Charlys Homepage
im Roten Salon


WIE BERND RABEHL IN DIE DANUBIA GEFALLEN IST ...
... und warum es wichtig ist, ihn wieder herauszufischen


(altchinesische Spruchweisheit - leicht modernisiert)

Analyse der Rabehl`schen Danubia-Rede

Vor nunmehr 13 Monaten hat Bernd Rabehl, Titularprofessor , wissenschaftlicher Angestellter und Dozent am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, in München-Bogenhausen einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Nationalrevolutionäres Denken im antiautoritären Lager der Radikalopposition zwischen 1961/1980". Dies geschah im Rahmen der sogenannten "Bogenhausener Gespräche", einem nicht ganz regelmäßig stattfindenden intellektuellem Forum der Rechtsintellektuellen. Veranstalter war eine schlagende Verbindung, die Burschanschaft "Danubia" (Donau), wenn auch wohl nicht alle Zuhörer/innen zu dieser Verbindung gehört haben dürften. Weitere Vorträge hielten Horst Mahler, mittlerweile einschlägig bekannter Rechtsradikaler, Festredner auf NPD-Parteitagen und Mitinitiator einer bescheidenen Bewegung mit dem bombastischen Namen "Unser Deutschland", sowie Peter Furth, in der linken Szene (und nicht nur dort) bekannt u.a. als FU-Professor und ARGUMENT-Autor. Es war wohl in erster Linie Horst Mahler und der Wochenzeitung "Junge Freiheit", dem intellektuellen Flaggschiff der Neuen Rechten in der BRD, die diesen Vortrag abdruckte, zu verdanken, daß dies einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Die bundesdeutsche Linke zwischen liberalem Mainstream und linksradikaler Szene hatte das, was sie am liebsten hat: Einen handfesten Skandal.

Rabehl selbst behauptet, dies weder gewollt noch vorhergesehen zu haben, er habe eine "spontane Rede" - anhand weniger schriftlicher Notizen - aus dem Stegreif gehalten, die noch nicht die "Sphäre der Reflexion" erreicht habe. Insgesamt macht Rabehls Verteidigung jedoch einen schwachen Eindruck; sie schwankt zwischen trotziger Verteidigung des Gesagten und vorsichtigem "Zurückrudern".

Was macht eigentlich die "Danubia-Rede" zu einem Skandal?

- Es ist dies zum einen die positive, scheinbar unbefangene Besetzung des Begriffs "Nationalrevolutionär", den man bislang fast nur in faschistischen Kreisen zustimmend verwendet.
- es ist dies zum zweiten die Behauptung, gerade die antiautoritäre Studentenbewegung, als deren Erben sich sowohl linksliberale wie auch viele linksradikale Kreise betrachten, sei in Teilen "nationalrevolutionär" gewesen, was auch sofort (allzu) heftige Distanzierungen von Beteiligten ("Nationalrevolutionäre waren wir nie" - Erklärung ehemaliger SDSler) nach sich gezogen hat, vor allem die Vereinnahmung der Symbolfigur Rudi Dutschke für diese Richtung.
- es ist dies zum dritten das Auditorium, die Burschenschaft Danubia und ihr Umfeld (inclusive des Renegaten Horst Mahler), was den Verdacht eines Überlaufens nach Rechts nahelegt (Beispiele dafür gibt es ja nun auch wirklich genug)
- die - z.T. provokativ formulierte - Thematisierung der multikulturellen Gesellschaft, die nicht, wie in der bundesdeutschen linken (will heißen: linksliberalen) Szene romantisch idealisiert, sondern drastisch problematisiert wird. Die Wortwahl Rabehls gibt auch allerhand Anlaß, eine rassistische, zumindest nationalistische, Instrumentalisierung zu befürchten, vor allem mit Blick auf die ohnehin keineswegs nur latent vorhandenen xenophoben Stimmungen im Volk, nicht nur in den neuen Bundesländern. Es scheint, als wäre hier der "Genius Loci", die Atmosphäre der Münchner Rechtsintellektuellen, in den Referenten gefahren. Er gibt dies mittelbar zu, wenn er sagt, er habe das Auditorium da abholen wollen, wo es gestanden habe. (so Rabehl in mehreren Rechtfertigungen)
- es ist weiterhin der, zumindest ansatzweise, positive Bezug auf Begriffe wie Volk oder Nation (auch Staat), deren vollständige Ablehnung zu einem der Essentials linker Identität geworden ist, wenn man von einem kleinen Spektrum im Umfeld der DKP absieht.

Die wirklichen Gründe dürften tiefer liegen. Doch dazu später.

Was jedoch sofort auffällt, ist die sehr emotionale, moralisierende, z.T. hysterische Reaktion auf den Text. Sachliche Auseinandersetzung ist die Ausnahme, man dürfe "diesen Leuten kein Forum bieten", man werte sie nur unnütz auf, ermögliche ihnen die Einwirkung in die linke Szene. Logisch ist das alles nicht. Rechte Ideologie hat in der Bundesrepublik längst ein Forum , sie hat ihre eigene intellektuelle Szene und vor allem ist sie latent überall verbreitet. Insbesondere in den neuen Bundesländern wächst eine neue Generation heran, für die rechte Kultur alltäglich ist. Was bei jungen Menschen eine unreflektierte Protesthaltung sein mag, wird nach einer gewissen Zeit zu einer ideologischen Disposition, die auch dann, wenn mit zunehmendem Alter die kriminelle Energie abnimmt, handlungsleitend bleibt. Auch ist es keineswegs so, daß die rechte Kultur auf die Skinheadszene bzw. die berühmten Stammtische beschränkt ist, sie intellektualisiert sich zunehmend. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dabei Überläufer von links. Sie sind die Kronzeugen für das ewige Scheitern aller linken Utopien. Darin - nicht etwa in ihren konkreten Ansichten - liegt die Bedeutung der Röhl, Maschke, Langhans, Oberlercher, Mahler und Co. Sie wären aber nicht so bedeutend, gäbe es nicht eine andere Kategorie der Kronzeugen, der Ex-Linke, den Staat "gestaltende", offizielle Mainstream. Sie, die Fischer, Trittin, Vollmer, Volmer, Cohn-Bendit u.a. sind die eigentlichen Erben der 68er. Das sagt alles. Da, wo einmal die revolutionäre Linke war, bleibt gefühlsmäßig begründete Ablehnung, oft nur noch kulturell, teilweise mit nostalgischem Rückgriff auf längst vergangene Zeiten, Symbole, Zeichen, an denen sich das Fähnlein der Aufrechten erkennt.

Genau in diese Kultur ist Rabehl hineingestoßen und ich bin mir sicher: er wollte das.

Eine sachliche Analyse der 68er-Bewegung bringt leicht zu der Erkenntnis, daß die Kernthese Rabehls, sie habe nationalrevolutionäre Tendenzen gehabt, richtig ist, wenn man diese - politisch nicht korrekte - Wortwahl zu akzeptieren bereit ist. Ein wesentlicher, wenn nicht der entscheidende, Impuls dieser Bewegung war das Engagement gegen den Krieg in Vietnam, damals durchaus als "nationaler Befreiungskampf" verstanden. Gegner dieses Befreiungskampfes war die USA, sodaß die antiamerikanische Ausrichtung, nicht als quasi völkische verstanden, sondern als politische Ablehnung eines imperialistischen Systems, das einem kleinen Volk die Selbstbestimmung versagte. Dieser Anti-Amerikanismus war zwar kulturell selbst "amerikanisch" geprägt, in der Tradition der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung, gleichwohl unterschied er sich tiefgreifend vom damals offiziellen mainstream, der kritiklosen Verherrlichung der USA als Garant der "Freiheit". Auch im nachfolgenden Post-68er Milieu, das die meisten heute führenden Politiker zumindest im Umfeld von SPD und Grünen geprägt hat, blieb die Solidarität mit Befreiungsbewegungen, die häufig politisch und ideologisch ein Amalgam sozialistischer und nationalistischer Vorstellungen waren, ein wichtiges identitätsstiftendes Element. Man denke nur an die Bewegungen in den portugiesischen Kolonien, in Laos, Kambodscha. Man denke dabei aber auch an schlimme Verirrungen wie den Iran und Kambodscha, aber auch an ambivalente Entwicklungen wie in Somalia, Ägypten, Libyen. Ein Teil der antiimperialistischen Strömungen in der Nachfolge von 68 gelangte zwar, in idealistischer Überbewertung der progressiven Rolle der realsozialistischen Staaten, zur Parteinahme für die Länder im Umfeld der UdSSR (andere auch an die Seite der VR China), aber dies war immer die Minderheitsströmung, und sie war, bis auf den heutigen Tag, wie die jüngste Rudi-Dutschke-Konferenz in Berlin anschaulich zum Ausdruck brachte, nie sonderlich gelitten. Eigentlich wird sie, nicht ganz zu Unrecht, nicht als legitimer Bestandteil der 68er-Strömung betrachtet. So reduziert sich im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft (?) die 68er-Bewegung auf den antiautoritären Mainstream, der seit Beginn der siebziger Jahre seinen personell erfolgreichen "Marsch durch die Institutionen" vollzogen hat.

Schon dieser Sachverhalt ist dazu angetan, stutzig zu machen: die 68er, jedenfalls ihre bewußten Teile und ihre Wortführer (die von den Mitläufern bzw. Epigonen deutlich zu unterscheiden sind) verstanden sich, oder gaben dies zumindest vor, als "Revolutionäre". Noch der programmatisch angekündigte "lange Marsch durch die Institutionen" war als Offensive gedacht - keineswegs als "Marsch in die Institutionen" (begriffen als Affirmation). Was ist daraus geworden? Böse formuliert: die Integration eines Teils der kritischen Intelligenz (die der "skeptischen Generation" nachfolgte) in die, zum großen Teil gut ausgestatteten, leitenden Stellungen der Gesellschaft im Bereich Bildung und Kultur, Universität und Politik. War´s das?

Man spricht von "Kulturrevolution", aber das bedeutet nur den Übergang eines Teils der sozialwissenschaftlichen Intelligenz, der allerdings meinungsbildenden Charakter hat, auf Positionen des linken Liberalismus. Wenn dies auch vielleicht das Wesen der 68er-Revolte überhaupt war, so war es doch damals nicht ihr subjektiver Impuls. Allein schon von daher wäre eine kritische Bilanz der 68er-Bewegung, ihres Wollens und ihrer objektiven Wirkung, durchaus angebracht. Dies soll hier nicht erfolgen, dennoch bleibt festzuhalten, daß die Ideologeme, die weltanschaulichen Grundlagen der 68er-Bewegung, ihres revolutionären Impulses beraubt, in einer light Version meinungsbildende Faktoren der modernen BRD-Gesellschaft geworden sind, paradoxerweise aber genau zu einem Zeitpunkt, da die stillschweigend mitgedachten Voraussetzungen dieser Gesellschaft, das ökonomische Wachstum, die Befriedigung materieller Bedürfnisse und der Übergang zum "Postmaterialismus" objektiv längst entfallen sind. Die Folgen sind klar und ergeben einen seltsam ungleichzeitigen gesellschaftlichen Diskurs: während einerseits, trotz Beseitigung der in früheren Zeiten damit verbundenen Bewegungen (hauptsächlich der Arbeiterbewegung), die alten Konflikte, aber ohne einen für eine breite Öffentlichkeit möglichen Rekurs auf bereits gemachte kollektive Erfahrungen, vor allem die Frage des Realeinkommens und der Arbeitslosigkeit, zurückkehren, bestimmt andererseits eine intellektuelle Elite, die von ganz anderen Erfahrungen geprägt ist, die öffentliche Debatte. Sie tut dies um so krampfhafter, je mehr sie spürt (keineswegs begreift) daß der Boden unter ihren Füßen zu schwanken beginnt. Dies erklärt eine Reihe der - rational kaum erklärbaren - hysterischen Reaktionen in der jüngsten Zeit: sowohl in Bezug auf die Rede Rabehls, als auch z.B. angesichts der Beteiligung der FPÖ (insbesondere Jörg Haiders) in Österreich.

Wenn Rabehl sich mit der Bemerkung, er habe nicht gewußt, zu wem er spreche und seine Rede habe noch nicht "die Sphäre der Reflexion" erreicht, so kann man dies getrost unter der Rubrik Schutzbehauptung abbuchen. Möglich ist immerhin, daß Rabehl sich eine weniger breite Veröffentlichung des Textes mit anschließender Diskussion gewünscht hätte und das Ganze vorerst nur als Test - als Versuchsballon - gedacht war. Aber die Konzeption als solche macht Sinn, ist, wenn auch vielleicht noch nicht völlig programmatisch durchentwickelt, gedanklich nachvollziehbar.

"Niemand weiß heute eindeutig, was linke und rechte Positionen beinhalten. Fest steht, daß es in den Extremfällen eine reaktionäre Linke und eine reaktionäre Rechte gibt, deren träume und Illusionen von einer Erziehungs- und Führerdiktatur und der Feinderklärung gegen Andersdenkende nicht so grundsätzlich unterschieden wären...." (Danubia-Rede)

Diese Formulierungen mögen mißverständlich sein, richtig daran dürfte allerdings sein, daß von Zeit zu Zeit, wenn sich die grundlegenden Paradigmen der Gesellschaft verändern (und dies ist seit einiger Zeit der Fall) auch die "Identitäten" der gesellschaftlichen bzw. politischen Kräfte revolutioniert werden, was naturgemäß kein Prozeß von "Friede,Freude,Eierkuchen" ist, sondern selbst nur unter erheblichen Brüchen und Reibungsverlusten vonstatten geht. Ohne diese Problematik an dieser Stelle vertiefen zu wollen, kann festgehalten werden, daß ein solcher "Paradigmenwechsel" (ich selbst hatte das in KALASCHNIKOW 12(1/99) "Achsenzeit" genannt) in jüngster Zeit durch die Jahreszahlen 1973 (siehe dazu Georg Fülberth in KALASCHNIKOW 14 (1/2000)) sowie - sicherlich leicht nachvollziehbar - 1989 markiert werden. Dieser Tatbestand dürfte mittlerweile, zumindest als Gefühl, wenn auch unbegriffen, Allgemeingut sein. Dies jedoch, immerhin gerät hier einiges ins Rutschen, erklärt die Differenz der Reaktionen innerhalb der - in der Tradition von 68 stehenden - Linken. Allgemein ist die Anpassung, sowohl bei denen, die es geschafft haben, als auch bei denen, die es immer noch hoffen, als auch bei denen, die es zwar aufgegeben haben, aber doch ,mehr oder weniger verbissen, ihre Identität als "kritischer Geist" , als "eigenständiger Kopf", kurz: als Individuum bewahren wollen. Andere verfallen in Apathie: ihre alten Vorstellungen sind obsolet, neue - inhaltlich kohärente - können sie nicht mehr entwickeln. Einige abenteuerliche Geister gehen nach Rechts. Das macht durchaus Sinn: geblieben ist der Geist der Opposition, die rebellische Attitüde. Daß das, was sich früher gegen das Adenauer-Establishment richtete, nun gegen die alt und satt gewordenen 68er geht, stört nur am Rande.

Rabehl geht einen anderen Weg: er knüpft im Grunde da an, wo er 68ff notgedrungen, als der Geist der Zeit über ihn hinweg ging, aufhören mußte: bei einer - von ihm selbst als "nationalrevolutionär" bezeichneten - Minderheitsströmung der 68er-Bewegung, die sich vor allem aus ehemaligen DDR-Flüchtlingen zusammen setzte. Diesen Begriff hätte er natürlich auch gut vermeiden können, "unabhängig" hätte für seine Zwecke vollkommen gereicht; ob hier das Bemühen, Anknüpfungspunkte an das Danubia-Publikum zu finden, oder die Lust an der Provokation ausschlaggebend war, ist schwer nachzuvollziehen. Offensichtlich glaubt Rabehl - wahrscheinlich zu Recht - auf die Denkgewohnheiten und Grundpositionen der offiziellen Linken keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, da diese ohnehin, wiewohl sie noch einen bizarr aggressiven Epilog haben mag, in den letzten Zügen liegt.

Offensichtlich ist es die Kernabsicht Rabehls, in einer Situation, in der die althergebrachten Positionen sich zwangsläufig auflösen (was übrigens nichts zu tun hat mit einem angeblichen Auflösen der Kategorien links und rechts), den ganzen Laden aufzumischen. Das heißt, die "progressiven Teile" sowohl der Linken als auch der Rechten aus ihren alten Zusammenhängen herauszulösen und für neue Projekte zu gewinnen.
Dies ist ein enorm riskantes Unterfangen, wenn auch nicht illegitim. Fragwürdig wird diese Strategie allerdings dadurch, daß allenfalls in Andeutungen ausgeführt wird, auf welchen Positionen diese "neuen Projekte" denn stehen sollen. Rabehl schweigt sich dazu aus, vielleicht , weil er selbst nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. "Wer von mir Antworten erwartet, den muß ich enttäuschen - ich habe keine" erklärte Rabehl (aus dem Gedächtnis zitiert) in einer Podiumsdiskussion im "Haus der Demokratie" im Juni 99. Das mag stimmen. Aber einen Zug anschieben, ohne zu wissen, wohin die Reise geht (oder auch nur gehen soll), das ist Abenteurertum.

Hier, in diesem unbekümmerten Kreuzfahrertum (er selbst nennt sich "Grenzgänger", siehe KALASCHNIKOW 13, 2/99), das ohne Rücksicht auf mögliche Folgen, auch ohne den ernsthaften Versuch, die eigenen Intentionen zu vermitteln, irgendwo zwischen links, rechts und mainstream herumexperimentiert, liegt das Unverantwortliche der Positionen Rabehls. Immerhin geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß das, was Rabehl zum Ausdruck bringt, unterschwellig schon längst allgemeine Verbreitung gefunden hat. Allerdings wissen die meisten, daß die Äußerung solcher Positionen, z.B. was die unreflektierte Infragestellung der "multikulturellen Gesellschaft" angeht, zur Zeit nicht opportun ist: so schweigen sie lieber und die Trennung zwischen offiziellem Diskurs und dem, was die breite Masse (bis weit in das linksintellektuelle Spektrum hinein) tatsächlich denkt, wird immer größer. Im schlimmsten Fall solange, bis die Diskrepanz zu groß wird und die öffentlichen Diskurse, quasi über Nacht, in ihr Gegenteil umschlagen. Diese real bereits vorhandene und von den meisten auch zumindest gespürte Diskrepanz aufgedeckt zu haben, ist wohl Rabehls bleibendes Verdienst, aber selbstverständlich auch der Anlaß für die wütenden Angriffe, denn solange diese Angelegenheit noch nicht völlig offenkundig geworden ist, wird von den tief verunsicherten Epigonen des 68er Zeitgeistes das Prinzip der militanten Verdrängung durchgehalten.

So erscheinen Rabehl und einige andere nicht als das, was sie tatsächlich sind, nämlich als hilflose Ausdrücke eines vor dem Umschlag stehenden Zeitgeistes, sondern als individuelle Verräter. Das sich deren Zahl häuft, gibt nicht Anlaß zur Selbstreflektion mit dem Ziel, realistische linke Strategien zu entwickeln, sondern zu hilfloser überschießender Moralität.

Der wahre Hintergrund ist natürlich: Angst, um nicht zu sagen: Panik - das Gefühl, das Zug um Zug alles vor die Hunde geht.
Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ein solches Verhalten nicht am Ende genau denen nutzt, die zu bekämpfen es vorgibt: den Rechten, im günstigsten Fall Leuten wie Haider; es gibt Schlimmeres.

Zumindest ist absehbar, daß das, was sich heute noch linksradikale Szene nennt oder auch gemäßigte Linke, leicht zum hilflosen Anhängsel des unter einer aggressiven Menschenrechtsideologie getarnten Neoimperialismus, wie es sowohl im Kosovo-Krieg, als auch jetzt in den Reaktionen auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ zu spüren war. Gelingt es nicht, diese aus Unsicherheit geborene überschießende Moralität zu überwinden, wird es in wenigen Jahren keine gesellschaftlich relevante Linke mehr(?) geben.

So ist Rabehl zu einer - vielleicht fruchtbar zu machenden - Provokation geworden. Diese Herausforderung anzunehmen ist daher keine Laune, sondern lebensnotwendig. Was aus Rabehl selbst wird, bleibt abzuwarten. Er wäre nicht der erste, der - zumal in einer solch aufgeheizten Stimmung - ganz die Orientierung verliert und sich ins Lager der militanten Rechten drücken läßt. Seine eigenen Positionen sind diffus und ungefestigt. Aber wenn es nicht gelingt, diese Positionen zum Anlaß einer linken Neuorientierung zu nehmen, wird die Linksverschiebung der bundesdeutschen Intelligenz nach 1968 eine Episode bleiben: illusionärer Ausdruck einer historischen Sonderentwicklung.
Das wäre vermeidbar und dazu darf es nicht kommen.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Di., 08.02.2000