Charlys Homepage
im Roten Salon


Die NPD

Ein deutsches Schattengewächs geht ein

Soviel Schlagzeilen wie in den letzten drei Monaten hatte die NPD schon lange nicht mehr. Trotz ihrer immerwährenden Versuche, sich durch offensive Aktionen und Demonstrationen, in martialischen Gehabe und an weltweit bekannten symbolträchtigen Orten in Erinnerung zu bringen, blieb sie doch immer ein rechtes Schattengewächs. Bei Wahlen kam sie allenfalls zu punktuellen Erfolgen auf kommunaler Ebene, auf höherer Ebene langte es nur zu Nullkomma-Ergebnissen. Allerdings waren die Zeiten, als sich die NPD primär als Wahlpartei verstand, auch schon lange vorbei. Immer deutlicher, zum teil bewußt, zum Teil unter dem Druck der Verhältnisse, mutierte sie zur Kader- und Kampfpartei, auch zum organisatorischen Dach zahlreicher "freier" faschistischer Gruppen und "Kameradschaften". Die Geschichte des Rechtsradikalismus in der alten BRD ist keine Erfolgsgeschichte. Dabei hatte er zunächst durchaus ein Potential. Zu viele trauerten noch dem "1000jährigen" Reich nach und wollten sich mit der Kriegsniederlage nicht abfinden. So fanden Gruppierungen wie die "Sozialistische Reichspartei" um den unnachahmlichen Major Otto-Ernst Remer ("Ich schlug den Aufstand am 20. Juli nieder"), später der BHE ("Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) einen günstigen Nährboden. Auch die FDP war in den 50er Jahren nur sehr euphemistisch als "nationalliberal" zu bezeichnen. Aber bis zum Ende der 50er Jahre hatte sich der Zug zum Drei-Parteien-System durchgesetzt. Mit einer Mischung aus Repression (SRP, KPD, Bayernpartei) wirtschaftlichem Aufschwung und sozialer Integration (sowohl für alte Nazis als auch für Vertriebene), antikommunistischer Staatsideologie, folkloristischer Narrenfreiheit (etwa auf Vertriebenentreffen) und populistischer Demagogie (F.J. Strauß: "Mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein") gelang es , den Neofaschismus zu entkernen, zur latenten Strömung innerhalb des Establishments zu machen. Nur für kurze Zeit konnte die 1965 gegründete NPD (Vorsitzende Fritz Thielen und Adolf von Thadden) dieses Kartell durchbrechen. Sie vereinigte noch einmal nazistische, deutschnationale und welfische Traditionen und zog in eine Reihe von Landesparlamenten ein. 1969 scheiterte sie mit 4,3 Prozent, kurz nach dem Höhepunkt der antiautoritären Studentenrevolte, bei den Bundestagswahlen. Sie hatte den Zeitgeist gegen sich. Die Bundesrepublik unter dem Reformbündnis von SPD/FDP, die massenwirksame linksliberale (teilweise linke) Hegemonie in den 70ern, die bis 1974 ungebrochen prosperierende Wirtschaft, das war nicht die gesellschaftliche Umgebung, in der die NPD gedeihen konnte. Von nun an ging´s bergab.Die NPD verlor ihre Mandate in den Landtagen, zerrieb sich in den üblichen sektiererischen Querelen, ihre "Aktion Widerstand" gegen die neue Ostpolitik blieb ein Phänomen der faschistischen Subkultur. Adolf von Thadden, ihre Galionsfigur, verließ die Partei. Mit mangelnden Erfolgen verlor sie ihre finanziellen Grundlagen und stand zeitweilig vor dem Bankrott. So dämmerte sie 20 Jahre unter der Führung des Rechtsanwalts Martin Mußgnug und des Versicherungsvertreters Jürgen Schützinger vor sich hin. In den frühen 90er Jahren erreichte die Partei ihren Tiefpunkt, obwohl sich - vor allem in den neuen Bundesländern - bereits deutlich eine für sie günstige Stimmung aus ressentimentgeladener Fremdenfeindlichkeit, die sich in Pogromen gegen Kubaner und Vietnamesen (Rostock-Lichtenhagen 1992!) entlud, artikulierte. Es muß dies die Zeit gewesen sein, in der sich jüngere Kader zum Neofaschismus hin entwicklten oder ihre Agitation aufnahmen, die später das Bild der Partei prägten. Zunächst sackte die Partei aber auf gut 2000 Mitglieder ab, während sich um sie herum eine eigenständige Neonazi-Subkultur entwickelte, die sich aber z.Teil um eigene Organisationskerne kristallisierte. Es war die Zeit der FAP, der Dienel, Langhans, Kühnen, Worch und Co. Die NPD selbst ging unter Leitung des Holocaust-Leugners Günther Deckert offen auf Nazikurs und demoralisierte sich selbst. Seinen bizarren Höhepunkt fand dieser Kurs, als Günther Deckert selbst eine Vortragsreise des amerikanischen Holocaust-Leugners und "Gaskammerexperten" Fred Leuchter organisierte und dabei "dolmetschte", wobei er sich nicht darauf beschränkte, den blühenden Unsinn seines Referenten in´s Deutsche zu übertragen, sondern eigene Anekdoten und Witzchen beisteuerte. Eine Wende nahm die Politik der NPD erst, al s nach der Verurteilung Deckerts zu mehrjähriger Haft (sie endet demnächst) eine neue Gruppe um den ehemaligen Bundeswehroffizier und Diplom-Politologen Udo Voigt die Führung übernahm. Deutlich war nun das Bestreben, allzu diskreditierende Nähe zu Holocaust-Leugnern und offenen Nazi-Propagandisten zu meiden, sich gleichwohl für jugendlich Radikalisnkis zu öffnen und so tendenziell zur radikalen Monopolorganisation zu werden. (Bemerkungen zur Rolle der DVU, die immer nur ein kommerzielles Unternehmen mit angeschlossener "Partei" gewesen ist und zu den "Republikanern", die früh in´s Establishment zurück strebten, erspare ich mir hier). Auch der Versuch, die Partei zu "intellektualisieren" und durch Anknüpfen an DDR-Traditionen und linke Ideologeme ansatzweise eine "Querfrontstrategie" zu verfolgen, waren unverkennbar. Da Scheitern aller ernst gemeinten linken Revolutionskonzepte nach dem Fall des "realen Sozialismus", der "deutschere" Charakter der DDR gegenüber der verwestlichten BRD und die gegen den Neoliberalismus, allerdings von völkischen Grundlagen ausgehende, gerichtete Strategie bot dafür auch Ansatzpunkte, wenngleich die Anzahl der tatsächlichen Überläufer (wie etwa den ehemligen ML-Professor Nier) gering blieb. Ohne schon über Masseneinfluß zu verfügen, hatte die NPD doch alle Aussichten, Kerntruppe eine nationalistischen Fundamentalopposition zu werden. Bemerkenswert ihre unter Voigt entwickelte Drei-Säulen Theorie, die besagt: erstens die Straße erobern, zweitens in die Parlamente gehen, drittens den Kampf um die Köpfe gewinnen. Genau auf diesen Ebenen muß die NPD geschlagen werden. Jetzt steht sie vor dem Verbot, zumindst vor einem Verbotsprozeß, der sich einige Zeit hinziehen wird. Die NPD wird diese Zeit nutzen , sich auf alle Eventualiäten einzustellen. Kann sie so besiegt werden? Man muß befürchten, daß die wirklichen Hintergründe für ein NPD-Verbot nicht so sehr das Bestreben nach einem Sieg über den Neofaschismus ist, sondern daß in erster Linie gegegnüber dem Ausland Handlungsbereitschaft demonstriert werden soll. Wenn ausländische Reiseführer - zurecht - Menschen mit anderer Hautfarbe oder anderem Aussehen vor dem Besuch bestimmter Gegenden in Deutschland (auch in Berlin!) warnen, dann ist das eine Belastung des "Standort Deutschland" sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht. Die BRD glaubt gute Erfahrungen mit Parteiverboten gemacht zu haben: sowohl die SRP als auch die KPD wurden nach dem Verbot historisch gebrochen. Dazu hat die Repression beigetragen. Aber im Grunde wirkt eine solche Strategie nur dann wenn es darum geht, einem weitgehend geschlagenen Gegner endgültig den Garaus zu machen (so im Falle SRP und KPD) oder wenn es gilt, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen und eine neue Offensive einzuschlagen (so verfuhren die Nazis 1933, die ihren eigentlichen Sieg gegenüber der politischen Opposition in den 30er Jahren ja auch erst in der Phase der scheinbaren Erfolge nach 33 errangen). Die NPD artikuliert aber das Wiederaufkommen gesellschaftlicher Probleme , die integrativ aufzufangen sehr schwer werden wird. Zumal das Fehlen einer ernsthaften linksrevolutionären Bewegung den Neofaschisten das Monopol auf die gesellschaftliche Fundamentalopposition überläßt. Wandernde Irrlichter wie Horst Mahler und Reinhold Oberlercher zeigen die Grundrichtung an. Udo Voigt mimt den Gelassenen. Könnte sein, daß er recht hat.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Di., 10.10.2000