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im Roten Salon


Grouchos Standpunkt

Hier spricht der Hund

Herrchen hat gesagt, ich solle auch ´mal einen Kommentar schreiben. Das ist ziemlich ungewöhnlich, denn erstens bin ich noch keine sechs Monate alt, und zweitens ein Hund, "Riesenschnauzer" meint Herrchen, aber auch etwas Labrador drin. Ich hab in sowas überhaupt keine Übung und was diese ganze Politik angeht, die diese Menschen machen - ich versteh nicht viel davon. Aber das ist ja bei den Menschen auch nicht anders. Ich soll einfach frisch von der Schnauze weg schreiben, sozusagen vom Hundestandpunkt aus. Herrchen schreibt immer vom Klassenstandpunkt aus, aber sehr glücklich scheint er damit nicht zu sein. Er sagt, das verstehe heute kein Schwein. Warum das allerdings so wichtig sein soll, versteh´ ich wiederum nicht, aber Herrchen ist der Boß und solange ich meinen Knochen krieg, kann er sagen, was er will.

Herrchen meint, wir Hunde seien die geborenen Experten für Politik, die einzigen konsequenten Vulgärmaterialisten, die es gibt. Ich weiß nicht, ob das eine Beleidigung sein soll, aber es interessiert mich auch nicht sonderlich.

Menschen sind seltsame Hunde. Sie sind zwar genau wie wir: sie wollen fressen, brauchen viel Auslauf (Herrchen braucht allerdings nicht soviel Auslauf!), jagen angenehm stinkenden Hündinnen hinter her, leben in Rudeln und einer hat immer das Sagen. Wie es sich gehört. Aber das reicht ihnen nicht - sie brauchen einen "Überbau". Anstatt einfach zu sagen: Her mit dem Knochen, lächeln sie sich freundlich an und hauen sich hintenrum in die Pfanne. Das machen wir richtigen Hunde nicht. Haben Sie schon mal einen Hund gesehen, der zum Fressen eine Moral braucht? Oder zum Herumtollen eine Theorie? Und erst der verquaste Wortschatz. Da haben wir es doch leichter. Mit "Komm! Sitz! Brav! Fein! Aus! Runter! Fass! Pfui! Scheiße! Und natürlich Groucho" komme ich bequem durch das ganze Leben. Naja, wenn ich noch ein paar Worte mehr lerne, kann ich Bundeskanzler werden. Der erste konnte auch nicht viel mehr. Allerdings spreche ich sie nicht, sondern höre nur (oder auch nicht). Dafür reden wir auch nicht soviel Unsinn. Damit haben wir es in der Evolution weit gebracht. Ich hab ja durchaus nicht gegen Menschen. Nützlich sind sie ja bisweilen und ich finde, jeder Hund sollte seinen Mensch haben.

Aber sie sind doch auch eine Fehlentwicklung der Evolution. Alle natürlichen Instinkte sind ihnen verloren gegangen, die einfachsten Sachen machen sie kompliziert. Jetzt bin bei der Politik. Soweit ich armer Normalhund das begreife kämpfen bei ihnen immer mehrere große Rudel darum, das Hauptrudel zu sein. Lange Zeit war das das Rudel von Helmut Kohl. Das war der Leithund. Hab ich sofort erkannt, obwohl ich erst so spät geboren bin (das nennt man wohl "Gnade der späten Geburt"). Er ist eindeutig der Größte und der Dickste, frißt als erster und am meisten, bellt und knurrt seine Rudeltiere und natürlich die von den anderen Rudeln an, belohnt die Gehorsamen und beißt die bösen Hunde weg. Das muß so sein. Das geschieht ganz offen, nur die Dackel kommen von hinten. Jeder Hund muß wissen, wer Alpha und wer Omega ist. Und das ist natürlich auch gut für die Omegas, denn so können sie immer von den Kräften und der Schläue des Bosses profitieren. Die Osthunde haben das auch sofort erkannt und sich ihm, nachdem ihr Rudel aufgelöst worden war, brav unterworfen. Aber jetzt ist der alte Dicke weg und so ein neuer scharfer Kampfhund vom Nachbarrudel macht sich ganz schön wichtig. Dabei sind die Knochen, die er verteilt auch nicht größer als die vom Kohl. Na gut, das sollen die Menschen unter sich ausmachen, aber was jetzt passiert, versteh ich ja nun gar nicht mehr. Jetzt machen sich all die anderen Hunde aus seinem Rudel und natürlich die von den anderen Rudeln böse an ihn ran. Er soll das Revier wie ein Patriarch geführt haben und alle Regeln mißachtet. So ein Quatsch! Was soll ein armer Hund denn sonst machen? Alle haben sie seine Knochen genommen, haben ruhig gewartet, bis sie an der Reihe waren und sind so peu a peu vom Omega über das Epsilon zum Gamma aufgestiegen. Jetzt pinkeln sie ihm an das Bein. Nur weil sie nicht Alpha sind. Werden die nie. Einige alte Pinscher kann ich ja verstehen: den Geißler zum Beispiel - das ist ein beleidigter Hund, außerdem wird er im Rudel eh nur noch geduldet. Aber eigentlich ist das ja bei uns auch nicht viel anders: der Boss ist Boss, solange er Boss ist, danach kann er sich gleich hinlegen und in den Hundehimmel eingehen. Ist ja traurig, aber so ist das Hundeleben. Aber ich habe schon viel zuviel geknurrt. Ich will jetzt mein Leckerli und danach was Richtiges zum Fressen.

Wuff! Wuff!

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mi., 29.12.1999