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im Roten Salon


DADA IN DER POSTMODERNE

oder: Tanzt den Schlingensief

Preisfrage: Wie heißt DADA in der Postmoderne? Richtig: Kameradschaftsabend. Damit ist allerdings kein etwas antiquiertes Betriebsfest gemeint oder gar ein Veteranentreff noch älterer Tradition. Gemeint ist eine Inszenierung des Regisseurs Christoph Schlingensief, die zur Zeit auf Tour geht durch die geeinte Berliner Republik und jetzt in der Berliner Volksbühne Station machte. Es war schon eine illustre Veranstalung, die scheinbar ganz unterschiedliche Menschen, teils als Darsteller, teils als Staffage, teils als Voyeure zusammen brachte. Reinhold Oberlercher und Horst Mahler sind derzeit groß in Mode, weil sie irgendwann ziemlich schwer links gewesen sein sollen, Molly Luft gab als "dickste Hure von Berlin" dem ganzen einen leicht erotischen (naja) Touch, ein Motivationstrainer trat auf , eine ganze Reihe Menschen eher lokaler Prominenz. Regine Hildebrandt behauptete, sie habe gar nicht gewußt, worum es bei dieser Sache eigentlich ginge. Das klingt bei Regine Hildebrandt durchaus glaubwürdig. Dennoch war sie genau auf der richtigen Veranstaltung. Sie tat, was sie immer tut, mimte die "Frau aus dem Volke", bei der jeder das Gefühl hat "Da könnte ich auch stehen" und damit recht hat .Meir Mendelssohn, bekannt geworden durch die Schändung des Bubis Grabes in Israel unmittelbar nach der Beisetzung gab den jüdischen Provokateur und nutzte seine Narrenfreiheit, das auszusprechen, was andere gerne mal denken. Rainer Langhans kam ebenfalls vorbeigeschwebt. Die Inszenierung sah vor, daß sich die Darsteller in einem als "Lager" deklarierten Teil der Bühne sammelten, dann nach vorn traten und in einem Satz ihr Anliegen (Thema) benennen sollen, um im weiteren eine Minute zu sagen, was sie wußten. Eine Performance, die der 68er Bewegung würdig gewesen wäre, wenn dies denn noch angesagt wäre. So war denn auch das Publikum : 68er und solche, die es gerne hätten sein wollen. Epigonen und Renegaten im trauten Stelldichein.

Es wird nun wieder viel darum gerätselt werden, was der Schlingensief damit eigentlich erreichen wollte. Sicher ist in jedem Fall: sich selbst inszenieren. Das ist aber an sich nicht weiter zu kritisieren. Eitelkeit und Selbstüberschätzung sind bei Politikern und Künstlern (wo ist da eigentlich genau der Unterschied?) eine Berufskrankheit. Wer nicht wenigstens ein bißchen Lust darauf verspürt, sich selbst gelegentlich im Fernsehen zu sehen, sollte Politik bzw. Entertainment bleiben lassen und besser in der Bürgerinitiative zur Rettung der großen Waldunke mitarbeiten. Ganz eifrige Antifaschisten werden in diesem Happening sicherlich einen Tabubruch sehen, der den Faschisten ein Forum gibt, wie es z.B. KONKRET nach einer ähnlichen Veranstaltung in Hamburg anmerken zu müssen glaubte. Als wenn das noch nötig wäre. Im ernst, keiner ist aus dieser Veranstaltung als Faschist herausgegangen der nicht als eben solcher hineingegangen ist. Allerdings, ein Unterschied war doch zu verspüren gegenüber den ebenso fröhlichen Unterfangen von einst. Diese hatten doch wenigstens (meistens) irgendeinen aufklärerischen Sinn oder gaben doch vor, einen zu haben. Davon war nun wirklich nichts zu verspüren. So war der "Kameradschaftsabend" für linke Zwecke ebenso hilfreich wie eine Landkarte im Maßstab eins zu eins. Denn was hier an - mehr oder weniger - unterhaltsamem Unsinn zu besten gegeben wurde, kann man problemlos in der TAGESSCHAU verfolgen oder in der Tagespresse. Freilich war die Konzentration eine andere. Ein solches Pandämonium des Fin de siecle Zeitgeistes bekommt man nicht alle Tage geboten und erst wenn man sie alle beieinander sieht, wird einem so richtig bewußt, was einem in Politik und Kultur so alles zugemutet wird. Das Schlimme daran ist allerdings weniger der Schwachsinn selbst als seine scheinbare Alternativlosigkeit. Das wäre dann ein anderes Stück. Bis dahin gilt: Tanzt den Schlingensief. Fiderallala.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Di., 30.11.1999