Charlys Homepage
im Roten Salon


Die kleine Geschichte der Roten Socke

Wie der VEB Rote Socken Produktion entstand

Die Geschichte der Roten Socke liegt weiter zurück, als manch einer vermutet. Nein, nicht 1989, als sie zum Symbol "demokratischer Sozialisten" wurde, sondern datiert in die Anfangsjahre der Studentenrevolte, deren Motor oder Auspuff, ganz wie man mag, der Sozialistische Deutsche Studentenbund war. Und allen voran Rudi Dutschke. Dieser war es, der mit seinem selbstgestrickten bunt- und breitgestreiften Pullover, den seine Mutter ihm gefertigt hatte, das Selbstgestrickte in die bundesdeutsche Politlandschaft brachte. Und zum handgearbeiteten Pullover gehören selbstverständlich auch handgemachte Socken. Wer Dutschke heißt, der trägt Rote!

Und so war es eine Gemengelage aus Pauperisieung im Studentenmilieu , Verehrung für die Mutter und antibürgerlicher Kleiderordnung, die der Rote Socke mittels juvenilem Protest den Weg ebnete.

Mit den Grünen zog das Selbstgestrickte dann sogar in den Deutschen Bundestag ein. Kaum ein Parlament, in dem nicht gehäkelt wurde. Stricken beim Parteitag, in der Universität - eine schlichte Handarbeit rückte ins Licht der Öffentlichkeit und wurde zur stillen Geste einer Generation von Aufsässigen, die, was sollte der rote Faden anderes bedeutet, zurück zu den Ursprüngen wollten, eine andere Heimat als die der amerikanisierten Bundesrepublik mit ihrem Restaurationsmief der Adenauer-Ära: Selbstsuche, Selbstbehauptung vermischt mit Provokation.

Als Ende der 80er Jahre im Westen Pullis und Plüsch in der Rumpelkammer der Biographien landeten, war es den Ossis vorbehalten, den baumwollenen Faden wieder zur Ehre zu verhelfen.

Jacqueline Henard beschreibt diese Wiederbelebung in ihrem Artikel vom 6. September 1994 in der Frankfurter Allgemeine (FAZ): "Es war kurz vor Mitternacht. Im Vordergrund saß Heinrich August Winkler mit sehr ernster und teilnahmsvoller Miene. Wäre er zehn Jahre jünger, müsste man sagen: Er schaute betroffen. Es ging um die PDS. Heinrich Graf Einsiedel (nicht im Bild) hatte das Wort. Winkler schwieg. Nach einer Weile schwenkte die Talkshowkamera zu einem zufrieden lächelnden Dicken hinter ihm. Der Mann trug ein grünbräunliches Hemd, das vage an ein Militärblouson erinnerte, und, auf der Brustklappe, eine kleine, rote Socke. Damit war die Anstecksocke der PDS zum ersten Mal in das Licht der deutschen Fernsehöffentlichkeit geraten."

So war es. Und wie ist dorthin gekommen? Wir fragen Walter Grenzebach, ihren Erfinder.

Der hatte es schwer mit der Massenverankerung der ROTEN SOCKEN. Zu viele dachten wohl, sie seien selber ROTE SOCKEN und weil man das eh schon merkt, muß man es nicht auch noch sich irgendwie, irgendwo hinstecken oder gar an den Füßen tragen. Aber so sind sie - die Roten; kaum hatte Grenzebach ihnen mit rosaroten Socken gedroht, fühlten sie sich als Sozialdemokraten oder Weicheier (wo ist eigentlich der Unterschied?) veräppelt, und bestanden auf einer klaren - roten - Lösung. "Rot wollen wir sein; roter Pfeffer, ROTE SOCKEN" klang es landauf, landab. So kam die ROTE SOCKE wieder, sozusagen auf Umwegen, in den, nun nicht mehr realen Sozialismus. Und auch die Probleme waren wieder die alten: Wie deckt man den Bedarf? Wie klappt der Versand? Grenzebach machte das, was man im Realsoz gelernt hat: Er improvisierte. Darin hat er Erfahrung. Seine ganze Kunst besteht darin, alles so zu dispatchen, dass es am Ende aussieht, als wäre es geplant.

So entstand der VEB Rote Sockenfabrikation mit dem BL Grenzebach, der immer noch davon träumt, dereinst eine ROTE RENTNER BRIGADE in´ s Leben zu rufen. So weit ist es noch nicht, obwohl schon 20 eisenharte Altkommunisten ausreichen würden. Altkommunisten, so wie die Rentnerin Herta Plache. Die sitzt vor dem Fernseher und strickt und strickt. Seit 1932 ist sie dabei, kaum einer weiß noch, dass Bruno Plache, ihr Mann, Namensgeber für das Leipziger BRUNO-PLACHE-STADION war.

Sie hat auch den Winkler und den Einsiedel gesehen, im Fernsehen. Aber leider nicht den Schwenk auf ihre Socke, da musste sie stricken.

Der Sockenproduktion hat das nicht geschadet.

  • Autoren: Charly Kneffel/Stefan Pribnow
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 06.05.2001