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im Roten Salon


Dänemark sagt Nej Tak

Die Dänen wollen Europa nicht

"Mit der Macht spielt man nicht" wußte man schon in der DDR und hütete sich wohl, allzu viele Entscheidungen dem Volk, dem "großen Lümmel" (Heine) zu übertragen. Schließlich sind Wahlen eh ganz schlecht, wenn man nicht weiß, was dabei heraus kommt. Daran hätte sich auch die dänische Regierung unter Poul Rasmussen erinnern können. Aber man hielt es wohl doch für sicher, den dänischen EU-Beitritt durch ein Plebiszit absegnen zu lassen. Wikinger sind nämlich zuweilen echt widerborstig: sie hätten glatt die nächsten regulären Wahlen genommen, um sich zu rächen. Außerdem war ja alles gut geregelt. Alle großen Parteien, nahezu die gesamte Presse (!), fast die gesamte Prominenz aus Politik, Kultur und Sport engagierte sich für die Einführung des Euro. Was sie repräsentierten, sollten normalerweise 90 Prozent der Bevölkerung sein, einige Chaoten auf dem äußersten linken bzw. rechten Rand ausgenommen. Hinzu kam noch die Keule: beitreten müssen wir irgendwann doch und bis dahin bestimmen die Großen allein wie Europa aussieht und wir müssen später alles so nehmen, wie es angerichtet ist. Mag sein, daß sich das dänische Establishment in den letzten Wochen mit dieser Lage nicht mehr so ganz wohl gefühlt hat. Die Umfrageergebnisse, obwohl von interessierter Seite manipuliert, zeigten ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber da konnte man schon von dem Stiefel nicht mehr runter. So kam es , wie es kommen mußte: mit 53 zu 46 Prozent roundabout lehnte die dänische Bevölkerung die Einführung des Euro ab. Die Gründe mögen im einzelnen vielschichtig sein: der Erhalt des dänischen Sozialsystems, ohnehin von der Regierung (die als "links" gilt!) stand auf dem Spiel, die eklatante Kursschwäche des Euro, die außer kurzzeitigen Profiten für die Exportindustrie nichts Gutes bringt, aber auch die unnachahmliche Arroganz der Großen. Die hatte sich vor allem in dem unsäglich dummen "Embargo" gegen Österreich gezeigt, das zwar kläglich zusammen gebrochen ist und auch nicht wirklich ernsthaft etwas bedeutet hat außer ein paar diplomatischen Unfreundlichkeiten, aber eben doch auch bewies, wie die Großen im Bedarfsfall mit den Kleinen umspringen können. Zwar hatte die dänische Regierung zähneknirschend mitgemacht (warum wohl?!), aber doch ihren Unmut mehr als nur hinter vorgehaltener Hand geäußert, zumal sie wohl sah, daß die Vorwürfe, die man Österreich gemacht hatte, jederzeit substantiell auch gegen Dänemark hätte erheben können. Übrigens war dieser Unmut auch in vielen kleineren Staaten Osteuropas mehr als nur spürbar, es stand nur gerade keine Entscheidung an und für viele Osteuropäer steht außerdem die Alternative EU-Europa oder doch wieder Rußland im Hintergrund. Nicht so in Dänemark. So war es denn ein kurioses Bündnis aus "Dänischer Volkspartei", einer nach mehreren Spaltungen und Vereinigungen aus Mogens Glistrups "Fortschrittspartei" hervorgegangegenen Bewegung unter der populären Pia Kjaersgaard, die mit ihrem Rechtspopulismus sehr an Jörg Haiders Partei erinnert und "Sozialistischer Volkspartei" , einem etwas entfernten Ableger der alten DKP (Dänische Kommunistsische Partei). Wenngleich dieser Erfolg bislang nur ein Ein-Punkt-Sieg war, deutet sich doch an, daß auch in Dänemark die politischen Grundströmungen unter der Oberfläche in Bewegung geraten sind und es nur eines Anlasses bedarf, sie dauerhaft sichtbar zu machen. Dänemarks Regierung, aber auch die EU-Gewaltigen machen auf Schadensbegrenzung. "Bedauerlicher Einzelfall", "wird demnächst korrigiert", "die Karawane zeiht weiter" und ähnlicher Kokolores war zu hören. EU-Präsident Prodi war gleich mit praktischen Vorschlägen zur Stelle: man sollte diese ganze Regierungskooperation besser beenden und am besten gleich die Souveränität auf die Kommission und das EU-Parlament übertragen. So war es immer: kurz vor der Revolution wird der Adel frech. Nur die Labour-Regierung in GB kann nicht so recht lachen: sie hat sich mit der Ankündigung eines Volksentscheides nach ihrem Wahlsieg im kommenden Jahr bereits festgelegt. Das geht dann wohl voll in die Hose. Aber vielleicht kommt es ja auch anders und die britische Wählerschaft macht gleich die Parlamentswahl zum Volksentscheid. Das hätte sein Gutes: Tony Blair würde EU-Kommissar für Landwirtschaft und Viehzucht und William Hague, der überhaupt keine Ahnung hat, wie ihm geschieht, wird britischer Prime Minister. Eine hübsche Vorstellung.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 08.10.2000