, sprach von Intrigen und lieferte sich sogar ein Streitgespräch im Fernsehen mit der Journalistin Birgit Lahann, die einen Film über ihn gedreht hatte. So gab er den tragischen Helden und wurde doch nur als armes Würstchen wahrgenommen.

Ibrahim Böhme gehört zu den bisweilen bizarren Gestalten, die in extremen Umbruchsituationen unvermeidlich hochkommen, aber meist ebenso schnell wieder in die Anonymität zurücksinken, aus der sie gekommen sind. Andere Namen drängen sich auf, sowohl von Personen, als auch von Organisationen. Wolfgang Schnur, der sich schon als "erster freigewählter Ministerpräsident der DDR" sah, ein Herr Ebeling (nicht einmal der Vorname fällt mir ein, es lohnt auch nicht, nachzuschlagen), Vorsitzender der DSU (das war die Schwesterpartei der CSU!), Günther Krause, der sich allzu schnell die Gepflogenheiten des Kapitalismus zu eigen machte, Rudolf Krause, der irgendwo im Sumpf zwischen REPs und DVU sein politisches Endlager gefunden hat. Andere fanden eine Nische. Freya Klier ist auch im neuen Deutschland eine hervorragende Regisseurin, die sich gelegentlich durch beeindruckende Kommentare in FOCUS bemerkbar macht, Angelika Barbe und tutti quanti. "Demokratischer Aufbruch", "Demokratie Jetzt", "Vereinigte Linke" sind Phänomene der Zeitgeschichte und nur die Massenorganisation "Neues Forum" machte jüngst noch einmal Schlagzeilen, als der Thüringer Landesverband beschloß, die Auflösung zu beantragen. Nicht zuletzt wurde jener Günter Schabowski berühmt, über den Zeithistoriker noch in Jahrzehnten rätseln werden, ob er schlecht informiert war, sich bloß versprochen hat oder gerade im letzten Moment noch die Kurve kriegen wollte. Menschlich verständlich wäre es. Es lohnt nicht, allzu viel Häme auszuschütten. Es war halt die Zeit der Illusionen, der Intrigen und auch der Tragik. Und der Clowns. Ibrahim Böhme war einer von ihnen.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Di., 30.11.1999