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im Roten Salon


Vor einer neuen Intifafa?

Zur aktuellen Lage in Palästina/Israel

Die Nachrichten aus Israel, dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen klingen erschreckend. Die Gesamatzahl der Toten ist nur zu schätzen, die Zahl der Verletzten hat die 1000-Grenze weit überschritten. Im Moment ist natürlich Krisenmanagement angesagt. Israel und die PLO-Führung haben einen Waffenstillstand vereinbart, den durchzusetzen freilich die wesentlich schwierigere Frage ist, Israels Ministerpräsident Barak und PLO-Chef Arafat wollen unter Vermittlung der USA in Paris verhandeln. Das ist gut, aber was könnte bei solchen Verhandlungen herauskommen, das nicht ebenso gut schon in Camp David oder früher hätte heraus kommen können.

Hinzu kommt die absolut aufgeheizte emotionale Athmosphäre, die sich latent schon ergab, als die Palästinenser zum wiederholten Male auf die Ausrufung eines eigenen Staates (angedacht war der 13. September) verzichten mußten. Die bewußte Provokation des Likud-Chefs Ariel Sharon, dem jedwede friedliche Lösung (Sharon: die Palästinenser haben schon einen Staat: Jordanien!) zuwider ist und der auf Eretz-Israel setzt (obwohl er selber eigentlich nicht sehr religiös ist, sondern nur hin und wieder bei besonderen Anlässen sein religiöses Judentum hervorkehrt) und natürlich auch die Bilder vom Tode des zwölfjährigen Mohammed, der sich vergeblich an seinen Vater drängte und dennoch aus einem israelischen Hubschrauber von einem Scharfschützen erschossen wurde, haben die Sache eskalieren lassen. Daß der - selbst schwerverletzte - Vater des Jungen jetzt zur Rache aufruft und sich zum Instrument der Vergeltung, die doch nie ein Ende haben kann, machen läßt, kann man verstehen.

Die Lage ist verfahrener denn je. Der anvisierte Palästinenser-Staat mahgfür Yassir Arafat eine Genugtuung sein, für die Masse der Palästinenser ist er eher eine Karikatur. Einige nicht territorial zusammenhängende Siedlungen, durchsetzt von Siedlungen militanter jüdischer Siedler, volle Lufthoheit Israels, des militärisch stärksten Staates der Region, ohne Recht auf Heimkehr für die Flüchtlinge (daß diese nur sehr begrenzt in den Ländern, in die sie geflohen waren, integriert wurden, kann man weder ihnen noch den Staaten, die um ihre Souveränität fürchten - Libanon, Jordanien - zum Vorwurf machen), die andauernde Diskriminierung im jüdischen Staat, vor allem aber die nahezu aussichtslose Lebensperspektive der jungen Menschen in Palästina. So wird Arafats Polizei und Paramilitär kaum einem anderen Zwecke dienen können, als das eigene Volk niederzuhalten. Ein Kamikaze-Job. Aber auch für Israel, das vordergründig jeden Krieg gewinnen kann, stehen die Zeichen nicht gut. Ein rassistisch-religiös begründeter Staat mitten in einer feindlichen Umwelt, die nur durch das gegenwärtige Kräfteverhältnis gezwungen ist, die Existenz Israels überhaupt - vorläufig - hinzunehmen. Ökonomisch, militärisch und politisch letztlich völlig abhängig von der Unterstützung durch den "Westen", namentlich durch die USA, also auch abhängig von der dortigen Stimmungslage, die sich auch einmal wandeln kann, das läßt auf Dauer Schlimmes vermuten. Der Staat Isarel und damit die in ihm lebenden Menschen hat überhaupt nur eine Chance, wenn es gelingt, jüdische und arabische Bewohner Palästinas zusammen zu führen und am Ende in einem gemeinsamen europäisch-arabisch-jüdischen Staat aufzugehen. Das klingt in der gegenwärtigen Situation nahezu weltfremd-naiv. Ist es wohl auch. Außer der kleinen KP bemühen sich nur Teile der Friedensbewegung um eine dauerhafte Verständigung auf gleichberechtigter Grundlage.

So bleibt Israel/Palästina eine der gefährlichsten Zeitbomben der Welt.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mi., 04.10.2000