'Kein Zimmer im deutschen Haus'
Die JUNGLE WORLD zwischen Scylla und Charibdis
Artikel aus der JUNGLE World bereiten in der Regel viel Vergnügen. Kein
Witz. Diesen ebenso tapferen wie aussichtslosen Kampf mit den
einfachsten Grundlagen des Lebens zu rezipieren ist eine Wonne für
Geniesser. Diesmal ist der etwas ungeratene Junge Welt - Ableger mit der
PDS aneinandergeraten: "Zimmer im Deutschen Haus" ist der Artikel eines
Fabian Lembke überschrieben und befaßt sich - Achtung: ein Wortspiel -
sowohl mit der neuen PDS-Vorsitzenden Gabi Zimmer, die nach einem Platz
in Deutschland (auch: die BRD) sucht als auch mit der PDS selbst, die
wohl zunehmend als ein Zimmer im Deutschen Haus (diesen Wortquark
verdanken wir Gorbatschow!) angesehen werden möchte.
Faszinierend wie immer diese unnnachahmliche Mischung aus durchaus
richtiger Beobachtung, die freilich immer wieder dargestellt wird, als
sei sie der große Durchbruch der linken Erkenntnistheorie, und völliger
Ratlosigkeit, gemischt mit Trotz.
Lembke schreibt: "Es gibt im Wesentlichen zweu Möglichkeiten, Linker
oder Linke zu werden. Entweder man setzt sich gegen Ausbeutung und
Kapitalismus ein und stellt - nach ausgiebigem Marx-Studium - die Frage
nach dem Eigentum an den Produtkionsmitteln an die erste Stelle. In
einem solchen Fall organisierte man sich zu BRD-Zeiten wohl bei der
DKP."
Strang Marxismus-Stalinismus. (Lernziel 1!)
oder: "Oder man setzte die Revolte gegen das Elternhaus später als
antiautoritäre Politik gegen Staat, Militär und Patriarchat fort. In
diesem Fall landete man im Westen vermutlich bei der Anti-AKW-Bewegung,
den Grünen oder den Autonomen. Ohne Frage: beide Positionen sind links.
Doch das eine ohne das andere führt unweigerlich in die stalinistische
ode die wirtschaftsliberale Sackgasse."
Als Beschreibung der Motivation linksradikalen Engagements in den 70er
und noch den 80er Jahren ist das wohl durchaus zutreffend. Etwas zu
denken gibt freilich die Selbstverständlichkeit, mit der die
antiautoritäre Revolte als Vorstadium des Wirtschaftsliberalismus
aufgefaßt wird. Da wird Jutta Ditfurth zusammenzucken. Sollte der
Siegeszug der "Fischer-Gang" vielleicht doch nicht nur auf deren
Skrupellosigkeit und Demagogie zurückzuführen sein, sondern bereits in
der Grundposition angelegt? Hat hier einer was gemerkt? Jutta wäre dann
die ideologisch bornierte Trulla, die einfach nicht erwachsen werden
will. Schon böse - aber es stimmt.
Der Autor bemerkt noch mehr. Mit der PDS hat das alles wenig zu tun. Von
Gesellschaftsveränderung in Richtung hin auf einen wie auch immer
aufgefaßten Sozialismus ist bei der PDS kaum mehr zu spüren als bei der
SPD. Das, was hier noch an "revolutionärere" Position vorhanden war (in
der Endphase der SED) war allenfalls die außenpolitische Option: das
Vertrauen auf die Überlegenheit des "realen Sozialismus". Ansonsten war
man die nachwachsende Elite. Und Otto Reinhold verkörperte die
"corporate identity" (allerdings einer Firma mit schlechtem Management).
Nachdem die Rahmenbedingungen abhanden gekommen sind, ist man nun -
völlig logisch - bestrebt, in den neuen Rahmenbedingungen anzukommen.
Dabei dienen die Restbestände der realsozialistische Ideologie, an der
viele insbesondere der älteren Generation noch hängen, als Starthilfe.
Ohne dieses Milieu gäbe es keine PDS. Die SED ist auch "deutscher"
geblieben, "deutsch" war eben in der DDR auch "sozialistisch". Daß dies
eine bedeutende Schnittmenge mit rechts ergibt, ist natürlich
offenkundig. Die "sozialistische" Demagogie einiger NPD-Ideologen kommt
ja nicht von ungefähr.
Davor hat der gute Lembke Angst. Ganz von Ferne dämmert ihm nämlich
auch, daß sich hinter diesem Dualismus der Linken ein anderes Dilemma
verbirgt: das Dilemma nämlich, daß die Westlinke (von einigen orthodoxen
Splittern einmal abgesehen) eben immer nur ein Revolte-Projekt war - nie
ein revolutionäres. Man hatte sich bequem eingerichtet in der geteilten
Welt des Kalten Krieges und des zwei (?)-geteilten Deutschland. Daran,
die Verhältnisse grundlegend zu verändern dachte - trotz anderslautender
Rhetorik - niemand. Der "Realsoz" war da und verhinderte die Entfaltung
des Neoliberalismus, ohne je selbst ein Modell werden zu können, die
westliche Gesellschaft war "gezähmt" und man konnte sich ohne Not den
"weichen Themen" widmen, die man freilich - man denke an die "neuen
sozialen Bewegungen" gleich "revolutionär" überhöhte. Daraus wird nun
nichts. Hat man ja mittlerweile auch selbst gemerkt, aber die
Befindlichkeit, dieses sich "links" fühlen ohne wirklich ernsthaft zu
werden - das müßte doch irgendwie zu retten sein.
Alles vergebliche Liebesmüh.
Was wir gegenwärtig erleben ist der - verdiente - Untergang des (im
Sinne des Autors) libertären Flügels der Nachkriegslinken. Die Revolte
gegen das Elternhaus, fortgesetzt in der revolte gegen Staat, Militär
und Patriarchat war eben immer Simulation, angekoppelt an das Bestehen
dieser Gesellschaft. Nun - ohne "realsozialistisches" Korrektiv, aber
wieder konfrontiert mit der Krisenhaftigkeit und der Aggressivität des
Imperialismus, der heute euphemistisch als "Neoliberalismus" daherkommt
- schmilzt alles wie Schnee unter der Sonne.
Wer wirklich eine humanistische Gesellschaft will, muß schon in der Lage
sein, aus dem Dilemma von realsozialistischer und antiautoritärer Linken
herauszukommen. Davon weiß Gabi Zimmer nichts, sie führt dem politischen
System der BRD eine Ost-Sozialdemokratie zu und da Menschen im Osten
bekanntermaßen etwas langsamer sind - eben auch eine nach links
versetzte. Das sollte man nutzen. Und noch bietet die PDS eine Menge
Platz für demokratische (partiell auch für sozialistische) Positionen.
Eine sozialistische Gesellschaft wiederum kriegt man so nicht. Davon
weiß wiederum die JUNGLE WORLD nichts.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mi., 01.11.2000
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