Alle Farben des Regenbogens
5.
Die "Wende" in Bonn und die neuen Rahmenbedingungen alternativer
Politik
Teil 5
Mit der sogenannten Bonner "Wende", d.h. der Ablösung der letzten sozialliberalen Regierung unter Kanzler Schmidt durch eine Koalition der Rechtskräfte aus CDU/ CSU und FDP unter H. Kohl veränderten sich die Rahmenbedingungen alternativer Politik. Die Phase, in der die "Grünen" unangefochten, aber auch weitgehend ohnmächtig den Protest gegen die Recht-drift der offiziellen Politik monopolisierten, sich sofern zu Recht als "Alternative zu den her-kömmlichen Parteien" (203) fühlen konnten, ging zu Ende und es entstand eine völlig neue politische Konstellation, in der die "Grünen", die sich bislang gerade in der Abwendung von der Sozialdemokratie profiliert hatten, durch deren Oppositionsrolle, die auch sogleich eine mindestens partielle Abkehr von ihrer bisherigen Politik zur Folge hatte (204), wieder an die Sozialdemokratie herangeführt wurden, da sich allenfalls auf diese Weise eine parlamentari-sche Alternative zur Rechtskoalition bewerkstelligen ließ.
Die Übernahme der Regierungsgewalt durch die Rechtskräfte war somit kein bloßer Regierungswechsel, sondern signalisierte eine grundlegende Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse und Konstellationen, die sich allerdings schon lange, bevor dies durch den Regie-rungswechsel offenbar wurde, abgezeichnet hatte.
Die eigentliche "Wende" besteht so gesehen nicht in der tatsächlich betriebenen Politik, denn die neue Koalition änderte sich keineswegs, wie es der Begriff "Wende" suggeriert, die Grundrichtung der Politik, sondern setzte diese im Wesentlichen fort, die "Wende" besteht vielmehr in der Neuformierung der politischen Blöcke, wodurch die "Grünen" (und mit ihnen die gesamte alternative Wahlbewegung und die außerparlamentarischen Bewegungen) in eine Situation gerieten, die sich vorher allenfalls für eine kurze Periode in den sogenannten "Hamburger Verhältnissen" (205) angedeutet hatte.
Es ist wohl kaum verwunderlich, daß diese neue Situation für die "Grünen" eine ähnliche Krise bedeutete, wie dies die Konstituierungsphase mit sich gebracht hatte. Im Laufe des Jahres 1983 mehrten sich daher sogar die Stimmen, die, ungeachtet des bisherigen Aufschwungs der alternativen Wahlbewegung, deren Ende gekommen sahen, eine Einschätzung, die bis in die Reihen führender Protagonisten der "Grünen" (206) verbreitet war und die auch durch eine Reihe von Wahlergebnissen unmittelbar nach dem Bonner Regierungswechsel zunächst be-stätigt wurden (207).
Erst der unerwartete Wahlerfolg der "Grünen" in Baden-Württemberg (208), wo es sich die "Grünen" sogar leisten konnten, die Anmeldung ihrer Bewerber in drei Wahlkreisen zu verschlampen (209), was nach dem baden-württembergischen Wahlrecht eine Nichtwählbarkeit der Partei in diesen Wahlkreisen bedeutet, ließ diese Spekulationen vorerst verstummen. Trotz nach wie vor anderer Verlautbarungen, unter anderem von P. Glotz (210), begannen sich die etablierten Kräfte auf eine zumindest mittelfristig gesicherte Existenz der "Grünen" einzu-stellen und deren Politikfähigkeit zu testen.
Wenngleich es verständlich ist, daß die sich nun entwickelnde Strategiediskussion innerhalb der alternativen Wahlbewegung im Wesentlichen um die Frage des Verhältnisses zur SPD bzw. des Verhältnisses von parlamentarischen Positionen zum Primat des außerparlamentari-schen Kampfes, der verbal kaum je in Frage gestellt wurde, kreiste, so ist doch das eigentlich Neue an dieser Situation die gleichsam im Windschatten der zerbröckelnden sozialliberalen Koalition vollzogene Reorganisation der Rechtsparteien.
Hatte für die FDP die von ihr eingeleitete Politik der "Wende" immerhin die wohl größte Exi-stenzkrise ihrer Geschichte nach sich gezogen, deren Ausgang zur Zeit noch nicht abzusehen ist (211), so hatten sich die dreizehn Jahre oppositionellen Schwesterparteien CDU und CSU gründlich regeneriert und ihren klassischen Charakter als Honoratiorenpartei fast unbemerkt abgestreift. Sie waren, die CSU mehr noch als die CDU (212), zu modernen konservativ-dynamischen Volksparteien geworden, die, wie sich zeigte, sehr wohl in der Lage waren, einen heterogenen Block unterschiedlicher Interessen zusammenzuführen, der eine Mehrheit gegen den Restanhang des sozialliberalen (213) bzw. das alternative Lager bilden konnte.
Diese Mehrheitsfähigkeit stellte der neue Machtblock bei den Bundestagswahlen vom 6. März 1983 eindrucksvoll unter Beweis und beendete damit auch die kurze Episode spontaner Empörung über die Art des Regierungswechsels, die bei den Wahlen unmittelbar nach der "Wen-de" der SPD eine kurze , ungeahnte Integrationsfähigkeit bescherte. Dabei hatten CDU/ CSU im Grunde von den gleichen Prozessen profitiert, die auch der alternativen Wahlbewegung ihren Aufschwung ermöglicht hatten, allerdings sozusagen spiegelbildlich.
Hatte das alternative Lager der sozialliberalen Koalition vorgeworfen, daß sie vom Reformkurs der frühen siebziger Jahre abrücke zugunsten eines kapitalistischen Krisenmangements, so konnte sich die CDU/ CSU am Versagen dieses Krisenmanagements profilieren, das sie auf die Leistungsfeindlichkeit und die mangelnde Bereitschaft der sozialliberalen Regierung, weitere Schritte in Richtung auf eine angebotsorientierte Politik zu gehen (214) zurückführen konnte. Wenngleich es in vielen Meinungsumfragen (215) nachgewiesen wurde, daß in Themen, die für die Herausbildung der alternativen Wahlbewegung konstitutiv waren, auch jene-Teile der Bevölkerung, die die Basis der neuen Rechtskoalition ausmachten, erreichten, so ist doch evident, daß hier eine andere Frage eine größere Rolle spielt. Die Sorge um den Erhalt der Umwelt, die Angst vor einem neuen Krieg, aber auch andere Fragen treten zurück hinter dem alles beherrschenden Wunsch, die eigene soziale Existenz zu sichern, was in den Augen einer großen Bevölkerungsgruppe eben nur durch einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung erreicht werden kann. Gerade in diesem Punkt aber hatte die sozialliberale Koalition einen Kompetenzverlust hinnehmen müssen, sozusagen offiziell bestätigt durch die Kritik des rechten Flügels der FDP im sogenannten "Lambsdorff-Papier" (216), ohne daß an dieser Flanke nennenswerte Impulse seitens alternativer Kräfte zu verzeichnen gewesen wären. Die wenigen Versuche, die es in dieser Richtung gegeben hatte (217), waren jedenfalls in der Öffentlichkeit kaum durchgedrungen, zumal sie in striktem Kontrast zu extrem ökologistischen Positionen standen, die zum Teil offensiv ihre Geringschätzung des Arbeitsplatzproblems vortrugen und natürlich von einer interessierten Öffentlichkeit begierig aufgegriffen wurden (218). Besonders kraß waren dabei zweifellos Positionen, wie sie R. Bahro immer wieder in die Öffentlichkeit brachte (219).
So gelang es der CDU/ CSU zunächst, jenen Teil der Desintegration des sozialliberalen Lagers, den die "Grünen" unfähig waren, anzusprechen, aufzufangen und für ihre Politik ver-fügbar zu machen. Es ist allerdings anzunehmen, daß dies eine vorübergehende Erscheinung ist, da sich bislang ein Aufschwung, der auch in der Frage der Bekämpfung der Massenar-beitslosigkeit wirksam ist, nicht abzeichnet. Wohin sich dann allerdings die Enttäuschten wenden, ist noch offen. Immerhin gibt die jüngste Entwicklung in Frankreich einen Eindruck davon, daß sich an diesem Problemkreis durchaus Möglichkeiten eines weiter verschärften Rechtskurses auftun (220).
Die neue Situation, in der sich die alternative Wahlbewegung nach der "Wende" in Bonn befand, hatte mehrere konstitutive Momente:
- einen relativ stabilen Rechtsblock an der Macht, zwar nicht unbedingt, was dessen mittelfristige Perspektiven angeht, aber doch zumindest in der unmittelbaren Situation. Daß dieser Rechtsblock sich den Forderungen der außerparlamentarischen Kräfte gegenüber aufgeschlossen zeigen würde, war kaum anzunehmen.
- eine SPD, der es bemerkenswert schnell gelang, von den Positionen, die sie noch in der Regierungszeit eingenommen hatte, abzurücken. Dies gilt vor allem für die zentrale Frage der Rüstungsproblematik, insbesondere im Zusammenhang mit der Raketenstationierung. Bereits am 16.11.83 hatte der SPD-Parteivorstand einen Leitantrag zum Sonderparteitag am 18.-20.11.83 in Köln gefaßt, der den Delegierten empfahl, der Raketenstationierung "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" (221) nicht zuzustimmen. Auf diesem Parteitag selbst zeigte sich dann, wie isoliert die kleine Gruppe um den ehemaligen Bundeskanzler Schmidt in dieser Frage bereits war: ganze vierzehn Stimmen votierten (bei zwei Enthal-tungen) gegen diesen Antrag (222). Folgerichtig lehnt die SPD-Bundestagsfraktion die Beschlußvorlage der Bundesregierung in der Debatte vom 21.-22.11. ab. Gleichwohl ge-lang es der SPD nicht, sich unter den Bedingungen der Opposition zu einer einheitlichen Alternative gegen den Rechtsblock zu formieren (223).
- eine außerparlamentarische Bewegung, die, vor allem nach dem Raketenbeschluß des deutschen Bundestages, ihren Höhepunkt sichtlich überschritten hatte. Zwar brachte die Friedensbewegung auch im Jahre 1984 noch punktuell (224) Massenaktionen auf die Bei-ne, aber sie blieb doch weit hinter ihrer Mobilisierungsfähigkeit, die sie zwischen dem 10.10.81 und dem Bundestagsbeschluß gehabt hatte, zurück.
Auch nahm das verstärkte Engagement der SPD in der außerparlamentarischen Bewegung (225) den "Grünen" einen Teil ihres Einflusses (226).
- ein ungleich stärkeres Gewicht des parlamentarischen Einflusses der "Grünen", die ausgerechnet in den "Wende"-Bundestag nach den Märzwahlen mit einer Fraktion eingezogen waren, was aber nur der deutlichste Ausdruck der Tatsache war, daß sich die "Grünen", zumindest was ihre parlamentarische Existenz anging, zu einer etablierten Kraft gemausert hatten.
Damit war nun in vielen Parlamenten eine Mehrheit links von der CDU wenigstens rechnerisch möglich bzw. perspektivisch abzusehen (227).
Von besonderer Bedeutung war dabei natürlich der Einzug der "Grünen" in den 10. Deutschen Bundestag, wo sie mit 27 Abgeordneten (und einem Vertreter der AL Berlin) eine Fraktion bilden konnten. Sie hatten immerhin 5,6% der gültigen Stimmen erzielt und damit zum ersten Mal seit 1953 (228) das Kartell der Etablierten (229) aufgebrochen.
Allerdings war der Trend der Wahlergebnisse des Jahres 1983 nicht annähernd so bruchlos positiv wie in den Jahren zuvor. Die " Grünen " erzielten:
- 6. 3..83 Rheinland-Pfalz 4,5%
-13. 3.83 Schleswig-Holstein 3,6%
-25. 9.83 Bremen 5,4% 5 Mandate
-25. 9.83 Hessen 5,9% 7 Mandate
Was immerhin für Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein das Verfehlen des Einzugs in den Landtag bedeutet. Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, daß in Bremen neben den Bundes-grünen noch die alteingesessene "Bremer Grüne Liste" kandidierte, die doch, obwohl sie sich längst weit nach rechts bewegt hatte, ein gewisses Restansehen hatte, für viele, die sich mit den Details der Politik nicht so intensiv befaßt hatten, die Partei verkörperten und es dieser Liste auch gelungen war, mit F. Bettelhäuser (von der Vulkanwerft) einen angesehenen Be-triebsrat zu ködern. Die BGL erreichte immerhin noch 2,4% der Stimmen, hinzu kommt die Kandidatur der BAL (Betrieblich-Alternativen-Liste), die neben Teilen des linksalternativen Lagers vor allem ein Spektrum aus DKP, DS, KPD (231), Gruppe Arbeiterpolitik (232) und ähnliche vereinigte. Da sie ebenfalls 1,4% erhielt, kann angenommen werden, daß das Poten-tials der "Grünen" deutlich höher lag, als es das auf sie entfallene Wahlergebnis ausweist.
Insgesamt hatten die Wahlergebnisse des Jahres 1983 deutlich gemacht, daß es unter den Be-dingungen des Rechtskurses offenbar doch nicht völlig gleichgültig war, welche konkrete Politik vor Ort gemacht wurde, wie es angesichts des recht gleichwertigen Erfolgs lin-ker,rechter und verwaschener ""alternativer""Listen bisweilen hatte vermutet werden können. So standen auch die "Grünen" und die Reste der noch unabhängigen alternativen Wahlbewe-gung vor einer Wende, in der eine Reihe strategischer Fragen neu durchdacht werden mußte. Nämlich:
-wie ist das Verhältnis zur SPD zu bestimmen? Dahinter verbarg sich das für die "Grünen" lebensnotwendige Problem einer sichtbaren Abgrenzung vom sozialdemokratischen Lager, aus dessen Hegemonie sie sich ja erst im Laufe der letzten fünf Jahre gelöst hatten und der nun andererseits immer notweniger erscheinenden Zusammenarbeit sowohl in den außerparlamenatrischen Bewegungen als auch, und dies nun vor allem, in den Parlamenten, wo sich ja nur auf diese Weise Mehrheiten gegen die CDU zusammenschieben ließen, da die "Grünen" ja. trotz aller Erfolge, von einer eigenständigen Hegemoniefähigkeit noch weit entfernt waren. Natürlich drohte hier die Gefahr, für die linke Seite des politischen Spektrums das zu werden, was die F.D.P. mittlerweile für die rechte Seite geworden war (233) - eine Funktionspartei, deren Aufgabe die Beschaffung parlamentarischer Mehrheiten war. Ein Gedanke, der für viele "Grüne", die schon seit der Anfangsphase dabei waren, eine unerträgliche Perspektive sein mußte. Hier gingen böse Worte wie "alternative FDP" bzw. "Juniorpartner" (234) um,
-wie ist das Verhältnis zu den außerparlamentarischen Bewegungen zu sehen, denen die "Grünen" ja ihre Herkunft zu verdanken hatten? Sowohl der parlamentarische Erfolg der "Grünen" als auch das Nachlassen der Massenmobilisierungsfähigkeit dieser Bewegungen hatte es dazu kommen lassen, daß sich das ursprüngliche Verhältnis von "Spielbein" und "Standbein" in sein Gegenteil verkehrt hatte
-wie sollte das Verhältnis zwischen Partei und Fraktionen bestimmt werden?Namentlich die Bundestagsfraktion hatte sich durch ihre Größe, ihren Mitarbeiterstab, ihre finanziellen Mittel (235), nicht zuletzt durch ihren unvergleichlich leichteren Zugang zu den Medien eine starke Stellung erarbeitet, neben der der Bundesvorstand weitgehend in den Hintergrund trat, was zeitweilig durch sehr starke profilierte Persönlichkeiten wie Rainer Trampert oder auch Ru-dolf Bahro überspielt werden konnte. Paradoxerweise wirkte auch der antiautoritäre Impuls der "Grünen", der mitverantwortlich für die vergleichsweise geringe personelle und materielle Ausstattung des Bundesvorstandes war, de facto in Richtung auf eine "Parlamentarisierung" bzw. beschleunigte diese.Bundesvorstand und Fraktion entwickelten sich in der Folgezeit immer weiter auseinander in der Gestalt, daß sich der Bundesvorstand immer mehr zu einem Bollwerk gegen die Verparlamentarisierung formierte (236). Dagegen entfalteten ich in der Bundestagsfraktion immer mehr Persönlichkeiten (237), die einer dauerhaften parlamentari-schen Zusammenarbeit mit der SPD nicht abgeneigt waren. Es ist anzunehmen, daß diese Po-larisierung insofern noch nicht einmal voll zum Ausdruck kam, als ja die tatsächlichen Krfte-verhältnisse im Bundestag diese Frage nicht unmittelbar auf die Tagesordnung setzten, sodaß sich die Hautdebatte zunächst auf die Länder (vor allem: Hessen) (238) verlagerte. Es wäre nicht uninteressant zu untersuchen, inwiefern die unterschiedliche Ausrichtung von Bundesvorstand einerseits und Fraktion andererseits primär auf den Druck der jeweiligen politischen Situation zurückzuführen ist oder ob sich bereits bei der Kandidatur für die jeweiligen Gremien eine Präferenz zum Ausdruck brachte (Motto: Fundis in die Vorstände, Realos ins Parlament). Das soll aber an dieser Stelle dahingestellt bleiben. Immerhin zeigt das Beispiel der hessischen Landtagsfraktion, wie schnell unter veränderten Rahmenbedingungen der urwüch-sige "Fundamentalismus" in "Realpolitik" erfolgen kann, ohne daß hierzu ein nennenswerter Austausch von Personen nötig war. Das läßt tiefe Rückschlüsse auf die tatsächliche Relevanz des "Fundamentalismus" zu, auch wenn einzelne Personen mit bemerkenswerter Zähigkeit daran festhielten. Die hessische Landtagsfraktion hatte bis 1982/83 als Hochburg des "Fun-damentalismus" gegolten und sich auch so gegeben, aber nach der Landtagswahl 1983 innerhalb weniger Wochen den Charakter einer Speerspitze der "Realpolitik" angenommen.
Symbolhafte Bedeutung bekam in diesem Zusammenhang neben der Diskussion über die "Tolerierung" die Frage der "Rotation", d.h. des Prinzips,die gewählten Abgeordneten nach einer gewissen Zeit (in der Regel nach der Hälfte der Legislaturperiode) gegen sogenannte "Nachrücker" auszutauschen. Allerdings bestand dieses Prinzip nicht in allen Landesverbänden in dieser Form, außerdem waren von Anfang an "Ausnahmeregelungen" vorgesehen, so-daß die weitere Entwicklung absehbar war.
Eine weitere Frage mußte unter den Bedingungen des enger werdenden Spielraums beant-wortet werden, nämlich inwieweit die "Grünen" zur Monopolpartei der ursprünglich differen-zierteren Wahlbewegung geworden war oder werden sollte. Noch hielten sich mancherorts ernst zu nehmende Gruppierungen abseits, darüberhinaus gab es immer wieder Versuche, andere politische Projekte am Rande der alternativen Wahlbewegung durchzusetzen. Die meisten davon erwiesen sich zwar sehr bald als Fehlschläge, doch hatte die Situation in Bremen, wo beinahe auch den Bundesgrünen der Einzug ins Stadtparlament mißglückt wäre, gezeigt, daß sich das Problem keineswegs ohne weiteres von selbst lösen würde, jedenfalls nicht ohne ein beträchtliches Risiko für die "Grünen" selbst.
Weniger Bedeutung kam dabei den Resten örtlicher ökologistischer Gruppen zu, die sich noch aus der Frühzeit der Bewegung erhalten hatten, wie etwa der BGL, oder auch rechten Absplitterungen , wie z.B. H. Gruhls ÖDP, die nie mehr wurde als eine unbedeutende Sekte (239), oder auch Gruppen wie der DS oder der Liberalen Demokraten (LD) (240); bedeutsa-mer waren da schon Gruppen wie die BAL oder die "Friedensliste" (241), die einige Ach-tungserfolge errangen und auch, obwohl ihnen der Durchbruch letztlich versagt blieb, immerhin den Anspruch der "Grünen", alle wesentlichen Fermente des oppositionellen Spektrums abzudecken, implizit infrage stellten. Zumindest mittelfristig konnte dies für die "Grünen", wenn es ihnen nicht gelang, ihre strategischen Fragen zu klären, zum Problem werden.
Daneben hielten sich aber auch noch Reste des linksalternativen Spektrums, z.B. die AL in Hamburg, die nur oberflächlich mit den Hamburger "Grünen" zur "GAL" verschmolzen war, oder die AL in Westberlin, die zwar in der Öffentlichkeit als Landesverband der "Grünen" angesehen wurde, aber noch formal selbstständig war und auch die Konkurrenz eines kleinen, offiziellen Landesverbandes ertragen mußte. Dieser war zwar einige Jahre in einer Art "Kühlschrank" deaktiviert worden, als AL-Doppelmitglieder ihm jede eigenständige Aktivität ver-baut hatten (241), wurde jedoch 1983 zur Organisationsplattform einer kleinen "ökolibertä-ren" Gruppe (242), die den linksalternativen Kurs der AL konterkarieren wollte. Ein Versuch, dieses Problem (der Landesverband beabsichtigte, 1985 selbstständig zur Berliner Wahl ge-gen die AL anzutreten) auf der Bundesversammlung in Duisburg (243) durch einen Assoziierungsvertrag, der ein Zusammenwachsen zwischen AL und Bundesgrünen auch gegen den Willen des Landesverbandes durchsetzen sollte, zu lösen, scheiterte an der mangelnden juri-stischen Absicherung, sodaß die in Duisburg gewählt gleichberechtigte Vorsitzende Rebekka Schmidt (von der AL) ihr Amt schließlich nicht mehr ausüben konnte.
In der Zeit zwischen 1982 und 1984 gruppierten sich demgemäß auch die bislang innerhalb der "Grünen" bestehenden Strömungen und fraktionellen Zusammenhänge um, formierten sich zunehmend an neuen Fragestellungen. Der hierbei ablaufende Prozeß war allerdings sehr widersprüchlich. Zwar war der alte, bürgerlich-konservative, teilweise reaktionäre "Ökologismus" abgedrängt worden zugunsten eines mehr der Tradition der siebziger Jahre verhafte-ten radikaldemokratisch-sozialstaatlichen Ansatzes, andererseits aber entwickelte sich dieser Ansatz zunehmend in die Richtung eines neuen "Ökologismus", dies selbst bei solchen Kräf-ten, die dazu ursprünglich ein mehr oder weniger taktisches Verhältnis gehabt hatten (244) und die eigentlich nur eine neue Massenbasis für ihre alten Ziele gesucht hatten, nachdem sich das zunächst ins Auge gefaßte Proletariat verweigert hatte.
Dabei vollzog sich bei den "Grünen" auch, ungeachtet aller Differenzen aus der Anfangszeit ein Angleichungs- und Vereinheitlichungsprozeß aller Landesverbände ( von Sonderfällen wie zunächst in Westberlin angesehen), was darauf schließen läßt, daß die Eintritte bei den "Grünen", die zwar auch in dieser Zeit nicht gerade zur Massenpartei wurden, aber doch ste-tig zulegten, weniger aufgrund einer ganz konkreten Politik zustande kamen, als vielmehr auf der Grundlage des Bildes, daß die "Grünen" in der Öffentlichkeit (vermittelt durch die Medi-en) boten und die Unterschiede zwischen den einzelnen Landesverbänden, die nur Insidern -geläufig waren, nivelliert wurden, womit auch die zahlreichen taktischen Spielchen einiger Protagonisten gegenstandslos wurden.
Im wesentlichen vereinigten schließlich alle Landesverbände, auch wenn regionale Besonderheiten nicht völlig verschwanden, ein weitgehend ähnliches Spektrum. Jedenfalls wurden Ge-gensätze, wie sie noch 1983 zwischen dem Hamburger und Bremer Landesverband bestan-den, der damals noch R. Bahro folgte (245), ebenso hinfällig wie das spezifisch "radikalökologische" Profil der "Grünen" in Hessen, namentlich in Frankfurt, wo die "grüne" Römer-fraktion ein zeitlang ein stabilisierendes Zentrum gegen den "realpolitischen" Trend bilden konnte (246).
Auch mit der Sonderentwicklung in Baden-Württemberg war es nach der Kandidatenaufstel-lung zu den Wahlen 1984 vorbei, die profiliertesten "Ökolibertären", die bis dahin das Gesicht des LV nach außen dominiert hatten, gerieten in die Minderheit.
So formierten sich unter den Bedingungen der "Wende" in Bonn die Grundströmungen bei den "Grünen" auf bundesweiter Grundlage neu.
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Autor: © Charly Kneffel
last Update: Fr., 12.11.1999
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