Nicht mit uns und schon gar nicht mit mir
So ist das nun: Bald werden wir vielleicht die RECHT`s-Schreibreform haben. Eine satte Dekade haben verbeamtete Semantik-Spinner, Grammatik-Gnome, Interpunktions-Irre, Syntax-Stürmer und senile Silbenstecker an dieser Reform herumgewurschtelt. Das Resultat ist nicht nur erbärmlich, es fördert auch einen Zeitgeist zutage, der im großen und ganzen überwunden schien. Mir kann niemand einreden, es sei ein Zufall, daß unser heißgeliebtes ß verschwinden soll.
Unser aller äszett, diese figurative Meisterleistung der Schriftenschneider, dieses graphische Unikat,d iese optische Rarität, das asthetischste aller Schriftzeichen in der sprachfixierung, ist in Gefahr, einer Teileliminierung zum Opfer zu fallen!
Wir sind stolz auf unser einmaliges ß. Es hat keine Verwandten,
weder im Altägyptischen, noch im Albanischen;
weder im Babylonischassyrischen, noch im Gudzaratischen;
weder im Demotischen, noch im Kufischen;
weder im Lybischen, noch im Türkisch-Rika`aischen;
weder im Koptischen, noch im IndischNeskhiischen;
weder im Amharischen, noch im Afganischen;
weder im Himyraischen, noch im Uigurischen;
weder im Chinesischen, noch im Mongolischen;
weder im Japanischen, noch im Galikischen;
weder im Kyprischen, noch im Kasmirischen;
weder im Aramäischen, noch im Magadhischen;
weder im Kanaanitischen, noch im Tibetischen;
weder im Hebräischen, noch im Devanagarischen;
weder im Estrangeloischen, noch im Bengalischen;
weder im MalarabischSyrischen, noch im Nipalischen;
weder im Chaldäischen, noch im Tamulischen;
weder im Mandäischen, noch im Malarabischen;
weder im Persischen, noch im Singalesischen;
weder im Pehlewischen, noch im PaliBirmanischen;
weder im Armenischen, noch im Siamesischen;
weder im Georgischen, noch im Javanischen;
weder im Kyrillischen, noch im MösoGotischen;
weder im Glagolitischen, noch im Lykischen;
weder im russischen, noch im Syrjanischen;
weder im Rumänischen, noch im Syrjanischen;
weder im Rumänischen, noch im Serbischen;
weder im Illyrischen, noch im lateinischen;
weder im Irischen, noch im Französischen;
weder im Italienischen, noch im Spanischen;
weder im Englischen, noch im MittelHochdeutschen;
weder im Polnischen, noch im WendischSorbirschen;
weder im Slowakischen,noch magyarischen;
weder im Schwedischen, noch im Finnischen;
nur im Neugriechischen hat unser ß einen Verwandten, aber der hört nicht auf äszett, sonder auf we (wie Tavere).
(In unserem Falle ist es bedeutungslos, ob es Buchstaben oder Silbenschriften sind und ob es in den genannten Schriftsprachen ein phonetisch ähnlich klingenden Laut wie äszett gibt.)
Unser heißgeliebtes Bindewort, unsere sehr verehrte Konjunktion daß, soll in ihrer angestammten form vernichtet werden!
Seit über einem halben Jahrtausend, seit dem 16. Jahrhundert wird das ß verwandt und nun geht man daran, es teilweise aus dem Verkehr zu ziehen, es einer überflüssigen Operation auszuliefern. Nicht mit mir. Ob langer oder kurzer Vokal, ich werde immer schweißnaß schreiben, aber nie und nimmer: schweißnass.
Es gibt Synchronisierungen die erstaunen und erschrecken. Just zu dem Zeitpunkt, wo sich eine braune AntiAntiFa etabliert, wo dumpfbackene Jugendliche Hakenkrueze pinseln, gehen die Damen und Herren von der SchreibsicherheitsAbteilung daran, das ß nach und nach abzuschaffen. Diese Teileliminierung des äszett wird uns als Schreiberleichterung präsentiert. Blödsinn! Es ist eine politische Instinktlosigkeit tiefster Art, die Schulpflichtigen immer öfter mit dieser verdammten s s Kombination zu konfrontieren. Das Resultat haben wir inzwischen: In den Grundschulen von Hohenschönhausen und LichterfeldeSüd kursieren jetzt sogenannte Spuckies: s s marschiert!!! Dem Duden seis gedankt!!! Kampf den linken Zecken! Die wollen das ß jetzt retten!
Ich rufe alle Kulturschaffenden auf: Hände weg vom ß non pasaran! Retten wir unseren zweisilbigen Freund äszett! Er soll uns in seiner majestätischen Schönheit überall erhalten bleiben!
P.S.: Am Ende dieser Zeilen erreichte mich eine Überlegung: Gibt es eigentlich ein deutsches Wort, das mit ß beginnt? Nein. Entsprechend meiner Lebensdevise: Wer liest entdeckt!, bin ich fündig geworden. Natürlich war es ein Sozialdemokrat (bääähh), der das Kunststück fertig brachte, ein Wort mit einem äszett zu versehen; es war Wilhelm Liebknecht. Jener Dezimaldemokrat, der dem Duelltoten Lassalle zustimmte, der da meinte, die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums und aller Kultur, und da nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft möglich ist, gehört der Ertrag der Arbeit unverkürzt, nach gleichem Recht, allen Gesellschaftsmitgliedern. Dazu sage ich nein und stimme als Anarchist ausnahmsweise Marx zu, der da meinte, die Arbeit ist zwar Quelle allen W e r t e s , nicht aber Quelle allen R e i c h t u m s .
Zum ßWort: Die Arbeiterführer waren seit jeher von dem Wahn betrieben, die Proleten aufzuklären und so lesen wir in Wilhelm Liebknechts Volksfemdwörterbuch, neue umgearbeitete und ergänzte auflage, Dietz Verlag Berlin (Ost), 1953:
ßurrealismus:
reaktionäre, dekadente, volksfeindliche Strömung in der zeitgenössischen französischen Literatur und Kultur, in der Träume, Halluzinationen und Fieberfantasien eine große Rolle spielen; anschauliches Beispiel für die Zersetzung der bürgerlichen Kultur im Imperialismus.
(Soll man nun HEIL HITLER oder ROT FRONT rufen: Zersetzung...)
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Autor: Bernd Kramer
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: 06.09.1999
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