Charlys Homepage
im Roten Salon


Das Elend des Dr. Peter Kratz

Eine dringend notwendige Polemik gegen das wirre Denunziantentum von "links"

Schon der Vorspann läßt aufhorchen: "Die rechtsextremen Einlassungen des ehemaligen Apo-Führers und heutigen Politik-Dozenten Bernd Rabehl vor einer Burschenschaft waren kein Ausrutscher. Sie haben eine Tradition, die über die Apo bis in die Zeiten des SA-Stabschefs Ernst Röhm reicht."

Uff! Das sitzt nun aber. Was soll das sein? KONKRET oder SUPER-ILLU? Im Ernst: geht es nicht vielleicht eine Nummer kleiner? Wieso eigentlich nur bis Ernst Röhm? Ist der etwa vom Himmel gefallen? Das ist doch die Tradition der leicht dissidentischen Teile der Nazis, die ihre Wurzeln bei den Alldeutschen hat, die wiederum - irgendwie - mit dem Wandervogel zusammen hängen und das alles doch wohl mit den Anthroposophen(Rudolf Steiner - der führt zu Beuys und Schily und schon sind wir bei den Grünen), mit Houston Stewart Chamberlain, Richard Wagner, August Heinrich Hoffmann, der Deutschen (groß geschrieben!) Romantik, die wiederum mit Sturm und Drang und alles letztlich auch mit Martin Luther und Friedrich Barbarossa. Weitere Rückgriffe, die bis auf Arminius, den Cherusker, zurückführen könnten, erspare ich mir.

Es ist schon ein Ärgernis, was Peter Kratz und Lorenz Schrötter unter dem Titel "An der schönen braunen Danubia I u. II" leider in KONKRET 11 und 12/99 vorgelegt haben. Ein sich auf sieben Seiten ausdehnendes, praktisch ohne ein einziges Argument auskommendes, sich aber als radikal konsequent antifaschistisch gerierendes Elaborat, das einmal mehr das ganze Elend der militanten "political correctness" ausweist, wenn auch sicher unbewußt.

Das Motto ihres Essays haben die Autoren selbst definiert, wenn auch in Bezug auf Rabehl. Wenn sie schreiben: "Rabehls Sicht auf die derzeitige Weltlage ist offensichtlich paranoid und verschwörungstheoretisch bestimmt ..." so charakterisieren sie damit ihr eigenes Werk. Da bleibt kein Auge trocken. Zunächst: zur Schrift Rabehls gäbe es einiges zu sagen; doch dazu wäre es erforderlich, den Text der Danubia-Rede zur Kenntnis zu nehmen, in einen Zusammenhang zu anderen Äußerungen Rabehls zu stellen und dann zu analysieren. Das erfolgt aber nur ganz am Rande. Kratz` Vorgehensweise hat allerdings in der Linken Tradition: es ist die berüchtigte Methode "Müller hat in der Organisation X, deren Vorsitzender Meier ist, eine Rede gehalten, dabei traf er auf Schulz und Wagner. Wagner war ..." usw. usf. Nicht, daß dies völlig unnütz wäre. Das Aufdecken von direkten und indirekten Verbindungen, Beziehungen etc. ist eine wichtige Vorstufe und kann die Analyse erleichtern. Aber auch nur das. Eine Analyse ersetzen kann diese Methode nicht. Diese erfolgt aber nicht sondern wird durch einige Behauptungen, die nicht näher belegt werden, ersetzt.

"... Eine gründliche Analyse zahlreicher Veröffentlichungen Rabehls aus den letzten Jahren und seiner vergangenen und für die kommenden Semester angekündigten Lehrveranstaltungen zeigt, daß er gemeinsam mit anderen an einem Paradigmenwechsel der Neuen Rechten zu arbeiten scheint, der darauf hinausläuft, das Feindbild einer Hegemonialmacht USA als dem Hauptgegner der Deutschen aufrechtzuerhalten ..." (KONKRET 11/S.37)

Aha! Tut er es nun oder tut er es nicht? Mit welchen anderen? Und was ist mit US-amerikanischen Veröffentlichungen, die eben diesen Anspruch formulieren? (z.B. Brzesinski?) Ist die USA nun die einzige Supermacht bzw. will es werden? Und ist der, der dies formuliert, damit ein "Nationalrevolutionär"?

"... Was will Rabehl? Vieles klingt wirr und abstrus, soll vielleicht noch nicht klarer ausgesprochen werden, zeigt jedoch in der Zusammenschau seiner zahlreichen Äußerungen eine Kontur. Die erste Überfremdung der Deutschen sei als "re-education" mit den Siegern des zweiten Weltkrieges gekommen, die Besatzungsmächte hätten ab 1944 die Auslöschung der kulturellen und politischen deutschen Traditionen geplant ..." (S. 37)

Schön. Nur - das Konzept und auch die Bezeichnung "re-education" ist keine Erfindung Rabehls. Es war in der Tat ein amerikanisches Konzept, so bezeichnet und so durchgeführt. Dabei ging es um die Frage, wie eine "Kulturnation" wie die deutsche eine so barbarische Erscheinung wie den Faschismus (in seiner nun wirklich einzigartigen Form in Deutschland mitsamt dem Holocaust) hervorgebracht hat. Gegen Hitler wirkte Mussolini wie ein leicht übergeschnappter Dorfbürgermeister. Dies wurde aus spezifischen deutschen Traditionen erklärt, die es zu beseitigen galt, um eine Wiederholung dieses Phänomens zu verhindern. Dazu wurden Vertreter der "Frankfurter Schule" (ich verzichte darauf, die Problematik dieses Begriffes hier zu erörtern) in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst eingesetzt. Es gibt dazu seitenlange Äußerungen von Herbert Marcuse und anderen. Ob die amerikanische Erklärung des deutschen "Nationalsozialismus" korrekt war, mag dahingestellt bleiben. Aber es war nun mal die Vorstellung. Und sie war doch nun angesichts dessen, was Deutsche angerichtet hatten, zumindest naheliegend. Die Frage stellt sich natürlich, was das für Auswirkungen hat. Aber im Ernst: kann die Benennung unbestreitbarer Tatsachen unzulässig sein? Das dies mißbraucht werden kann, ist unbestritten, aber das kann doch nichts anderes heißen, als diesem Mißbrauch entgegen zu treten.

Und wenn die "Analyse" der Rabehl`schen Veranstaltungen sein "neurechtes" Konzept beweist, wäre es doch angebracht, diese Analyse einmal präsentiert zu bekommen. Man ahnt es schon: nichts davon. Das heißt, eins wird doch erwähnt: Rabehl plant eine Veranstaltung über Paul Lafargue "Das Recht auf Faulheit". Das wird diverse Arbeitsloseninitiativen und die "Hängematten" aber freuen. Die vertreten nämlich denselben Standpunkt.

"... Mit dem Recht auf Faulheit - so ein Seminarthema des kommenden Semesters - sei vielleicht eine deutsche Alternative zu den amerikanisch orientierten Lösungsvorschlägen des Schröder-Blair-Papiers möglich ... Faulheit hat ihren Preis, und so liegt der Verdacht nahe, daß in der Wirklichkeit des Kapitalismus von morgen aus dem utopischen Recht auf Faulheit des Individuums eine Pflicht zum Verzicht für Deutschland wird: weniger arbeiten, weniger verdienen, dafür aber mehr deutsches Gedöns." (S. 37)

Der Verdacht liegt also nahe! Wo bitte schön steht irgend etwas in der Richtung bei Rabehl? Müssen wir nun alle Anhänger ausgerechnet von Schröder und Blair werden? Prost Mahlzeit.

Natürlich ist es statthaft, das Konzept "Recht auf Faulheit" in Frage zu stellen. Es gäbe jede Menge zu tun und das ganze Gerede vom "Ende der Arbeit" beruht doch nur auf einer Verwechslung von gesellschaftlich-notwendiger Arbeit mit Lohnarbeit. Nur - gerade diese Argumente kommen von Kratz/Schrötter nicht.

Die "Nationalrevolutionäre" und ihre Helfershelfer sitzen überhaupt überall. An der FU halten Ulrich Albrecht, Wolfgang Krippendorf und Wolf-Dieter Narr zu Rabehl - der ganze Fachbereich will die Angelegenheit vertuschen, obwohl bekannte Sozialrevolutionäre - die nun aber nichts mehr sagen mögen (sich zu sagen trauen?) wie die Professoren Stöss (ein anerkannter Parteienforscher, aber eben auch "PC"-Ideologe) und Hajo Funke doch alles gesagt haben.

Immerhin: in seinem denunziatorischen Eifer macht Kratz auch vor Dutschke nicht halt. Dutschke wurde bislang immer ausgenommen. Auf seine inhaltlichen Positionen kann das nicht zurückzuführen sein - gerade Dutschke, was Kratz/Schrötter mühelos belegen können, hat mehrfach mit dem nationalen Gedanken kokettiert (wenn man das noch so sagen kann). Aber nicht nur an der FU sitzen die "Nationalrevolutionäre" in allen Ecken, sie haben - vermittelt über Tilman Fichter und andere - einen Fuß in der Tür der SPD, über die Parteischule und über die "Neue Gesellschaft" (die Theoriezeitung der SPD). Von da geht ein direkter Weg zur Danubia. Hertha Däubler-Gmelin (siehe Ausgabe 12) ist auch im Spiel, ebenso Theodor Schweisfurth, Gesine Schwan, Michael Daxner; hart betroffen ist selbstverständlich die PDS, nicht etwa, was man ja akzeptieren könnte, im Falle Christine Ostrowski, sondern in den Fällen Hans Modrow, Burkhart Kleinert (Kulturstadtrat im Prenzlberg). Alt-SED`ler wie Karl Schirdewan sind im Spiel, Doktoren wie Siegward Lönnendonker, CDU-Politiker wie Lothar de Maiziere, Steffen Reiche von der SPD. Wenn man wirklich wissen will, was Paranoia ist, lese man diesen Text.

Warum eigentlich dabei stehen bleiben? Die Kreise sind doch viel weiter verzweigt: wieso sitzt Frau Däubler-Gmelin in der Regierung? Das ist doch Schröder, und Schily (ein Anthrosoph!), der das Asylrecht abschaffen will. Anthroposophen, das sind die mit den Walldorf-Schulen, auf die auch Eberhard Diepgen seine Sprößlinge schickt. Und der koaliert mit Fischer, daneben steht Scharping und dahinter Augstein und DER SPIEGEL. So schließt sich der Kreis.

Das Frappierende an dieser ganzen "Argumentation" ist, daß es offensichtlich überhaupt nicht möglich ist, eine tatsächliche linke Position zu entwickeln, die über Ideologiekritik hinausgeht. Jeder, der z.B. das Bündnis mit den USA für verhängnisvoll hält, gerät automatisch in den Verdacht, deutschnationale (mindestens!) Positionen zu vertreten. Belege dafür, daß richtige Rechte eine deutsche oder europäische "Anti-Amerikanismus"-Variante vertreten, lassen sich ja durchaus finden, aber bleibt deshalb nichts anderes, als sich unter die Oberhoheit der NATO zu flüchten? "Raus aus der NATO", das war einmal linker Konsens. Was ist daran falsch? Aber freilich: es gibt auch NPD-Anhänger, die ebenfalls gegen die NATO sind.

Es ist also nur möglich, links zu sein, wenn man entweder Anhänger des realsozialistischen Systems ist (und sich damit heute zum Trollo macht!) oder sich unter die Fittiche der "westlichen Wertegemeinschaft" flüchtet. Damit ist dann freilich jede kommunistische oder sozialistische Perspektive auf Dauer erledigt. Es sei denn, die USA würden demnächst rot. Diesen Standpunkt würde ich gerne mal begründet haben.

Es muß herrlich sein, imperialistischer Politiker zu sein, wenn die radikale Linke aus Pfeifen vom Schlage Kratz/Schrötter besteht. Das ist dann wohl auch der Sinn der Übung, die radikale Linke durch übergeschnappte Pseudokritik zu lähmen und ihr jede ernsthaft gesellschaftsverändernde Spitze abzubrechen.

Eine Frage bleibt noch: wieso veröffentlicht KONKRET einen solchen, jeder Rationalität Hohn sprechenden Mist? Dazu wäre doch die JUNGLE WORLD der richtige Ort. Früher hatte KONKRET seine Bedeutung gerade durch eine radikale, oftmals bissige, immer aber der Tradition von Rationalismus und Aufklärung verhaftete Kritik errungen. Es scheint, der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" hat noch mehr zu Demoralisierung und Panik beigetragen als ohnehin befürchtet.

Der Beitrag von Kratz/Schrötter ist eine für jede linke Politik schädliche Denunziation. Unabhängig davon, wie man zu Rabehl steht (dazu an anderer Stelle mehr), wird jede radikale Linke, die sich selbst ernst nimmt, solchen Beiträgen offensiv entgegen treten müssen.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Fr., 31.12.1999