Kommentar zur Halbzeit in der Regionalliga Nordost
Union wird Herbst-Meister
Halbzeit in der Regionalliga Nordost. Das ist natürlich noch zu früh, um endgültige Urteile abzugeben. Aber klar ist, diese Saison hat es in sich. Es ist die Saison, in der sich für viele Vereine (naja) schlicht entscheidet, wohin der Weg geht, für einige mit hoher Wahrscheinlichkeit in die sportliche (und damit finanzielle und öffentliche) Bedeutungslosigkeit.
In dieser Saison endet die Geschichte der Regionalligen. Ab der Saison 2000/2001 wird eine zweigleisige dritte Liga gebildet. Zur Qualifikation dazu berechtigen prinzipiell die ersten sechs Plätze, bei einem Aufstieg des Meisters eventuell auch der siebte Rang (finanzielle Qualifikation vorausgesetzt). Das hatte schon vor der Saison zu einer beachtlichen "Aufrüstung" der Aspiranten geführt. Die Münchner Firma "Kino-Welt" übernahm vertraglich einige Klubs (darunter den 1.FC Union), wie auch gleichzeitig in anderen Regionalligen. Schon früher hatte dieses Engagement zu einigem Erfolg geführt (so stieg der Kino-Welt Verein Waldhof Mannheim im letzten Jahr in die zweite Liga auf). Aber absehbar ist, dieses flächendeckende Engagement wird nicht auf Dauer Bestand haben, sondern nur bei Erfolg fortgesetzt. Zahlreiche Vereine haben überreizt und stehen in Insolvenzverfahren bzw. kurz davor oder haben sich, wie RW Erfurt, durch zeitweilige Zwangsverwaltung einstweilen gerettet. Auf der Strecke blieben die Teams, die in diesem Spiel, trotz zuweilen beachtlicher sportlicher Leistungen und aufopferungsvollen ehrenamtlichen Einsatzes , nicht (finanziell) mithalten konnten. Das führte in den letzten Jahren zum Sterben aller klassischen Westberliner Vereine: Hertha 03 Zehlendorf, Spandauer SV, Reinickendorfer Füchse und schon früh SC Charlottenburg. Die Ausnahme von der Regel ist Tennis Borussia Berlin aus den bekannten Gründen (Göttinger Gruppe). So ist die heutige Regionalliga Nordost eine leicht modifizierte DDR-Oberliga. Die Modifizierungen sind die Anwesenheit der Amateur-Abteilungen von Tennis Borussia und Hertha BSC sowie das "Abheben" der Zweitligisten Chemnitzer FC und Energie Cottbus und natürlich Hansa Rostock.
In dieser ersten Saisonhälfte hat sich bereits die Spreu vom Weizen getrennt. Der FSV Zwickau ist pleite und sportlich buchstäblich am Ende, zumindest finaziell zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung für den VFB Leipzig ab. Von anderen Clubs wird dies gemunkelt.
Dabei zeichnet sich erstaunlicherweise eine Entwicklung ab, die die Underdogs der alten DDR nachträglich rehabilitiert. Die schon zu DDR-Zeiten populären, aber immer ein bißchen (leicht euphemistisch) diskriminierten Vereine setzen sich (weil sie für Sponsoren attraktiver sind?) durch gegen die Proteges der DDR-Nomenklatura. So ist der lange Jahre nach der "Wende" am Rande des Abgrunds stehende 1.FC Union die Mannschaft der Stunde und kann sich wohl nur noch selbst stoppen. Mag die Überlegenheit rein vom Punktestand aus betrachtet auch nicht zwingend sein, so zeigt doch eine genaue Analyse des Saisonverlaufes, wie das tatsächliche Kräfteverhältnis aussieht. Der zweite Sieger in dieser späten Revanche ist Sachsen Leipzig (mit Chemie Leipzig als Kern). Dagegen wird der VFB die alte Lokomotive nicht los. Erzgebirge Aue, SV Babelsberg 03, dazu RWE, dessen finanzielle Situation z.Zt. nicht einzuschätzen ist, das ist der Kern der Aufstiegsaspiranten.
Unaufhaltsam, aber durchaus verdient vollzieht sich das Ende des BFC Dynamo, das wohl auch durch Jürgen Bogs nicht zu verhindern sein wird. Zu sehr lastet diesem Verein das Image des MFS und des Erich Mielke an. Versuche, den Verein zu erneuern, ihn gewissermassen in der neuen (eigtl. alten) Gesellschaft ankommen zu lassen, waren nur halbherzig. So griff der BFC (das war er ja immer) in seiner Not zur Nostalgie. Aus dem FC Berlin wurde korrekterweise wieder der BFC Dynamo. Und Jürgen Bogs, Trainer der "herausragenden" Meistermannschaft von 1979 bis 88 kehrte zurück. Aber die Flucht nach vorn ist eine Flucht in den Abgrund. Die früher diesen Verein unterstützten, sind längst nicht mehr in Amt und Würden oder ihre Fußballbegeisterung war wohl stärker politisch bestimmt. So bleibt dem BFC Dynamo als letzter Kern der traurige Haufen der Hools, deren eigentümliche Mischung aus Rechtsradikalismus und DDR-Nostalgie perspektivlos ist. Am Ende ein Hauch von Tragik. Aber: was soll´s?
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Autor: © Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Di., 14.12.1999
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