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im Roten Salon


Das Wandern ist des Mahlers Lust

Die Irrungen und Wirrungen eines ewigen Grenzgängers

Horst Mahler hat - aus "Solidarität" - seine Aufnahme in die NPD beantragt, wie er selbst und der NPD-Vorsitzende Udo Voigt auf einer Pressekonferenz stolz bekannt gaben. Damit hat Mahler, der weiß Gott schon alle Höhen und Tiefen des politischen Lebens ausgekostet hat, den vorläufigen Tiefpunkt seiner Laufbahn erreicht. Er selbst mag das freilich anders sehen.

Horst Mahler das gesamte politische Spektrum von rechts außen nach links draußen und wieder zurück ziemlich konsequent durchschritten: wohlangesehener Wirtschaftsanwalt der Berliner Gesellschaft (aus dieser Zeit immer noch vermögend), Verteidiger der APO-Clowns Langhans und Teufel, Mitbegründer der "Rote-Armee-Fraktion" (damals allgemein noch Baader-Meinhof-Gruppe (oder auch "Bande"), zeitweise auch Baader-Mahler-Meinhof-Gruppe genannt), langjährig Inhaftierter, der - mittlerweile Mitglied der "KPD" (aus der "KPD/AO" hervorgegangen) - eine mögliche Freilassung im Austausch gegen den entführten Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz (damals kamen Rolf Heißler, Rolf Pohle, Ina Siepmann, Verena Becker und Gabriele Kröcher-Tiedemann frei) ablehnte, weil ihm dies mit den Erfordernissen des "proletarischen Klassenkampfes" nicht vereinbar schien (er gab damals eine entsprechende Erklärung im Fernsehen ab!), autodidaktischer Hegel-Student im Knast, FDP-Mitglied, wieder Anwalt (Gerhard Schröder ! verschaffte ihm damals die Anwalts-Konzession), dann rechter Festredner, Initiator einer "Massenbewegung" , schließlich Autor der STAATSBRIEFE, jetzt NPD. Immerhin: das hat was.

Und immer volle Pulle! Was geht in solch einem Menschen vor? Nun ist der Übergang von linken auf rechte Positionen ein recht typischer Ausdruck des neudeutschen Zeitgeistes. Im Regelfalle freilich handelt es sich dabei nur um einen Übergang in´s Establishment, meisterlich vorexerziert von der berühmten Gilde um Joschka Fischer, die, nun endlich an die Regierungsmacht gekommen, nahezu hundertprozentig das Gegenteil der Positionen vertritt, mit denen sie einst politisch reüssiert hatte. Seltener sind die Überläufer zur harten Rechten. Einige hat es immerhin gegeben: Maschke vor langer Zeit, Reinhold Oberlercher (der einmal als "der Dutschke von Hamburg" tituliert wurde!) und auch der ARGUMENT-AUTOR Peter Furth, der noch in den 80er Jahren für die DÜSSELDORFER DEBATTE schrieb und nun auch bei den STAATSBRIEFEN angekommen ist. Mahler ist auch hier wieder der Konsequenteste und wohl auch der Prominenteste. Das liegt offenbar in seiner Natur.

Ganz unlogisch ist dieser Übergang nach rechts nicht. Nahezu alle strategischen Pläne der "revolutionären" Linken sind in den letzten 30 Jahren falsifiziert worden. Weder gelang es den selbsternannten Avantgardisten eine Verbindung mit der Masse des Volkes herzustellen, die allein eine strategische Mehrheit hätte sichern können, noch ließ sich aus den neuen sozialen Bewegungen mehr herausdestillieren als ein Innovationsschub der kapitalistischen "Moderne". Mit dem Zusammenbruch des "realen Sozialismus" aber fiel schließlich jener Kristallisationspunkt, auf den sich - positiv oder negativ - alle ernsthaften Oppositionsbewegungen bezogen hatten. Mit dem Übergang zur "One-World"-Konzeption, die scheinbar alternativlos die Szenerie beherrscht, ist jedes revolutionäre Konzept - so stellt es sich jedenfalls naiven Gemütern dar - gegenstandslos. Da bleiben drei Optionen: gute Miene zum bösen Spiel zu machen, die Verhältnisse zu akzeptieren und auf Modernisierung zu setzen, Motto: "Unsere Ideen waren ja gut, aber die Verhältnisse sind halt nicht so", das ewige Credo aller Opportunisten zu allen Zeiten, das übrigens erstaunlich gut zur sozialen Herkunft der meisten "radikalen" Protagonisten paßt; sich in "linksradikale" Nischen zurück zu ziehen, die allerdings immer kleiner und bizarrer werden, zunehmend unter Nachwuchsmangel, finanzieller Austrocknung und der größeren Attraktivität der Rechten leiden; oder der Umschlag des revolutionären Überschwangs in das nationalistische Lager

Hier ist Mahler eine paradigmatische Figur. Geblieben ist ihm die Bereitschaft zum Bruch mit dem System, der "Antiamerikanismus", aber - nach Wegfall der Sowjetunion - der deutschnationale Impetus. Nur so macht seine Reichshysterie Sinn. Allerdings ist auch diese von der besonderen Art: zusammen mit seinem Freund Oberlercher hat er sich zum Reichsstatthalter (oh Pardon: das heißt: Reichsverweser) eines imaginären "Deutschen Reiches" aufgeschwungen, das weniger mit dem Bismarckschen Ungetüm als vielmehr mit dem Alten Reich zu tun hat. Bei allem notwendigen Spott: das hat das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" nun doch nicht verdient - wieder gegründet zu werden durch Mahler und Oberlercher in einem Hinterzimmer einer Kneipe. Selbst den STAATSBRIEFEN war das zuviel, Herausgeber Hans - Dietrich Sander hat alle Kontakte abgebrochen.

Lohnt es sich, einem Horst Mahler, der - trotz aller schon damals notwendigen Kritik - eben doch einer von uns war, nachzutrauern? Wahrscheinlich nicht. Es soll hier nicht auf den in rechtsradikalen Kreisen umhergehenden Quatsch eingegangen werden, der besagt, Mahler sei schon immer ein Agent gewesen. Solche Gerüchte gibt es im Prinzip über jeden, und wenn nicht, ist es auch schon wieder verdächtig.

Die NPD hat ihn. Mag sie ihn behalten. Diejenigen, die ihn früher hatten, hatten an ihm nicht viel Freude. Sei´s drum.

Für die Linke kann es nur darum gehen endlich das Prinzip des Realismus einzuführen, d.h. der materialistischen Analyse. Nicht mehr und nicht weniger.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 01.10.2000