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im Roten Salon


Absurdes Theater am Otto-Suhr-Institut - Ein Streitgespräch zu einem Seminar

Ein Veranstaltungsbericht

Man kann es natürlich auch positiv sehen. An einem politologischen Institut scheint zumindest eine Veranstaltung politische Brisanz zu haben. Das ist immerhin mal erfreulich, droht doch auch an diesem Bereich ansonsten das Einerlei des akademischen Elfenbeinturms.

Am Dienstag, den 15.5. lieferten sich - moderiert von Prof Hajü Funke - Dr. Martin Jander und der emeritierte Professor Fritz Vilmar ein Streitgespräch über die Legitimität des Seminars "Die Amerikanisierung unserer Sprache als politisches Problem - Deutschland zwischen kultureller Selbstaufgabe und Selbstbehauptung". Das Seminar, das, geleitet von Fritz Vilmar und Dr. Horst Hensel, als Blockseminar an drei Tagen im Semester abgehalten wird, hatte bereits eine Sitzung hinter sich, als eine Gruppe der üblichen Verdächtigen, diesmal firmierend als "bündnis kritischer studentInnen/critical students association", davon Wind bekam und die gesamte Veranstaltung als "völkisch-nationalistisch" bzw. "Deutschtümelei" denunzierte. Die Gruppe drohte an, "...die Sitzungen des "Sprachpflege"-Seminars nicht stattfinden lassen (zu) werden..". Außerdem forderte es dazu auf , daß alle "die Deutschtümelei und völkisch-nationalistische "Normalisierung" in Deutschland ablehnen, an der Verhinderung des Seminars teilzunehmen".

Die Fälle, in denen Veranstaltungen als rechts usw. denunziert werden scheinen sich zu häufen.

Von Anfang an war bei den etwa 50 Teilnehmern, in ihrer Grundorientierung etwa gleich stark vertreten, eine starke Emotionalisierung spürbar.

Martin Jander distanzierte sich zwar vom Flugblatt der studentischen Initiative, erklärte aber, ebenfalls gegen das Seminar protestierten zu wollen, da es am OSI fehl am Platze sei. Er konstatierte einen kaum verhohlenen "Anti-Amerikanismus" in der Seminar-Ankündigung sowie insbesondere in einem kleinen Buch des Seminarleiters Horst Hensel, aus dem er ausgiebig zitierte. Vilmar bestritt die Authenzität der Zitate so blieb dieses im Raumes stehen.

Im Verlauf der Diskussion wurde aber offenbar, daß es für Jander und seinen Kollegen Maischein von der Evangelischen Akademie prinzipiell nicht statthaft ist, die amerikanische Gesellschaft, die sie als grundsätzliches Modell auch für Deutschland begreifen, prinzipiell zu kritisieren. Tut man es dennoch, handelt es sich um Anti-Amerikanismus. Seltsame Dinge kamen in der Diskussion zum Vorschein. Rainer Maischein wies auf frühere gute Erfahrungen in Gewerkschaftsseminaren hin, in denen man sich gegenseitig erzogen habe und auch schon mal wegen des Gebrauchs bestimmter Begrifflichkeiten kritisierte. So nannte er das Wort "Betreuung" das "manche sicher als harmlos" empfinden, als Beispiel für klassische LTI (Lingua Tertii Imperii - die Sprache des Dritten Reiches).

Ines Lehmann wies auf die Gefahr des Linksnationalismus hin: "Es gibt eine deutsche Linke, die es den Amerikanern nie verzeihen wird, daß sie Deutschland vom Nationalsozialismus befreit haben..". Jander, Maischein u.a. dieses Kalibers betonten zudem, der "Nationalsozialismus" sei kein "Faschismus" gewesen. Da dieser eine Klassenherrschaft bedeute, während der Nationalsozialismus tief in der deutschen Volkskultur verwurzelt gewesen sei. So feierte die Totalitarismusdoktrin in einer neuen Variante fröhliche Urständ.

Immerhin läßt sich so die Argumentationsweise der Kritiker nachvollziehen. Da Nationalsozialismus keine Klassenherschaft ist, sondern ein organisches Ergebnis des deutschen Volkscharakters, ist eine "Amerikanisierung" letztlich nur wünschenswert. So gesehen ist es nur konsequent, daß die studentische Initiative ihre neuesten Publikationen nur noch in englischer (!) Sprache veröffentlicht. Bemerkenswert die Kongruenz zwischen durchgeknalltem Linksradikalismus und ganz banaler Mainstream-Ideologie unter atlantischem Vorzeichen.

Bleibt nur zu hoffen, daß dieser Philo-Amerikanismus genauso endet wie der groteske Philo-Sowjetismus (mit all seinen chinesischen und albanischen Varianten) der 70er Jahre.

Bis dahin gilt es sich warm anzuziehen.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 20.05.2001