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im Roten Salon


Mit Rudolf Bahro ins Nirwana

Vom Dissidenten zum Guru - eine moderne Entwicklung

Eines hat Rudolf Bahro wohl mit jenem Philosophen des individualistischen Anarchismus aus dem 19. Jahrhundert, Johann Caspar Schmidt - besser bekannt unter seinem Künstlernamen Max Stirner (1) gemeinsam: so recht nimmt ihn keiner ernst (2). Dabei ist dies durchaus ungerecht und vor allem auch undankbar, denn dieser vom Dissidenten zum Guru gewandelte Philosoph ist mitnichten sowiet ab von den gängigen (fixen) Ideen der neuen deutschen Romantik, wie dies manchmal scheinen mag, auch wenn er in vielen Medien bespöttelt und für tot erklärt wird (3). Was Bahros Stärke ist, rückt ihn gleichwohl an den Rand, zumal diese Stärke in den heutigen modernen Zeiten eher untypisch ist: seine eiserne Konsequenz. Die einzigartige Synthese aus radikalem Ökologismus und antiparlamentarischem Fundamentalismus erreicht bei ihm eine solche bizarre Schönheit, daß sie ungenießbar ist, jedenfalls in purer Form. Daher findet sich Bahro´sches Denken selten in reiner Form, sondern in unterschiedlichem Maße mit allerlei Pragmatismus versetzt. Bahro stellt eine Art alternativer Ideensteinbruch dar. Politisch erscheint er nicht als Bahro, sondern als Hoplitschek, Keppel oder Kretschmann, was die Sache in aller Regel nicht besser macht. Bahro selbst muß genau das gemeint haben, als er schrieb:

"... Die Grünen gehen davon aus, daß sie in den Parlamenten nicht einfach Köpfe (nach der Zahl ihrer Wähler), sondern wachsende Anteile am Bewußtsein auch solcher Menschen vertreten werden, die noch die traditionellen Parteien wählen..." (4)

An dieser Stelle können sich allerdings leicht pragmatische Mißverständnisse einstellen, etwa dergestalt, dieser Satz meine nur, Gedanken wie etwa Umweltschutz, Frauenemanzipation oder Selbstbestimmung - um die sich die Grünen ja in der Tat verdient gemacht haben - würden in Zukunft, angestoßen durch die Grünen, einen größeren Stellenwert erhalten. Das ist zwar durchaus möglich, aber nicht eigentlich Bahros Gedanke. Hier geht es um wesentlich höhere Beträge.

Freilich zeigt sich bereits in diesem Zitat die praktische Verwertbarkeit Bahros. Hatte Hans G. Helms im Blick auf Stirner dessen "Denken... als das Strukturmerkmal des kleinbürgerlichen Selbstbewußtseins..." (5) herausgearbeitet, so erweist sich dies für Bahro nicht minder. Jedenfalls was jenen Teil der alternativen Bewegung angeht, der im Ökologismus als Weltanschauung befangen ist bzw. doch erheblich unter dessen Einfluß steht. Und das ist ein bei weitem größerer Teil, als es der zwar vorhandene, aber hochgespielte Gegensatz zwischen "Realpolitik" und "Fundamentalismus" vermuten läßt. Was "Ökologismus" in diesem Sinne ist, haben dessen entschiedene Anhänger innerhalb der Grünen selbst treffend formuliert:

"... Die Grünen reden in ihren programmatischen Erklärungen an vorderer Stelle von der Ökologie und meinen damit etwas Doppeltes. Auf der einen Seite Umweltschutz, also Reparaturmaßnahmen, die geeignet sind, die Zerstörung der Umwelt zumindest anzuhalten, und die Freiräume für eine andere Entwicklung schaffen und sichern. Zum anderen meinen sie mit Ökologie noch weit mehr: Das Wort steht für ein neues, in seinen Grundzügen noch weitgehend unbekanntes gesellschaftliches Entwicklungsmodell nicht nur jenseits des Kapitalismus, sondern jenseits des Industrialismus überhaupt... Eine Politik in dieser Richtung geht ganz grundsätzlich über die Programmatiken und die politische Philosophie herkömmlicher Art hinaus. Sie ist auch keine lineare Fortsetzung sozialistischer Politik..." (6)

Ein Thesenpapier von reinstem Bahro´schem Wasser, unterzeichnet von solchen Pragmatikern wie Kretschmann, der "den Parlamentarismus mit Zähnen und Klauen ..." verteidigen will (7) und W. D. Hasenclever, was zumindest denjenigen, die Bahro nur auf der Grundlage seines vehementen Eintretens gegen die Duldungsstrategie eines Teils der hessischen Grünen gegenüber der SPD einschätzen, als eigentümliche Koalition erscheinen muß (8).

Dabei wird leicht übersehen, daß die Frage des Mißtrauens gegenüber den Institutionen, des Verhältnisses von Parlamentsarbeit und außerparlamentarischer Bewegung zwar eine durchaus wichtige Frage ist, aber eben nur eine Frage, an der sich die gegenwärtige Fraktionierung der Grünen entzündet, die des Verhältnisses zur Ökologie als Umweltpolitik (d.h. als "Reparaturmaßnahme") oder als Weltanschauung, als das Ganz Andere aber eine zweite Frage quer zur ersten. Und an dieser zweiten Frage erweist sich Bahro´sches Gedankengut als durchaus vereinbar einerseits mit radikal-fundamentalistischer Abgrenzung zum ganzen bestehenden Politikbetrieb wie auch zu einer "Realpolitik", die in der Lage ist in CDU-Späth Grünes zu erblicken während sie im SPD-Orange den Industrialismus wittert (9). Hier wie dort ist grün nicht links oder rechts, sondern vorn, etwas völlig Neues. Höchstens könnte die Frage aufkommen, ob das "Neue" dem "Traditionellen" unendlich fern oder unendlich nah ist. Doch das ist z.T. eine Mentalitätsfrage.

Versucht man die Weltanschauung Rudolf Bahros in ihren Grundelementen darzustellen, so ergeben sich folgende Kernthesen:

- Im Prinzip ist die ganze menschliche Evolution indie falsche Richtung gelaufen. Dies praktisch schon seit einer Zeit, als es noch gar keine Menschen im eigentlichen Sinne gab. Dabei hat diese Fehlentwicklung - die sich durch alle Epochen der menschlichen Geschichte in jeweils spezifischen Formen zieht - in den letzten 200 Jahren eine neue Qualität angenommen. Es handelt sich um den "Exterminismus" (10)
- Dieser "Exterminismus", als Prinzip seit etwa dem 1.Weltkrieg vorherrschend, ist der "unserer Zivilisation eingelagerte und von ihr auf die ganze Welt ausstrahlende Drang zur Massenvernichtung, als -auslöschung, -ausrottung..." (11). Dieser ist - so oder so - das "letzte Stadium der Zivilisation" (12). Sei es im Sinne einer verallgemeinerten Barbarei, vorstellbar als atomares Inferno oder las ökologischer Zusammenbruch; sei es in dem Sinne, daß doch noch ein Ausweg aus dieser teuflischen Dynamik gefunden wird, welcher nur als "Auszug aus dem Industriesystem" (13) mithin der herkömmlichen Zivilisation überhaupt, denkbar ist.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 06.05.2001