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im Roten Salon


DIE HEILIGE JUTTA DER ÖKOLOGIE



Es ist schon ein apartes Erlebnis, Jutta Ditfurths Serie "So Grün war mein Traum", unter dem Stichwort "Aktuelles" und versehen mit einem etwas reißerischen Stempel :EXCLUSIV Die wahre Geschichte der Grünen, ausgerechnet in einer Illustrierten wie "NEUE REVUE", plaziert zwischen einem Bericht über die ZDF-Hitparade und einem Artikel über Mario Basler (Gib Küßchen, Mario) und nicht weit von "Guck´mal Else..." aus der Serie "Mädchen von nebenan", vorzufinden. Das hätte sich Jutta Ditfurth wohl selbst vor noch nicht allzu langer Zeit nicht vorstellen können. Jutta Ditfurth hat andere Zeiten gesehen. Früher, als der hessische Landesverband, der heute allenfalls noch durch einige Symbole von einer neoliberalen Organisation zu unterscheiden ist, noch von den "Radikalökologen" (vulgo auch "Fundamentalisten") dominiert wurde, redigierte sie die "Grüne Hessenzeitung". Noch später standen ihr die großen, sich aufgeschlossen linksliberal gebärdenden Presseorgane sowie zahlreiche Talkshows offen. Das ist vorbei. Die meisten alternativen Blätter sind heute, so es sie überhaupt noch gibt, Realoblätter und für die offiziell nichtkonservativen Meinungsmacher ist Jutta mittlerweile persona non grata. Und die Grünen selbst? Für die hat die ehemalige (gleichberechtigte) Bundesvorsitzende nur noch Verachtung übrig. In der Tat lesen sich Juttas Betrachtungen über die Ereignisse des Jahres 1988 (im Mittelpunkt der durch einen angeblichen Finanzskandal verursachte Rücktritt des damals noch linken Bundesvorstandes) wie eine Geschichte aus der Reihe "Bei Hempels unterm Sofa". Es ging um viel Geld, das Mitglieder des Bundesvorstandes veruntreut, zweckentfremdet oder sonstwie vergeudet haben sollten. Das Ganze ging zwar aus wie das Hornberger Schießen, aber der Schaden soll doch so groß gewesen sein, daß der Vorstand weg mußte. Man erinnert sich dunkel.

Es ist die älteste Geschichte der Welt - zumindest in der bundesdeutschen Linken - politische Fragen nicht primär politisch, sondern mit den Mitteln der Verleumdung, Intrige, Manipulation etc. auszutragen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, Sachverhalte, Zitate, Behauptungen und dergleichen im einzelnen nachzuprüfen. Man es im Einzelfalle stimmen oder nicht, es klingt alles doch sehr nach dem politischen Alltag im Hause Grün, der schon früh das sozialdemokratischen Leitmotiv "Zwei Rechts, nichts links, einen fallenlassen" (in der SPD als "Links blinken, rechts abbiegen bekannt"). So haben es die Grünen geschafft, in den jetzt bald zwei Jahrzehnten ihrer Existenz sich selbst nahezu komplett auszutauschen: Politisch, ideologisch und nicht zuletzt personell. Wer 1980 bei den Grünen war, ist es jetzt zumeist nicht mehr; die, die jetzt oben sind, haben lange gezögert (man denke an Fischer, Cohn-Bendit usw.). Es lohnt sich wirklich, einmal alte Vorstands- bzw. Fraktionlisten anzuschauen. Die Frage drängt sich auf "Where have all the flowers gone? Erinnert sich noch jemand an Norbert Mann, Manon Maren-Grisebach, Dirk Schneider, Rainer Trampert, Thea Bock usw. usf.

Gründe für eine erfrischende Polemik gäbe es genug und auch eine gewisse persönliche Verbitterung mag man Jutta Ditfurth nachsehen. Doch drei Dinge machen stutzig.

Die Geschichte der Grünen in Ditfurthscher Manier ist ein unablässiger Kampf der Guten gegen die Bösen. Üble Finsterlinge aus dem Horrorkabinett der alternativen Wahlbewegung, namentlich genannt Lukas Beckmann, Heide Rühle, Antje Vollmer, Christine Bernbacher, Rezzo Schlauch, Fritz Kuhn und der unvermeidliche Oberschurke Joschka Fischer, allesamt nur an ihrem persönlichen Fortkommen (vulgo: Macht und Cash) interessiert, die eine gutwillige, aber vielleicht etwas naive Partei nach Belieben - trotz heftigen (und natürlich völlig altruistischem) Widerstands der unbeugsamen Jutta und ihrer treuen Mitkämpfer - manipulieren können.

Obwohl an dieser Geschichte mehr als ein Körnchen Wahrheit ist, ist Jutta Ditfurth doch eine wahre Meisterin auf dem Gebiet der unneurotischen Verdrängung. Sie selbst hat, als sie noch um die Macht kämpfte, zu sehr rigorosen Mitteln in der innerparteilichen Auseinandersetzung gegriffen. Man erinnere sich nur an die Kampagne gegen die Ökokommunisten der "Gruppe Z", als sie und Manfred Zieran eine zeitlang alles andere als links sein wollten.

Zu Denken gibt auch der völlige Mangel an analytischer Schärfe. Die Geschichte der Grünen wird nicht grundsätzlich - früher hätte man gesagt: materialistisch - analysiert. Die Interessen der Basis, ihr Bewußtsein, ihre Erwartungen an die praktischen Ergebnisse von Politik wird ausgeblendet. Die Geschichte der Grünen wird zu einer Sektengeschichte, in der materielle Interessen einzelner Personen, ihre Winkel- und Schachzüge, letztlich ihre Charakterfehler das wesentlich ausschlaggebende Moment der Parteigeschichte werden.Im übrigen müßte sie wenigstens ansatzweise versuchen zu erklären, was das für eine Basis ist, die zu solch einer Führung kommt. Könnte es sein, daß diese Basis viel mehr Fischer ist, als sie wahrhaben will? Im übrigen blieb ihre eigene Gegengründung, die "Ökologische Linke", immer ein Schattengewächs.

Und Jutta - schon früher immer eine eifernde Polemikerin - muß mit gleicher Münze zurückschlagen: der Tod des langjährigen Schatzmeisters Hermann Schulz mag tragisch gewesen sein (gewiß), aber ihn , kaum verhohlen, den Realos in die Schuhe zu schieben, geht eindeutig zu weit. So befriedigt Ditfurths Arbeit nicht zuletzt voyeuristische Neigungen, zumal die Stammleserschaft von "NEUE REVUE" nicht zur eigentlichen Klientele der Grünen gehören dürfte. Dem entspricht auch der Stil der Serie.Es bleibt wenigstens zu hoffen, daß der Text nicht in dieser Form von Jutta Ditfurth stammt, sondern von einem Redakteur auf die Schreibe der Boulevardpresse umgearbeitet wurde.

Jutta Ditfurth hat ein neues Buch angekündigt, das die Serie in erweiterter Form bringt. Vielleicht wird´s da ja besser.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mi., 01.12.1999