Der Mann, der die Frauen liebt
Helmut Newton zum 80 Geburtstag
Helmut Newton war schon immer ein Stein des Anstosses. Geboren am
31.Oktober 1920 geriet er als Kind - Sohn einer jüdischen Bürgerfamilie
- in die vom Rassenwahn gekennzeichnete Atmosphäre der Nazizeit. 1935,
nach den Nürnberger Rassegesetzen, mußte er das Gymnasium (nur für
Arier!) verlassen, 1938 gelang es ihm, gerade noch rechtzeitig aus dem
1000jährigen Reich, das dann doch etwas kürzer dauerte, zu entkommen. Er
hatte Glück dabei, mehr jedenfalls als seine Lehrerin Else Simon (Yva),
die später in Auschwitz ermordet wurde.
Newton nächste Jahre waren abenteuerlich, mittellos - aber immer mit
seiner Kamera, seinem letzten Besitz von (geringem) Wert - schlug er
sich als Gelegenheitsjobber durch. Aus heutiger Sicht vergnüglich,
damals aber existenzgefährdend, Anekdoten wie die, daß ihn sein
Arbeitgeber in Singapur (damals noch britische Kronkolonie), als
Fotografen entließ: wegen "Unfähigkeit". Seine Bilder waren angeblich zu
schlecht. Sowas kommt vor. Seit 1948 mit seiner Frau June (Künstlername
"Alice Springs - ebenfalls eine berühmte Fotografin) verheiratet, hat er
sehr bald sein Genre gefunden: Frauen. Sie sind seit Jahrzehnten seine
bevorzugten Modelle.
Über Newtons Ästhetik hat es in den Letzten Jahren heftige Kontroversen
gegeben. Insbesondere Feministinnen fanden nun überhaupt keine
Einstellung zu seinem Werk. Sie werfen ihm, der sich selbst - freilich
nicht ohne Augenzwinkern - gerne als "feministischer als viele andere"
bezeichnet, "sexistische", gar "faschistische" Ästhetik vor. Sehr
hervorgetan hat sich mit dieser Art der Kritik die allseits beliebte
Alice Schwarzer. Sie wirft ihm darüber hinaus "Gewaltverherrlichung"
vor. Mehr als die sexuelle Verklemmung blaustrümpfigen Lesbentums ist
das aber nicht. In der Tat: Newtons Frauen sind bevorzugt unbekleidet,
oft auch mit symbolischen Kleidungsresten (Stiefel, Höschen, Handschuhe
etc.). Oder im geöffneten Pelzmantel (mit Stöckelschuhen und sonst
nichts). Das erregt schon: und keineswegs nur Männer. So hat Newton
viele weibliche Fans und bekannte Persönlichkeiten, die ihm Modell
standen: Eva Herzigova, Charlotte Rampling, Nadja Auermann usw. Bekannt
wurde u.a. sein Werk "White Women", es zeigt - na, man ahnt es schon.
Auch Symbole der Gewalt (Peitsche!) fehlen keineswegs. Am meisten
geärgert haben dürfte die Radikalfeministinnen aber der Kontrast zu den
Männern: die sind nämlich auch Newtons Modelle, wenn auch weit weniger
häufig. Sie sind aber ausnahmslos bekleidet. Yves Saint Laurent und in
neuster Zeit Gerhard Schröder (natürlich im Anzug, mit Hemd und
Krawatte) gehören dazu.
Newton hat sich -zurecht - nicht viel aus diesem Gekeife gemacht. Die
Zeit ist darüner hinweg gegangen.
Heute wird Helmut Newton 80. Die Neue Nationalgalerie in Berlin zeigt
einen Querschnitt aus 40 Jahren seines Schaffens. Es lohnt sich.
-
Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mi, 01.11.2000
|