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im Roten Salon


DAS KREUZ MIT DER WEHRMACHT
Eine vermeidbare Blamage und ihre ärgerlichen Folgen


Ein Kommentar zur Wehrmachtsausstellung anläßlich eines Artikels von Dr. Dr. Horst Möller in der FAZ vom 03.01.2000, S. 8

Eigentlich ist alles so gekommen, wie es unter diesen Umständen kommen mußte. Die "Wehrmachtsausstellung", deren erklärtes Ziel es war, die verbrecherische Rolle der Hitler-Wehrmacht im zweiten Weltkrieg darzulegen, ist auf unbestimmte Zeit suspendiert. Der Grund ist - für sich genommen - eher läppisch: einige wenige der mehr als 1000 angebotenen Fotodokumente sind nachweislich falsch zugeordnet worden. Sie zeigen etwas anderes, als sie zu zeigen vorgaben bzw. ihnen zugeschrieben wurde. So etwas kommt vor. Ist der Prozentsatz hoch, zeugt das Verfahren von schlampiger, unsauberer Arbeit. Handwerkliche Mängel. Ärgerlich für den ertappten Historiker, aber nicht unbedingt ein Argument gegen seine Kernthesen. Solche Dinge werden gemeinhin korrigiert und das war es dann auch. Im Falle der "Wehrmachtsausstellung" liegen die Dinge anders.

Die "Wehrmachtsausstellung" war von Anfang an ein Politikum. Eine Gegenoffensive der politisch-korrekten BRD-Ideologie gegen den seit den 80er Jahren ("Historikerstreit") wieder vordringenden Geschichtsrevisionismus, der den Kern des deutschen Staates und Volkes vom Verdacht der Mitschuld an den Verbrechen der Nazis freizusprechen sucht. Dessen Kerngedanke, in den 40er und 50er Jahren verbreitetes Gemeingut, lautet: Verbrechen während des zweiten Weltkrieges hat es gegeben, auf allen Seiten, bei den Alliierten wie bei den Deutschen. Vielleicht mehr bei den Deutschen, aber dafür waren Hitler und einige andere verantwortlich. Die Masse der Bevölkerung war daran nicht nur nicht beteiligt, sie hat das meiste nicht einmal gewußt, und was sie wußte, konnte sie nicht verhindern. Die meisten Deutschen sind anständig geblieben, haben geglaubt, sie täten nur ihre Pflicht. Und im übrigen waren die Russen mindestens genauso schlimm und die Juden ...

Man kennt diese Selbstexculpierungsversuche. Bis zu einem gewissen Grad sind sie sogar verständlich, denn das, was geschehen ist, bewußt aufzuarbeiten, ist menschlich ungeheuer schwer. So standen denn sowohl die frühe BRD wie auch die frühe DDR vor der Frage: Was tun mit den ehemaligen Nazis? Vor allem mit dem Millionenheer der eher unbedeutenden Mitläufer, der kleinen Parasiten? Verantwortung tragen sollten sie nicht mehr - das war die Linie der DDR, aber irgendwie einbeziehen mußte man sie doch, ausgenommen die führend tätigen, vor allem wenn sie selbst sich unmittelbar verbrecherisch betätigt hatten. Dazu gab es die NDPD, Stalin kokettierte zeitweilig mit weitergehenden Gedanken. In der BRD hatten kleine und mittlere Nazis bald wieder bessere Chancen. Sie wurden weitgehend rehabilitiert und bezogen bis in die sechziger Jahre unbehelligt Leitungspositionen. Erst die 68er-Bewegung, die nicht zu Unrecht als intellektuelle Gründung der Bundesrepublik bezeichnet worden ist, erhöhte hier die Sensiblität.

Aber auch für die Masse der 68er blieb das Verhältnis zu der Nazigeneration aus begreiflichen Gründen zwiespältig: es waren ihre Eltern. Zu einer ernsthaften Aufarbeitung des Nazismus ist es in der BRD nie gekommen, was sich herausbildete war eine moralisierende Kultur der "political correctness", eine wohlmeinende Tabuisierung, eine aus mühsam verdrängtem schlechtem Gewissen gespeiste Aggressivität, ein unreflektierter Philosemitismus, hinter dem sich -deutlich wahrnehmbar - ein latenter Antisemitismus verbarg, gekoppelt mit der Neigung, aus dem Antifaschismus einen Antitotalitarismus zu machen, der sich zunehmend gegen die ehemalige DDR richtet. Zwar war die DDR bei Alt-68ern, wofür es ja gute Gründe gibt, nicht sehr beliebt; aber sie schien doch das, was man selber nicht geschafft hatte, zumindest ernsthaft zu versuchen. Dies erklärt die Ambivalenz.

Seit 1989 sind alle diesbezüglichen ideologischen Verhältnisse ins Rutschen geraten. Die - auch programmatisch formulierte - Delegitimierung der DDR reißt die 68er-Variante der BRD-Ideologie mit. Dies abzuwehren ist die eigentliche Intention der "Wehrmachtsausstellung" gewesen, es ist auch die wesentliche Aufgabenstellung des Hamburger "Instituts für Sozialforschung" von Jan Philipp Reemtsma.

Insofern nimmt es auch nicht Wunder, daß Reemtsma auf den Vorschlag, man solle doch aus der Ausstellung über die Wehrmachtsverbrechen eine Ausstellung über die Verbrechen beider Totalitarismen machen, entgegnete, daß er sich das "durchaus vorstellen könne".

Die Hauptschwäche der Initiatoren der Ausstellung war dabei ihr moralisierend beschränkter - auf die Verteidigung der PC ausgerichteter - Ansatz. So hatte man nicht die , an sich selbstverständliche Souveränität, sachlichen Einwänden einfach nachzugehen, was niemandem geschadet hätte, sondern versuchte die Kritiker von vorneherein in die rechte Ecke zu stellen und zu diffamieren, was über kurz oder lang zu einem peinlichen Einbruch führen mußte.

Ein Wort zur Sache selbst:

Die Wehrmacht führte im zweiten Weltkrieg keinen "ehrenhaften" Krieg (die Problematik dieser Auffassung hier einmal außer acht gelassen). Sie war von Anfang an auf der Seite des Verbrechens.


Bereits nach der Niederlage im ersten Weltkrieg war die Politik aller Führungen der "Reichswehr" auf Revision gerichtet. Hier wurde der nächste Krieg als Revanchekrieg vorbereitet. (Man lese dazu "Krieg der Generäle" von Dirks/Janßen) Hierzu gehörte von Anfang an die Beseitigung der bürgerlichen Demokratie und die Zerschlagung der Arbeiterbewegung. Wesentliche Pläne, die Hitler später umsetzen sollte, waren von der Reichswehr und späteren Wehrmachtsgeneralität vorformuliert worden. Sie hatten Hitler als Garanten ihrer Massenbasis "engagiert", sie hatten die Ausschaltung der SA von ihm gefordert, sie haben seine Pläne umgesetzt, sie haben seinen (und ihren) Krieg geführt, sie haben seine Herrschaft überhaupt erst ermöglicht.

Auch der Antisemitismus war den Militärs nicht fremd; sie hätten es aus eigenem Antrieb nicht zum Holocaust kommen lassen, sie hätten "feinere" Lösungen bevorzugt. Aber: es war die Wehrmacht, die Auschwitz ermöglichte. Ohne die gehaltene Front hätte es mit den Gaskammern früher sein Ende gehabt. Und sie haben es gewußt. Einige wenige haben protestiert, die meisten haben geschwiegen, viele mitgemacht, einige mit Eifer und Fanatismus. Dies kann man mit Bildern illustrieren. Dazu gibt es, trotz der Geheimhaltungsvorschriften der Nazis genügend Material. Niemand kann die v. Reichenau, v. Leeb, Schörner, Dietl, v. Blomberg, Guderian, v. Rundstedt, Keitel, Jodl, Rommel, Kesselring, Warlimont, v. Manstein, Krebs, Burgdorf usw. usf. zu Fachleuten, die nur ihrem Eid getreu ihrem Vaterland dienten, herabstufen. Das nun haben sie wirklich nicht verdient. Sie waren Täter und wollten es sein.

Die Aufdeckung dieser politischen Hintergründe hätte den verbrecherischen Charakter der Hitlerwehrmacht bestens aufgezeigt. Ihre weitergehende Verstrickung in klassische Kriegsverbrechen bzw. Morde hätte dies nur wesentlich ergänzt und illustriert.

Das wäre dann wohl eine andere Ausstellung gewesen.

So sind Reemtsma, Heer und Co. Gescheitert: an ihrer ideologischen Borniertheit, ihrer Arroganz und ihrer mangelnden handwerklichen Fähigkeit. Recht so.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Di., 04.01.2000