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im Roten Salon


Der Individualkommunist

Hermann L. Gremliza zum 60sten Wiegenfeste

"Individualkommunist" ist eine Titulierung, die Peter Hacks für Hermann L. Gremliza gefunden hat. Das sollen - laut Hacks - Kommunisten sein mit einem "Schaden" oder einem "Puschel". Mag sein. Hermann L. Gremliza ist jetzt 60 Jahre alt geworden, 60 Jahre und meistens ein Ärgerniß. Ein Ärgernis natürlich vor allem für seine Gegner von rechts (und das ist in Deutschland allemal die Mitte), aber auch für viele Linke. Hermann L. Gremliza, der nunmehr langjährige Herausgeber von KONKRET, gehört zu jenen Leuten, die in einer Zeitschrift nur dann schreiben können, wenn sie Chef sind ... oder Herausgeber.
Der Name Gremliza ist heute untrennbar mit dem Namen der Zeitschrift KONKRET verbunden. Das war nicht immer so. KONKRET ist ein älteres Projekt. Gegründet in den 50er Jahren von (illegalen) kommunistischen Studenten, zu denen an verantwortlicher Stelle Klaus Rainer Röhl (igittigitt!) gehörte, hatte es schon eine lange Tradition, als der SPIEGEL-Kolumnist Gremliza dazustieß. KONKRET wurde - das ist heute ein offenes Geheimnis - mit Geldern der illegalen KPD, letztlich der DDR, finanziert. Es galt die sprichwörtliche Kapluck-Quote ("20 Prozent Antikommunismus - mehr geht nicht"). Daran hielten sich die Herausgeber lange Zeit. Aber die ideologischen Verwirrungen der BRD in den 60er Jahren gingen auch an KONKRET nicht vorbei. Ulrike Meinhof, die Ehefrau des Herausgebers Röhl, empört über den Vietnam-Krieg, aber auch über die unglaubliche Heuchelei des BRD-Establishments bezüglich der Nazi-Vergangenheit, ging in den Bewaffneten Kampf und empörte noch einmal so richtig den Sumpf der Nazi-Mitläufer. Ihre Strategie war freilich mehr von protestantischem Ethos geprägt denn von nüchterner Überlegung. Damit allerdings war sie nicht allein.
Hermann L. Gremliza arbeitete damals beim SPIEGEL, der zu Beginn der Großen Koalition seine "progressive Phase" einleitete. Allzu weit ging es damit freilich nicht und schließlich zog Herausgeber Rudolf Augstein die Notbremse und entfernte die armen Irren, die den "Linkskurs" des SPIEGEL für bare Münze genommen hatten. Gremliza flog raus, mit ihm einige andere, darunter Otto Köhler. Der SPIEGEL blieb seitdem immer sozialliberaler Mainstream, was immer das im einzelnen bedeutet haben mag. Gremliza ging zu KONKRET. Aber das währte nicht lange. KONKRET machte bald seine Hochphase durch, erschien 1972 - im Jahr des "Willy wählen" sogar wöchentlich - häufiger als bisher. Aber bald krachte es . Klaus Rainer Röhl, sein Bruder Wolfgang (heute Journalist in Diensten des STERN), E.A. Rauter und andere verschanzten sich in einem Teil der Räumlichkeiten, Gremliza & Co. in einem anderen. Es gab einige Ausgaben des alten KONKRET mit neuem Kurs. Dann war KONKRET pleite (oder wurde gepleitet). Ende der Gechichte.
Damit war das alte KONKRET tot. 1974 erschien KONKRET im neuen KONKRET Verlag. Die Gruppe um Klaus Rainer Röhl versuchte sich in der Folgezeit (Günter Wallraff, Jochen Steffen und Peter Rühmkorf) an obskuren Blättern wie DAS DA oder AVANTI, ersteres eine seltsame Mixtur aus (naja) leichtem Porno und antikommunistischer, aber linksdrapierter Politik, letzteres als eher seriöses, aber genauso antikommunistisches Elaborat. Gremliza machte mit anderen die NEUE KONKRET.
Das war schon ein seltsames Blatt: schon von der Faltung her, die allenfalls Jahre später noch von der Zeitung DIE NEUE (Kennt die noch wer?) nachgeahmt wurde. Ein breites Spektrum von Karl-Heinz Hansen bis zu Norbert Blüm, den allerdings Franz-Josef Strauss einen "Herz-Jesu-Stalinisten" (!) nannte.
Diese NEUE KONKRET durchlief vier Phasen: zum ersten eine, die man als undogmatisch-kritische Phase des Kommunismus bezeichnen könnte. Ab 1980 versuchte dann KONKRET auf breite Basis zu gehen. Jürgen Bissinger, heute: DIE WOCHE, übernahm die Chefredaktion und führte KONKRET hart an die Grenze der Massenwirksamkeit. Was genau passiert ist, weiß man nicht, aber nach ungefähr einem Jahr sah KONKRET wieder fast so aus wie vorher und Bissinger schied aus. Die KONKRET-Redaktion ließ kryptisch vernehmen, die Ziele der Aktion seien erreicht worden. Das war`s . Glasnost war damals keine Losung. Eine Zeitlang kooperierte KONKRET mit Jan Philip Reemtsma. Das wurde Ende der 80er Jahre - ebenfalls ohne große Erklärung - storniert.
Dann kam die Wende. Es muß etwas passiert sein in dieser Zeit. Denn von nun an ging KONKRET auf strikt antideutschen Kurs. Das war in den 70er Jahren ganz anders gewesen. Richtig erklärt wurde das nicht, aber man konnte es auch so begreifen: KONKRET hatte aufgegeben. Der "reale Sozialismus" war, auch wenn man es nicht immer ganz deutlich ausgesprochen hatte, eben doch der entscheidende Bezugspunkt gewesen. Nun sank alles dahin. Hermann L. Gremliza mag immer - intelligenter und deshalb natürlich nicht linientreuer - Kommunist gewesen sein, geoutet hat er es erst in dieser Zeit. Es kam wohl nicht mehr darauf an. Aber jetzt, wo er es zugab, gab er es auf. Ohne den "realen Sozialismus" sah er sich wohl dem realdeutschen Mob - in der Tat einem üblen Pack - gegenüber. Das war zuviel. Gremliza kapitulierte und setzte von nun an auf die bedingungslose Solidarität mit dem Staat Israel, von ihm mißverstanden als Solidarität mit den Juden, denen er so einen Bärendienst erweist und auf die Hoffnung auf die zivilisierende Kraft der "westlichen" Gesellschaften und namentlich der USA.
Immer noch gibt es in KONKRET anregende Artikel zu lesen, aber die Tendenz ist Verbitterung und Resignation. Schade. Hermann L. Gremliza bezeichnet sich immer noch als Kommunist, wenn er wohl auch dessen Perspektive in weite Ferne entschwunden sieht. Das allerdings kann man ihm kaum verdenken. Es wäre gut, wenn er sich wieder zurück meldete in der Bewegung, die er immer kritisch - und zeitweilig mit großem Scharfsinn - begleitete.
Herzlichen Glückwunsch zum 60sten!

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 26.10.2000