Einleitung
Es ist noch nicht übermäßig lange her, da wäre eine Arbeit, die sich mit "Neuer Deutscher Ideologie" beschäftigt, von vorneherein als suspekt angesehen worden. Lohnte ein solches Thema? Gab es den Gegenstand überhaupt? Ideologie - das war - wenn überhaupt - doch nicht als "neu" vorstellbar, sondern allenfalls als Überbleibsel eines dunklen, überwundenen Zeitalters. Über die Soziologie konnte Helmut Schelsky damals schreiben: "...Die Soziologie versteht sich als eins der wissenschaftlichen Instrumente unter anderen , die einem planvollen sozialen Einzelhandeln dienen können. Von dieser Einstellung her werden die ideologischen Komplexe der Universalideologien mehr und mehr abgestoßen und verachtet, revolutionäre Gesamtordnungsvorstellungen progressiver wie konservativer Art als vorwissenschaftliche Entscheidungen und Utopien entlarvt..." (1)
Sicher - unbestreitbar war, daß es sie noch gab; einerseits als Relikt aus der Zeit, da sie ihren Höhe- und in gewisser Hinsicht bereits ihren Endpunkt, zumindest den schöpferischen, hatte: nämlich des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, andererseits aber auch als praktisch-politisch noch nicht völlig geschlagene Bedrohung der "freien Gesellschaft" - der "offenen Gesellschaft" (2). Der "Ideologie" haftete ein eigentümlicher Doppelcharakter an: sie war sowohl erledigt als auch immer noch gefährlich. Gefährlich nicht in erster Linie deshalb, weil sie geistig für einen größeren Teil der Gesellschaft attraktiv gewesen wäre, sondern weil sie durch ihre Verbindung mit einer staatlichen Macht zu einer gleichsam äußeren Gefahr geworden war. Da nach Lage der Dinge diese äußere Gefahr geworden nur in der Sowjetunion gesehen werden konnte, ist das Wesen der "antiideologischen" Ideologie auch bereits beleuchtet: sie ist im Kern Antikommunismus/Antimarxismus. Daneben gab es jedoch noch eine zweite Grundkonstante dieser Ideologie: der ungebrochene Fortschrittsoptimismus auf der Grundlage des bestehenden sozialökonomischen Systems. Dieser naive Fortschrittsoptimismus konnte sich dabei z.T. aus den Erfahrungen der 50er und 60er Jahre nähren und blieb auch immer am Vorbild der scheinbar krisenfrei funktionierenden US-amerikanischen Gesellschaft fixiert. Das Zeitalter der Krisen schien endgültig vorbei zu sein, solange keine grundlegenden politischen Fehler gemacht würden. Selbst die Krisen der Vergangenheit - so glaubte man - wären vermeidbar gewesen; Folgen tragischer Irrtümer bzw. des mangelnden Wissens der Menschen in jener Zeit. Hätte die Theorie des John Maynard Keynes früher zur Verfügung gestanden, so wäre es nie zu einem "schwarzen Freitag" mitsamt der darauffolgenden Entwicklung gekommen, war das klassische Motto der keynesianisch-sozialdemokratischen Politik.
So illusionär diese Vorstellungen im einzelnen gewesen sein mögen, so sehr wurden sie scheinbar durch die politische und gesellschaftliche Entwicklung bestätigt. Ungebrochenes Wirtschaftswachstum, das fast völlige Aufsaugen der Arbeitslosigkeit im Laufe der 50er Jahre, das "soziale Netz" (Lohnfortzahlung, dynamische Rente etc.) das unvergleichlich schnellere wirtschaftliche Vorwärtskommen im Vergleich zum sozialistischen Gegenmodell DDR waren dabei die entscheidenden ökonomischen Gesichtspunkte, die auch - zusammen mit politischem und administrativen Druck - zu einer im Vergleich mit Weimar völlig veränderten politischen Landschaft führten. Hierzu gehören vor allem der 1959 mit dem Godesberger Programm endgültig vollzogene Bruch mit dem Marxismus (besser dem, was davon in Rhetorik und Programmatik noch übrig war)in der SPD sowie die Ausschaltung der KPD aus dem legalen politischen Leben, wodurch der legale Marxismus in der BRD auf einige - meist im intellektuellen Milieu wirkende - Außenseiter reduziert wurde. (3)
So war Mitte der 60er Jahre ein relevanter, auch im öffentlichen Bewusstsein virulenter Flügel der revolutionären Arbeiterbewegung de facto nicht mehr existent, der reformistische Flügel, als dessen politischer Ausdruck ursprünglich die gesamte SPD anzusehen war, vollständig auf die Position der "Sozialpartnerschaft" übergegangen, mithin nicht mehr eigentlich Antagonist des Kapitals, sondern eine von zahlreichen - im Rahmen eines pluralistisch-liberalen Gesellschaftsmodells auch durchaus legitimen - Interessengruppen.
Ein Tatbestand, der sich in dem Gedanken, die Arbeiterklasse sei vebürgerlicht, käme nicht mehr als Subjekt der Gesellschaftsveränderung - jedenfalls nicht als entscheidende - in Betracht, niederschlägt. Inwieweit sich diese Grundannahme kontinuierlich bis heute - wenn auch in modifizierter Form - als Kerntheorem gehalten hat, soll noch gezeigt werden. (4)
Ein letzter Aspekt - in gewisser Hinsicht der Bedeutendste - muß noch erwähnt werden: die Veränderung der Gesellschaftsstruktur.(5)
Wenn auch die Darstellung dieses Sachverhaltes an dieser Stelle im einzelnen zu weit führen würde, so ist doch bedeutsam zu konstatieren, dass eine Entwicklung weg vom klassischen Kern des Industrieproletariats, in dem sich noch dazu der Anteil der ausländischen, in das politische und gesellschaftliche Leben in der BRD nur begrenzten integrierten Arbeiter erhöhte, vollzog, während andererseits der Anteil solcher Schichten der Arbeiterklasse, die sich traditionell eher zu den "Mittelschichten" zählten, erhöhte; darüber hinaus innerhalb der Mittelschichten die Bedeutung der neuen Mittelschichten und insbesondere der Intelligenz gegenüber den traditionellen Bereichen zunahm - mitsamt den Auswirkungen, die dies für das Bewusstsein innerhalb der Gesamtgesellschaft hatte.
Damit sind bereits die wesentlichen gesellschaftlichen Strukturelemente, die das Heraufkommen eines neuen "kleinbürgerlichen Sozialismus", der in so vielen Aspekten an die von Marx im "Manifest der Kommunistischen Partei" (6) behandelten Strömungen erinnert, benannt.
Hier reproduziert sich gewissermaßen ein altbekanntes politisches Phänomen auf höherer Stufenleiter. Kritik an der Fremdbestimmung, die die weitgehende Einbeziehung dieser Schichten in den kapitalistischen Reproduktionsprozeß mit sich bringt, verbindet sich mit dem immer noch größeren Grad an Selbstbestimmung gegenüber dem Proletariat und der zunächst noch völlig zu Recht bestehenden Vorstellung des gesellschaftlichen Aufstiegs, dem die materielle Prosperität sowohl der gesellschaftlichen als auch der individuellen Zukunftserwartungen unhinterfragt zugrunde liegt. (7)
Dementspricht die klassische Ideologie dieser aufsteigenden Schichten, die als Kernpunkte die Gedanken der "Demokratisierung" und der "Emanzipation" (im weitesten Sinne) besitzt. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Konnte noch bis in die Mitte der 70er Jahre hinein der Gedanke an eine reformistische Vorwärtsbewegung (bis in den sozialstaatlich-demokratisch gedachten "Sozialismus" hinein) mit einigem Realismus vertreten werden, so ist heute das Bewusstsein der "Krise" allgemein, wenn auch Ideologeme wie der "Wertewandel" nicht überschätzt werden sollten.
Der kleinbürgerliche Sozialismus der 70er und frühen 80er Jahre ist daher auch im wesentlichen Krisensozialismus, der - in jeweils sehr unterschiedlicher Form -auf der Grundlage der ökonomischen und politischen Krise eine demokratische Perspektive zu entwickeln versucht, ohne dabei seine prinzipiellen ideologischen Voraussetzungen und Postulate aufzugeben.
Dabei kann leicht - und die spezifische Auswahl der im folgenden behandelten Vertreter legt dies sogar nahe - der Eindruck aufkommen, es handele sich hierbei um eine spezifische "grüne" Ideologie; dem ist aber nicht so, vielmehr lassen sich ähnliche Gedanken im ganzen "alternativen" Spektrum sowie in dem sozial und weltanschaulich verwandten Teil der Sozialdemokratie aufzeigen aufzeigen. (8) Allerdings gehören die nachfolgenden Ideologen zur Kernorganisation des kleinbürgerlichen Sozialismus: den "Grünen", an deren Entwicklung sich Ideologie und Politik dieser Strömung relativ unverfälscht beobachten lassen.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, So., 06.05.2001
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