Begegnungen der Dritten Art
"Vom Verräter zum Bruder?" Joachim Gauck im Gespräch mit Andre Brie
Die "TAGESZEITUNG" (TAZ) ist schon ein wunderliches Organ. Angetreten als richtig revolutionäres Blatt mit systemoppositionellen Anspruch mutierte es zur alternativen Speerspitze der ""Realpolitik" ,um von da aus vollends in die postmoderne Beliebigkeit abzugleiten. Dennoch hat die TAZ ihr Image und bis zu einem gewissen Grade auch ihre Bedeutung behalten. Die TAZ ist einfach das Blatt einer bestimmten Generation der ursprünglich noch optimistischen aufstrebenden Mittelschichten. Sie hat daher dieselben Fehler und Stärken wie diese und von daher einen hohen Wiedererkennungswert. Von der Bedeutung, die die TAZ als Ideen- und Personalspender für die bürgerliche Presse hatte, gar nicht zu reden.
So ist die TAZ, was immer man von ihren Analysen und Kommentaren halten mag, immer noch ein lesenswertes Organ zur Beobachtung einer bestimmten Szene. Gelegentlich gelingen ihr dabei bemerkenswerte journalistische Highlights. So in der Ausgabe von 11./12.12.99
Ein Gespräch zwischen dem ehemaligen Pfarrer und jetzigem Leiter der nach ihm benannten sogenannten "Gauck-Behörde" Joachim Gauck (von der TAZ witzigerweise als "Traditionssozialist" bezeichnet) und dem oft als "Vordenker" titulierten Meinungsführer des sozialdemokratischen PDS - Flügels Andre Brie hat was. Ein solches Gespräch ist nicht selbstverständlich, denn Joachim Gauck ziert sich. Er redet lieber über seine "Klientel" statt mit ihr. Für Brie macht er eine Ausnahme. Das hat zwei Gründe: "Ich möchte ihm damit meinen Respekt bekunden. Andre Brie hat, was den Umgang mit seiner Vergangenheit betrifft, sicherlich nicht alles richtig gemacht. Er hat sich ein bißchen viel Zeit genommen, bevor er 1992 zugab, für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben....Außerdem finde ich seine Arbeit und die anderer Reformer interessant. Manchmal möchte man die ja trösten." In der Tat. Andre Brie ist für einen protestantischen Pfarrer der ideale Gesprächspartner. Wie geschaffen für Demut und Buße. Ein reuiger Sünder, der in vielem die Erwartungen seines Beichtvaters noch übertrifft und gleichzeitig als Kronzeuge für das, was Joachim Gauck politisch vertritt, auftreten kann. Das Lernziel ist klar: Wenn ihr alle so werdet wie Brie, kann euch auch verziehen werden.
Joachim Gauck ist ein "Sieger der Geschichte", der sich gönnerhaft ein paar Zugeständnisse, verbunden mit koketter Selbstkritik, erlauben kann. "Ich bin doch kein zufriedener Sofasitzer, nur weil ich soziale Marktwirtschaft und parlamentarische Demokratie entschieden bejahe. Wenn ich Mitglied einer Partei wäre, dann würde ich garantiert nicht in ihr Programm schreiben, Punkt 1: Hurra, wir sind am Ziel."
Für Joachim Gauck ist die Geschichte nun insgesamt am Ende. Alles, was jetzt noch kommt, ist Ausbau des Vorhandenen.
"Mit der parlamentarischen Demokratie sind wir nicht am Ziel. Unsere Gesellschaft muß sich immerzu reformieren. Ich kann mir auch viel mehr Bürgerbeteiligung vorstellen." Wer könnte das nicht?
Mit Andre Brie hat er einen kongenialen Gesprächspartner. Kein Zweifel, obwohl Andre Brie in der Politik eine höchst aktive Rolle spielt und eine geradezu sprichwörtliche Reizfigur sehr linker oder orthodoxer Kreise ist, ist er letztlich ein gebrochener Mann. Dies durchaus nicht ironisch gemeint. Zulange hat A. Brie den Marxismus- Leninismus in seiner plattesten, vulgärsten Form kennen gelernt und andererseits dessen völliges Scheitern erlebt, als daß er sich jetzt anders denn gescheitert und mit Schuld beladen verstehen könnte. "Gauck kann mir wegen meiner Geschichte mit der Staatssicherheit kein schlechtes Gewissen machen. Das habe ich bereits." Doch trotz aller Brüche ist Andre Brie sich treu geblieben. Er war und ist ein Mann des Establishments. In der DDR, die für ihn schon aus biographischen Gründen eine Art emotional besetztes Refugium war, gehörte er zu denen, die die DDR , deren brüchige Ideologie und immer skuriller werdende Praxis sie in den achtziger Jahren durchschaut hatten, von oben, aus der SED heraus reformieren wollten. Die DDR-Volksbewegung spülte sie hinweg. "Einige SED-Reformer haben in den späten achtziger Jahren Konzepte zur Reform der DDR entwickelt. Aber wir kamen mit unseren Ideen einige Jahre zu spät. Das Leben hat uns bestraft." Jetzt will Andre Brie die BRD bzw. das neue Deutschland reformieren und dabei auf keinen Fall zu spät kommen. Und er hat gelernt: "...Ich weiß, daß wir heute frei sind. In der Bundesrepublik können wir, im Gegensatz zur DDR, zum ersten Mal richtig über demokratischen Sozialismus nachdenken...." und: "...Ich kann intellektuell etwas als falsch erkennen, von dem ich mich emotional nicht so einfach frei machen kann. Das hat auch mit Machtlosigkeit zu tun. Ich setze mich für einen demokratischen Sozialismus ein, von dem ich weiß, daß daran kaum einer glaubt, geschweige denn, sich aktiv dafür einsetzt."
Dieser Mann ist zutiefst resigniert, gebrochen und demütig. Genauso, wie Verfechter der bürgerlichen Ordnung sich anständige Sozialisten vorstellen. Deshalb gehört das Schlußwort auch Joachim Gauck: "Wenn einer so umdenkt wie Andre Brie, seine Niederlage eingesteht, seine Scham nicht verbirgt, aber von seinen eigenen Freunden in der PDS nicht verstanden wird - dann entsteht bei mir ein ganz ursprünglicher Impuls, ein brüderlicher. Jeder Mensch scheitert, ich auch. Aber wenn er seinen Irrtum öffentlich einräumt, dann befreit er sich selber. Das ist für jeden schwer. Und in dem Moment, wo die Existenz dieses Menschen durchschimmert, wo er als Angefochtener dasteht, da entsteht plötzlich eine große menschliche Nähe. Da hört die ganze Feindschaft auf."
Oder wie die Katholiken sagen: Ego te absolvo de peccatis tuis...
So hätten sie die Sozialisten gern. Aber was, wenn der Reformer Brie ein zweites Mal zu spät kommt?
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mo., 13.12.1999
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