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Die Inszenierung
Was hätten wir wohl über die Französische Revolution erfahren, wenn sie von CNN übertragen worden wäre? Oder über die russische? Hätte es vielleicht noch ein kleines Interview gegeben mit Kerenski unmittelbar vor dem Sturm auf das Winterpalais? Oder eine Fernsehansprache von Leo Trotzki? Wir werden es nie erfahren und müssen uns wohl auch in Zukunft mit dem berühmten Film von Sergej Eisenstein zufrieden geben. Heute ist das anders.
Man mag darüber streiten, ob das, was sich am 5./6. Oktober in Belgrad zugetragen hat, wirklich mit Recht eine Revolution genannt werden darf. Es sollte wohl so aussehen: viel Volk, viel Spannung, einige Helden und ein richtiger Miesling als Vertreter des ancien regime. Unwillkürlich drängten sich Erinnerungen auf an den Sturz der Ceausescus vor gut 10 Jahren. Damals dauerte es allerdings ein knappes Jahr bis sich der Nachrichtennebel etwas lichtete und die wirklichen Vorgänge durchschimmerten.
Mittlerweile ist klar, daß der Umsturz in Belgrad von langer Hand vorbereitet worden war und auch keineswegs unter der Rubrik "friedliches Volk stürzt skrupellosen Diktator" abzuhaken ist. Bereits seit langem hatten sich offenbar Teile der politischen Opposition im Bunde mit Teilen des Staatsapparates und des Militärs auf die - notfalls gewaltsame - Auseinandersetzung mit dem isolierten Präsidenten vorbereitet.
Die Opposition in Belgrad war keineswegs unbewaffnet und sie hat auch die Regierungsgebäude, Fernsehstationen etc. keineswegs "friedlich" gestürmt. Dazu kam es nur, weil die Teile des Apparates, die noch auf Seiten Milosevics standen, beizeiten angesichts der aussichtslosen Lage ihren Widerstand einstellten. Milizen unter Führung des "Kapitän Dragan" hatten in Zusammenarbeit mit privaten Sicherheitsdiensten, darunter der "Tiger security", die aus den Tiger-Milizen des im Januar erschossenen "Arkan" hervorgegangen waren, gingen mit militärischer Gewalt gegen die demoralisierten Milosevic-Leute vor. Aus dem Belgrader Bürgermeisteramt waren ihnen Maschinengewehre (gegen Quittung!) zur Verfügung gestellt worden. Andere Waffen wurden bei den ersten Aktionen erbeutet. Wieder andere waren aus Beständen der Armee und Polizei beiseite geschafft worden. Nur durch den Einsatz dieser Milizen war eine so schnelle und so reibungslose Überwältigung der Polizeiwachen möglich gewesen. "Kapitän Dragan", Zoran Djindjic (der eigentliche Führer der Opposition und dezidierter Mann des Westens) hatten den Aufstandsplan abgesprochen, sich dabei aber Reihenfolge und Ausmaß der zu besetzenden Objekte zerstritten. (Das gibt sich hoffentlich wieder).
Aber diese paramilitärischen Aktionsgruppen waren nur die Spitze des Eisbergs. Längst gab es ein Szenario, daß sich im Falle ernsthaften Widerstands Teile der Armee unter Führung des vor einem Jahr von Milosevic entlassenen Generalstabschefs Perisic auf die Seite der Opposition gestellt hätten . Dazu wären noch deaktivierte frühere Offiziere und ihnen treu ergebene Mannschaften gekommen. Die Pläne waren so ausgelegt, daß die Opposition im Notfalle auch einen längeren Bürgerkrieg hätte bestehen können.
Selbstredend hätte sie dabei auch die Unterstützung aus dem westlichen Ausland gehabt. Daß Gelder geflossen sind, ist mittlerweile unbestritten, ob es noch einmal zu einem militärischen Eingreifen der NATO gekommen wäre - "um weiteres Blutvergießen zu verhindern" - darüber kann spekuliert werden.
Das alles macht Milosevic nicht besser, aber irgendwie sind Revolutionen auch nicht mehr das, was sie einmal waren. CNN sei Dank.
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