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im Roten Salon


Der Countdown läuft

Zur Lage in Jugoslawien

Es geht nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wie und Wann". Die Tage des jugoslawischen Präsidenten Milosevic sind so oder so gezählt.Selbst für eine "chinesische Lösung", was nach Lage der Dinge nur eine Verzweifungstat wäre, fehlt die nötige Kraft. Offensichtlich sind auch die Vertreter der Opposition und die hinter ihnen stehenden Westmächte nicht mehr bereit, irgendwelche Verhandlungen zu führen: sie setzen auf eine "revolutionäre", das heißt die Legitimität des jugoslawischen regimes sprengende Lösung und auf eine vollständige Durchsetzung ihrer ökonomischen und politischen Ziele.

Was das genau heißt, konnten sich einige Vertreter der DOS-Parteien jetzt in Bulgarien anhören, wo sie zu Besprechungen mit Vertretern des IWF und der Weltbank (vor-)geladen waren. Umfassende wirtschaftliche Neoliberalisierung, keine Subventionen für Lebensmittel, Arneien oder die heimische Industrie bzw. Landwirtschaft, Abführung der von den Regierungen Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas geforderten "Reparationen" an diese Regierungen (also genauer: an deren Gläubiger im Westen), enge Zusammenarbeit mit dem Haager Gerichtshof - was große Teile der jugoslawischen Politik- und Militärführung wahrscheinlich auf Jahre hinter Gitter bringen würde!), de facto Zustimmung zur Abtrennung des Kosovo (ohnehin bereits vollzogen) der Vojvodina (kommt demnächst), des Sandschak und von Montenegro. Man könnte das Szenario auch getrost als eine bedingungslose Kapitulation des Milosevic-Regimes und seine Ersetzung durch neoimperialistische Handlanger definieren. Niemand muß der Milosevic-Clique allzu viele Tränen nachweinen. Es war von Anfang an (seit der Entmachtung der unmittelbaren Nachfolger Titos) darauf angelegt, die bisherige jugoslawische Staatsdoktrin, die im Grunde nur durch die patriarchale Figur Marschall Titos durchsetzunsgfähig war, durch den alten serbischen Chauvinismus, auf dem das alte königliche Jugoslawien beruht hatte, zu ersetzen. Unter Beibehaltung einiger sozialer Errungenschaften, die mittlerweile ebenso zur serbischen Nationalkultur geworden waren wie die Tradition der Tschetniks, die sich erstaunlich gut mit dem Tito-Kult vertrug (ebenso wie es einige Großrussen heute schaffen sich gleichzeitig zu Lenin, Stalin und dem Zaren Nikolai zu bekennen, sozusagen als nationales Erbe). So hatte das Milosevic Regime einen im wahrsten Sinne des Wortes "nationalsozialistischen" Charakter. Dabei tut es wenig. zur Sache, daß sich dieser Nationalismus auf prächtigste ergänzte mit den diversen konkurrierenden Nationalismen vom Schlage Kroatiens (mit deutlicher Anspielung auf die Ustascha) der "Moslems" (mit deutlich islamistischen Bezügen) und dem albanischen (in dem sich alles mögliche zu einem unheilvollen Brei amalgiert hat). Deren Schicksal ist ohnenhin durch den Weltmarkt besiegelt, nur Jugoslawien stand durch seine "sozialistischen" Komponenten und seine strategische Widerborstigkeit im Wege.

Ob die Taktik des Großen Sturms, den die Opposition jetzt anwendet, im ersten Anlauf Erfolg hat, ist noch nicht abzusehen. Zu oft hat Milosevic seine Steher-Qualitäten bewiesen. Aber seine Lage ist hoffnungslos. Auch Rußland hat seinen Schützling preisgegeben, hat im Moment auch ganz einfach andere Sorgen. Ökonomisch kommt Jugoslawien nicht mehr auf die Beine, die personelle Crew für die neoliberale Machtübernahme steht schon bereit, ebenso auch die ausländischen Konzerne, die die jugoslawische Wirtschaft bald übernehmen werden. Was hat das jugoslawische Volk noch von einem Leben unter Milosevic zu erwarten? Solange Milosevics Regierung nich steht, geht die Destabilisierung weiter. Eine gute Gelegenheit für die Westlinke, Methoden, Szenarien und Diskurse dieses gesteuerten Prozesses zu studieren. Sie wird diese Erkenntnisse noch mal brauchen können.

Milosevic hat nur noch die Wahl aufzugeben oder Amok zu laufen. Hoffentlich trifft er die richtige Entscheidung.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mi., 04.10.2000