Charlys Homepage
im Roten Salon


Friedrich Merz´ Testballon

Über Leit- und andere Kulturen

"Frühe Vögel frißt die Katz" sagt der Volksmund. So gesehen hat Friedrich Merz, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ,gut daran getan, seinen Testballon in Sachen Einwanderungspolitik bereits jetzt loszulassen. So kann er in Ruhe das Terrain sondieren und die Kräfteverhältnisse abschätzen. Geht´s gut, kann man die Geschichte bei Bedarf hochkochen, geht´s weniger gut, ist das Ganze im Wahlkampf längst vergessen.

Die Sache selbst ist eher banal: soll die Frage "Einwanderung" im Jahre 2002 zum Wahlkampfthema gemacht werden und haben sich die Einwanderer an eine "deutsche Leitkultur" anzupassen? Rhethorische Fragen. Die CDU wird selbst wissen, was sie zum Wahlkampfthema macht - fährt man jetzt darauf ab, hat man das Thema bereits akzeptiert. Und die Sache mit der "Leitkultur" ist eigentlich selbstverständlich. Wie sehr, daß hat gerade die Reaktion der linksliberalen Presse auf den Fall Fereshda Ludin vor einiger Zeit gezeigt. Die aus Afghanistan stammende deutsche Lehrerin hatte - als bekennende Muslima - darauf bestanden, auch im Unterricht ein Kopftuch zu tragen. Es gab Proteste des üblichen Mobs vor Ort, aber auch, und das ist interessanter, ein entsetzter Aufschrei in solchen Kreisen, die - wenn auch mehr aus Gründen der Pietät denn aus Realitätssinn - darauf bestanden, als links oder linksliberal angesehen zu werden. Eberhard Seidel kommentierte in der TAZ (übrigens auch als ein kurdischer Verein "Minderheitenrechte" für seine Volksgruppe, wie sie ja den Sorben, Dänen und Friesen durchaus zugestanden werden, einforderte). Auch die Oberfeministin Alice Schwarzer ereiferte sich über Ludins "Frauenfeindlichkeit". Kein Mensch kam auf den naheliegenden Gedanken, daß es doch Frau Ludins ureigenstes Persönlichkeitsrecht sein könnte, sich so zu kleiden, wie sie es für richtig hielt. Zwar nannte das niemand "deutsche Leitkultur", aber auch wenn man es "zivilgesellschaftliche Moderne" nennen wollte, bliebe die Sache dieselbe. Den linksliberalen Anhängern der multikulturellen Gesellschaft schwebt sehr wohl eine Leitkultur vor, die des bindungslosen "emanzipierten" Singles mit hohem Einkommen und noch höherem Sendungsbewußtsein gegenüber "rückständigen" Menschen aus dem In- und Ausland. Idealisiert wird das Ganze durch das Bild vom guten Ausländer, der all das verkörpert, was man selbst hier im Lande nicht durchsetzen konnte.

Natürlich hat das mit der Realität wenig zu tun.

Rein sachlich betrachtet ist die These des Friedrich Merz mit rationalen Argumenten überhaupt nicht angreifbar. Natürlich gibt es eine deutsche Leitkultur und muß es geben. Das fängt an bei der Sprache. Selbstverständlich müssen die Einwanderer, mindestens ihre Kinder, die deutsche Sprache beherrschen. Selbst wenn man einen Augenblick annehmen würde, daß diese Sprache verschwindet und - meinetwegen - durch die englische ersetzt würde, müßten sie dann eben englisch lernen. Anders ist doch eine Verständigung gar nicht möglich. Selbstverständlich müssen solche Migranten auch die deutschen Gesetze beachten, z.B. was den Tierschutz angeht (da ist das Schächten dann eben verboten, obwohl es in anderen Kulturen akzeptiert sein mag), natürlich werden wir uns dagegen wehren, hier die Scharia einzuführen, auch muslimische Kinder (selbst Mädchen) werden am Sportunterricht teilnehmen müssen, und sollte - sagen wir - irgendein strenger Taliban-Freund überhaupt gegen Schulbildung für Frauen oder gegen die Koedukation sein, dann hat er ein Problem. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Natürlich schwingt in der "deutschen Leitkultur" noch so einiges mit. Es ist wahrlich kein Wunder, daß ausgerechnet der REP-Chef Rolf Schlierer sofort der CDU seine Unterstützung anbot. Schlimm ist es, wenn einige Linke darauf regieren wie die Pawlow´schen Hunde. Friedrich Merz hat seinen testballon nicht von ungefähr gestartet. Der Wahlsieg des Roland Koch ist bei ihm und seinesgleichen noch in guter Erinnerung. Und die CDU befindet sich in einem Dilemma. Auf kaum einem Gebiet hat sie z.Zt. ernsthaft die Chance, die SPD der neuen Mitte in die Bredouille zu bringen. Solange die Konjunktur einigermaßen läuft, keine große Weltkrise ausbricht und die regierung keine gravierenden Fehler macht, wirkt die CDU wie eine blasse Kopie der Regierung - verzeifelt auf der Suche nach Themen. Die einzige Ausnahme ist die Frage der Immigration. Hier hat die Regierung ein Problem: sie weiß die Mehrheit der veröffentlichten Meinung, immer noch ideologisch vorgeprägt durch den Geist von 68 - allerdings in liberaler Verdünnung - die Bedürfnisse der Industrie nach Fachkräften, kurz den "Zeitgeist" hinter sich. Aber dieser "Zeitgeist" ist ein windiger Geselle. Mag er auch in der Elite hegemonial geworden sein, je weiter man vordringt in die Gesellschaft - und zwar in die Breite und nach unten, desto mehr schlägt dieser Zeitgeist um in sein Gegenteil. Es ist jenes Phänomen, das Charles Maurras mal als den Kampf zwischen "Pays legal" und "Pays reell" charakterisiert hat. Greifen Merz und Merkel im Bunde mit der CSU auf dieses Thema zurück, können sie die Regierung auch 2002 in Schwierigkeiten bringen. Damit freilich verschärfen sie den Rechtsruck in der Gesellschaft . Denn wenn die linksliberale Öffentlichkeit dagegen hält und die radikale Linke, ängstlich und ohne Selbstvertrauen, dabei mitgeht, bleibt die rationale und mehrheitsfähige Position bei der Rechten. Die harte Rechte aber bis hin zu den faschistischen Kreisen werden sich noch mehr zu profilieren suchen und das, was an Merz´Position noch rational ist, in dumpfe Fremdenfeindlichkei bis hin zum Rassismus radikalisieren. Das wäre dann eine ideologisch völlig neu definierte politische Landschaft. Merz könnte es egal sein, wenn auf diese Weise die SPD, ohne ihre Positionen zu ändern, wieder nach links abrutschte.Ein gewagtes Manöver - gewiß; deshalb kommt es wohl auch so früh.

Einmal mehr zeigt sich: alle Wege der "Neuen Mitte" führen nach rechts.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Di., 24.10.2000