"Der Traum geht nicht unter"
In "DER SPIEGEL" vom 27.12.99 interviewten Rüdiger Falksohn und Olaf Ihlau den britischen Historiker Eric Hobsbawm. Das Interwiew wurde vom SPIEGEL mit "Der Traum geht nicht unter" betitelt.
Es folgt eine kurze Besprechung.
Vereinzelt gibt es sie noch: die Sozialisten. Solche Menschen, für die der Kapitalismus, unter welchen Bezeichnungen auch immer, nicht das letzte Wort der Weltgeschichte ist. Im öffentlichen Diskurs kommen sie eigentlich nicht vor, man bemerkt ihre Spuren in aller Regel nur dadurch, daß es die Klopffechter der "neuen Weltordnung" immer mal wieder für notwendig halten, den Gedanken des Sozialismus, allgemeiner der radikalen Linken, propagandistisch niederzumachen. Ein wenig zu oft. Die ständige Betonung des Satzes "Der Sozialismus ist erledigt" zeigt, daß es nicht so ist. Doch es sind nur wenige, die sozialistische Gedanken noch offensiv vertreten und auch ernst genommen werden können. Fidel Castro ist so einer, Ernest Mandel blieb bis zu seinem Tode - zumindest nach außen - ungebrochen und kreativ, in diese Reihe gehört auch Eric Hobsbawm. Freilich ist Hobsbawm´s Marxismus ein liberalerer Marxismus, was die politische Sphäre angeht. Das mag mit der Profession zusammenhängen. Ein Revolutionär, der zum Staatsmann geworden ist, hat naturgemäß andere Probleme und daher eine andere Sichtweise. So ist Hobsbawm reflexiver, ja medidativer.
Eric Hobsbawm prägte das Wort vom "kurzen zwanzigsten Jahrhundert". Durch diese Wort versucht er, das 20.Jahrhundert nicht primär von den Jahreszahlen her zu definieren, sondern als politische Sinneinheit zu begreifen. So gesehen ist das jetzt vergehende Jahrhundert real auf die Zeitspanne von 1914 bis 1989 zu reduzieren, während das neunzehnte die Zeit von 1789 bis 1914 umfaßt.
1914, der "Ausbruch" des "Großen Krieges", ist der Startschuß - die "Ursünde" - dieser Zeiteinheit. Von 1914 läßt sich alles herleiten. Die Oktoberrevolution als unmittelbare Folge des Massenschlachtens, der Faschismus - sowohl als (klein-) bürgerliche Reaktion (im wahrsten Sinne des Wortes) auf die sozialistische Bedrohung als auch als imperialistische Formierung zum Revanchekrieg, der Zerschlagung der Arbeiterbewegung (in diesem Zusammenhang bleibt Dimitroffs Definition des Faschismus immer noch gültig, wenn sie auch die Spezifik des faschistischen Massenanhangs und seine mörderische, in keinen rationalen Zusammenhang zu bringende, Dynamik, die im Holocaust mündete, nicht zu fassen vermochte), der staatlich organisierte industrielle Völkermord, der "Kalte Krieg", der ja nur den großen Zusammenprall aussparte und die kleinen Kriege als notwendigen Bestandteil in sich trug, schließlich der scheinbare Endsieg der bürgerlichen Ordnung, als das staatssozialistische Modell, eingekreist und überfordert, gleichwohl von Hybris befallen, kollabierte.
Doch es ist mehr zusammengebrochen als die Herrschaft einer korrupten, verkommenen Nomenklatura - der ganze, aus der Tradition der Aufklärung übernommene - Fortschrittsgedanke ist im Grunde obsolet, hält sich nur noch in den Sozialwissenschaften und einem Teil des Feuilletons.
Hobsbawm spricht von "Auschwitz und Disneyland", zugegeben ein Unbegriff. Noch im 19. Jahrhundert wurde "Fortschritt" linear gesehen. Industrielle Revolution, der Gedanke der Aufklärung - die "Ideen von 1789", schließlich der Marxismus, der die Utopie zur Wissenschaft machte - das schien Hand in Hand zu gehen. So war auch der soziale Fortschritt, die Demokratie, in einem progressiven Gesamtprozeß integriert. Die "Rechte", gebunden an überholte Formen gesellschaftlichen Lebens, kämpfte nur noch Rückzugsgefechte, verbissen zwar - auch brutal - aber es waren doch Rückschritte, Versuche den Fortschritt aufzuhalten. So erschienen die "modernen" bürgerlichen Staaten Westeuropas, auch Nordamerikas, die Modelle der Entwicklung zu sein, Deutschland ging einen "Sonderweg". Sicher hätte sich zu allen Zeiten viel gegen dieses gedankliche Modell einwenden lassen, aber es wurde - jedenfalls im linken, liberalen Milieu - niemals getan und so lebten noch die 68er vom Gedanken, an der Spitze der Bewegung zu stehen. Damit ist es nun vorbei.
Hobsbawm ist Skeptiker, was manche für unmarxistisch halten. Er sieht den realen Sozialismus als gescheitert, aber auch den Versuch, dem Kapitalismus ein "menschliches Antlitz" zu geben.
Demokratie und Markt stünden - auf lange Sicht - gegeneinander. "Wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll, kann der Kapitalismus der Krisenjahre kein haben" . Eigentlich klar. Jeder Entwicklungsgrad ökonomischer Verhältnisse erfordert die zu ihm passenden politischen und sozialen Verhältnisse. Wo die Produktivkräfte Weltniveau erreichen, d.h. alles global organisiert wird, muß auch die Gesellschaft globalen Charakter bekommen, sei es demokratisch oder auch despotisch (denn auch das geht, und es war nicht nur der ewige Außenseiter Wolfgang Harich, der die "Ökodiktatur" forderte). Ein Grundfehler der heutigen Diskussion links ist, daß sie glaubt, der Grad der Verwissenschaftlichung und Technologisierung erfordere Demokratie. Wieso eigentlich. Welcher Konzern ist denn demokratisch organisiert? Und sie gedeihen prächtig. So wäre auch die Entpolitisierung - was H. durchaus sieht - eine reale Möglichkeit einer High-Tech-Gesellschaft. Jeder kann denken, was er will, solange es nicht praxisrelevant wird. Der Mensch als atomisiertes Individuum korrespondiert durchaus mit dem Bonapartismus.
Die USA schicken sich an, die Weltherrschaft zu erobern, zumindest den Weltpolizisten zu spielen. Natürlich weiß jede einigermaßen verantwortliche US-Administration, daß dies nicht aus eigener Kraft allein möglich ist. Hier sind starke, aber kontrollierbare Verbündete vonnöten. Dennoch wird es wohl nicht reichen. So steuert die Welt auf ein Oligopol einiger Mächte zu. Hobsbawm sieht drei Gruppen: die USA, die EU und Japan. Noch ist fraglich, ob die EU (oder eine andere Form von Europa) Geschichtsmächtig werden kann. Dies wird davon abhängig sein, ob Europa durch Verbreiterung zu einer Institution wie der UNO wird oder ob einer oder mehrere Staaten die Führung übernehmen. Warum H. Rußland bzw. China vernachlässigt, ist mir nicht nachvollziehbar. So bleiben die Vorstellungen H.´s da, wo sie konkret sein müßten, merkwürdig vage. Das ist das Privileg des Alters. Doch der Grundsatz stimmt hoffnungsfroh:
"... Ziemlich traurig, daß nur der Papst, als einzige Person von wirklich internationalem Einfluß, klar sagt, es gäbe etwas Besseres als der Kapitalismus. Doch das ist meiner Ansicht kein Dauerzustand. Es werden sich wieder Tendenzen einstellen, etwas offen zu sagen und Bestehendes in Frage zu stellen ..."
Wohl wahr. Fangen wir an!
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Interview mit: Eric Hobsbawm
Quelle: © Der Spiegel v. 27.12.1999
last Update: Do., 30.12.1999
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