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im Roten Salon


Von Denkstarre zu Denkstarre

Mit Reinhard Mohr durch die Geschichte der Westlinken

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche. An diese alte Spruchweisheit muß unweigerlich denken, wer sich mit Reinhard Mohrs Text "Von der Revolte zur Denkstarre" (DER SPIEGEL 48/99) befaßt. Reinhard Mohr, bis weit in die 80er Jahre hinein ein äußerst strammer Vertreter jener sich selbst als undogmatisch, aber radikal verstehenden Linken, die er nun als Spiegel-Redakteur von außen beobachtet, ärgert sich sehr über die Linke. Sie sei nicht lernfähig, habe die "große Chance von 1989" nicht genutzt, sie verweigere sich der Realität, verharre trotzig in Abwehrkämpfen und ihren alten Weltbildern, die immer mehr den Charakter von bedingten Reflexen annehmen. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: was soll eigentlich das Ganze? Denn das Bild , das Reinhard Mohr von dieser Linken zeichnet - übrigens in weiten Teilen durchaus zu Recht - ist ein Bild des Jammers. Warum also sich damit überhaupt beschäftigen? Das bleibt unklar. Die persönliche Vergangenheitsbewältigung des Reinhard Mohr allein wird es ja wohl nicht sein, soll ein Teil der Linken doch noch gerettet werden ? Wenn ja, wofür? Oder ist es der herablassende Spott des Siegers, wenn auch eines Siegers, der es selbst nur gerade in letzter Sekunde geschafft hat? Um es vorweg zu sagen: ich kann mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, daß das stärkste Motiv in einer Art Präventionsabsicht liegt. Denn wenn auch die Krise aller Spielarten linken Denkens in der Bundesrepublik (und beileibe nicht nur dort) offenkundig sind, so ist doch nicht ganz so klar, daß dies auf ewig so bleiben muß.

Doch im Moment ist die Situation für alle Gegner der Linken günstig und so gibt es überall Versuche, den verhaßten Gegner nun endgültig (oder doch zumindest für lange Zeit) loszuwerden.

Reinhard Mohrs Kritik steht nicht im luftleeren Raum. Sie ist parteilich. Was sie von der Linken einfordert ist Realismus. Darunter versteht Mohr das, was sich heute selbst so nennt, z.B. grüne "Realpolitik". Einer seiner Helden ist Joschka Fischer - "unbestreitbar der Mann des Jahrzehnts" - , aber ein gefesselter Prometheus. Er mußte "statt Klartext zu reden, allzu oft in Watte sprechen". Solche erzwungene Zurückhaltung führt dann dazu, daß auch die Gelegenheiten, wo eigentlich ernsthaft Politik entwickelt werden müßte, verpaßt werden. "Der jüngste Strategie-Kongreß der Ökopartei hat das ganze Ausmaß der inzwischen erreichten Gedankenarmut, Stagnation und politischen Mutlosigkeit noch einmal offenbart". Recht hat er ja zuweilen, der Mohr.

Es gehört allerdings auch nicht viel dazu, die Ratlosigkeit, das ständige Hin- und Herschwappen zwischen spontaner Empörung und tiefster Mutlosigkeit, die deutlichen Absetzbewegungen vieler Linker meist in die Apathie, den realgrünen (oder sozialdemokratischen) Mainstream oder, seltener, das offene Renegatentum hin zu konservativen Positionen, ja in einigen Fällen sogar bis hin zu teilweise faschistischen Positionen, zu bemerken und zu beschreiben. Bewundernswert sind da eher schon die Personen, die es schaffen, alles zu ignorieren und einfach den alten Stiefel weiter zu betreiben. Aber das gibt sich mit der Zeit. Es ist schon wahr: diese bundesdeutsche Linke (sowohl die "revolutionäre" als auch die gemäßigte) hat Niederlagen erlitten, deren Verarbeitung bis auf den heutigen Tag nicht gelungen ist. Sie hatte sich - eigentlich erstaunlich für eine Linke - in den bestehenden Verhältnissen behaglich eingerichtet. Deutschland war ein geteiltes Land und die Fortexistenz beider deutscher Staaten schien eine Grundkonstante der politischen Entwicklung auf Jahrzehnte zu sein. Ebenso war die Existenz zweier Lager - wenn auch gelegentlich kritisiert - doch im Grunde einfach immer mitgedacht. Auch darf man nicht übersehen, daß die ganze deutsche Westlinke, ungeachtet ihrer Ideologie, immer eine "Boomlinke" war. Das Funktionieren des gesellschaftlichen Systems mitsamt seines Wohlstandes war die Vorausetzung des "Postmaterialismus", des "Wertewandels", in Grunde das fordistische parlamentarische System, das nun zuweilen auch mit der vergnüglichen Vokabel "rheinischer Kapitalismus" bedacht wird. Radikale Sozialisten der frühen 70er Jahre wie Jochen Steffen wollten die Wirtschaft bis an "die Grenzen der Belastbarkeit" austesten. Und - sagen wir es offen - die Linke in der alten BRD war eine bürgerliche Linke, auch wenn sie sich, wie um ein altes Wort von Karl Marx aus dem "18.Brumaire des Louis Bonaparte" zu illustrieren, zu Zeiten so ppproletarisch gab, wie es nie einem echten Proletarier eingefallen wäre. Wenn Reinhard Mohr von der "Linken" spricht, ist auch klar, wer der Adressat dieses Etiketts ist: es ist jener Teil der 68er und vor allem der Postachtundsechziger, der mittlerweile einen großen Teil des politischen und kulturellen Leitungspersonals dieser Republik stellt. Auch die, die es nicht zu Leitungsfunktionen gebracht haben, sind doch irgendwie virtuell mit dabei. Das Problem dieser Linken liegt nun aber darin, daß just zu dem Zeitpunkt, als sie sich in der Zeit wenige Jahre nach 1968 als Bewegung mit kulturrevolutionärem Charakter konstituierte die Bedingungen ihres Aufkommen ökonomisch bereits überwunden waren. Spätestens ab 1973/74 war die Zeit, in der man mit einer gewissen Berechtigung annehmen konnte, der Kapitalismus habe seine althergebrachte Krisenanfälligkeit überwunden und auch die Wirtschaftskrise von 1929 sei - hätte man nur damals die Theorien von Keynes gekannt - vermeidbar gewesen mit allen Folgeerscheinungen, die sich daraus ergaben.

Letztlich muß man wohl eingestehen, daß das , was in Folge von 68 geschah, eine Bewegung der bürgerlich demokratischen Mittelschichten (Karl Marx hätte von "Kleinbürgern" gesprochen) war, die ausgehend von einer im großen und ganzen prosperierenden krisenfreien Wirtschaft, postmaterialistisch emanzipatorische Ideologien entwickelt, deren virtuelle Charakter ihr nie richtig bewußt wurde. Dem widerspricht überhaupt nicht die wohlstandsökologische Wende Ende der 70er Jahre, deren Ideologie in Ländern mit wirklichen ökonomischen Problemen (und auch bei der heimischen Arbeiterklasse bzw. den Unterschichten) nie nachvollzogen werden konnte. Ebenso der bisweilen hysterische Katastrophismus der frühen 80er, obwohl vielleicht gerade hierbei noch der meiste Realismus vorhanden gewesen sein mag. - Immerhin hätte ein Gesellschafts-, Staaten- und Militärsystem wie der "reale Sozialismus" auch anders untergehen können, als es dann tatsächlich geschah, und daß wir nicht ökonomisch auf längere Sicht so weiter machen können wie bisher üblich, ist allgemein bekannt, wenn es auch verdrängt wird. - Alle diese Ideologeme, und dazu die der Anhänger des realen Sozialismus, die es wohl zumindest in der DDR in beträchtlicher Zahl gegeben hat, sind nun obsolet. Von daher nimmt es kein Wunder, daß die jüngere deutsche Geschichte den Epigonen von 68 wie eine manifeste Widerlegung ihrer bisherigen Gewißheiten erscheint. Stimmt ja auch. Aus einer solchen Situation gibt es aber der Logik der Dinge nach nur drei Auswegmöglichkeiten. Die des trotzigen Weitermachens. Eigentlich war ja alles richtig, aber der Verräter Gorbatschow, oder die konsumsüchtigen DDR-Bewohner (gilt übrigens auch für die bundesdeutschen Unterschichten) oder die Opportunisten, die Manipulationen der Medien und der Korruptionsdruck der Verhältnisse. Dagegen schwingt die immer bizarrer, aber auch immer kleiner werdende Schar der Unentwegten ihre rote (schwarze, violette) Fahne und wartet einfach ab, bis bessere Zeiten kommen. Mit diesem Trupp, dessen Perspektivlosigkeit offenkundig ist, hat Reinhard Mohr natürlich leichtes Spiel. In der Tat: Was soll eine Parole wie "Nie wieder Deutschland"? Mit viel gutem Willen kann man natürlich einen halbwegs rationalen Sinn hineininterpretieren. Mann kann es aber auch bleiben lassen. Gemeint könnte natürlich sein: nie wieder ein aggressiver deutscher imperialistischer Nationalstaat (meinetwegen auch mit etwas anderen Adjektiven) - aber wenn das gemeint ist, warum sagt man es dann nicht? Natürlich steckt dahinter jener unreflektierte Selbsthaß einer deutschen Linken, der die ewigen Niederlagen längst ein identitätsstiftender Faktor geworden sind. Daß sie sich damit nur um so mehr isolieren , verschärft ihre Verrücktheiten. Wenngleich der soziale Druck, die relative Verelendung, die gelegentlich schon existenzbedrohend ist, einen gewissen Nährboden für solche Strömungen abgibt und natürlich auch den soziologischen Archetyp des ewigen - quasi religiösen - Sektierers magisch anzieht, ist hier die weitere Entwicklung absehbar.

Weiter verbreitet ist der Typus des "Realisten", zu dem auch Reinhard Mohr gehört. Dieser hat gelernt. Immerhin: die alten Vorstellungen waren wohl gut, aber doch utopisch. Man muß einfach den Tatsachen in´s Auge sehen. Natürlich sind wir gegen Kriege, aber wer hätte dann Hitler verhindert und so: wehret den Anfängen. Substantiell betrachtet bleibt eigentlich fast nicht von den übrig, was einmal als typisch links galt. Wenn Reinhard Mohr fragt "Zum Beispiel: Wie ist Rußland daran zu hindern, postkolonialistische Kriege wie derzeit in Tschetschenien zu führen? Braucht es so etwas wie einen institutionalisierten Moralkodex angesichts der rasanten ökonomischen Globalisierung? Müssen und können die weltweiten Finanzströme überhaupt gebändigt werden? Ist der Nationalstaat tot und welcher Form von staatlicher Souveränität wird es in der gemeinsamen Zukunft Europas, im Rahmen der Vereinten Nationen geben?.." bewegt er sich bereits ganz in den Kategorien der bürgerlichen Politologie. Der Staat wird unversehens zu "unserem" Staat, als wenn er den Krupps und den Krauses (um ein abgedroschenes Topos zu benutzen) gleichermaßen gehört. Was bleibt dann eigentlich noch links? Es dürfte im wesentlichen ein aus biographisch bedingter Nostalgie gespeistes Feeling sein, eine hedonistische Lebenskultur, aber das können Rechte auch haben. Im Grunde ist es wohl nur der Wunsch nach einem halbwegs stimmigen Lebensbild, verbunden mit der Anhänglichkeit an Symbole, die an das alte Linkssein erinnern. Was bleibt ist "politische Korrektniß", das traurigste Symbol der geistigen Verarmung. Der Mainstream-Opportunist ist sich selbst treuer, als er sich eingestehen mag. Links erscheint ihm der utopische Überschuß, rechts das wirkliche Leben, dem man sich stellen muß, um einen Rest der alten Identität zu behalten. Gemeinsam ist sowohl den linksradikalen Utopisten als auch den linksliberal gewordenen "Realisten" die Kapitulation vor der als übermächtig empfundenen Wirklichkeit. Die Linksliberalen haben aufgegeben, weil sie ein Verständnis von den Möglichkeiten einer realen Gesellschaftsveränderung nie hatten, die Linksradikalen leben die Pubertät in Permanenz aus dem gleichen Grunde. Sie sind sich geistig viel näher als sie glauben und können daher gut pendeln: in beide Richtungen, aber immer mehr von links nach rechts.

So ist der Weg vom Radikalismus zum Liberalismus ein Weg von Denkstarre zu Denkstarre.

Der Weg der Weltgeschichte hat sich aber selten im Sinne einer linearen Weiterentwicklung des Bestehenden entwickelt, wie es offenbar die "Moderne"-Theoretiker glauben. Schon ein Blick auf die letzten 200 - 300 Jahre zeigt das. Vonnöten wäre nicht die Affirmation des Bestehenden verbunden mit intellektueller Kritik, sondern harte - geistige, politische und organisatorische - Arbeit. Für ein neues Projekt: realistisch und revolutionär. Das steht an.

Aber das ist eine andere Geschichte.

  • Autor: © Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Mi., 15.12.1999