Alles in Butter auf dem roten Kutter
Ein Parteitag der Harmonie
Na also: es geht doch. Wenige Monate nachdem die PDS auf ihrem erstem
West-Parteitag im westfälischen Münster die Grenzen der Belastbarkeit
ausgetestet hatte, ist nun wieder alles im Lot. In der Tat, was sich da
in Cottbus abspielte, war fast zu schön, um wahr zu sein. Gysi und Bisky
schieden aus der Führungscrew (bis auf weiteres) aus und wurden mit
einer standing ovation verabschiedet, Gabi Zimmer als neue Chefin
erhielt ein Ergebnis, das bislang nur einmal (von Gregor Gysi) knapp
übertroffen worden war. Und ansonsten gab es einen glatten Durchmarsch.
Die gesamte Führungscrew der PDS besteht durchgängig aus Leuten, die man
bei den Grünen "Realos" genannt hätte. Es gibt allerdings ein paar
Merkposten: Sylvia-Yvonne Kaufmann, eine ehrenwerte Sozialdemokratin,
die in Münster zur Galionsfigur des Gefühlspazifismus avanciert war,
wurde ebenso gewählt wie Sahra Wagenknecht. Letztere, früher als
stalinistische Hexe verrufen, bekam sogar die persönlichen Glückwünsche
der neuen Vorsitzenden samt dazugehörenden Blumenstrauß. Nur Meckerer
und Mieslinge merken noch auf: "Too much harmony". Wo sich alle freuen,
ist mindestens einer der Arsch. Aber wer?
Dabei hatte nach Münster noch alles ganz anders ausgesehen. Nach dem
großen "Sieg der Parteilinken" war der PDS eine existenzielle Krise
prophezeit worden. Rückzug von Gysi und Bisky, Vormarsch der
"Stalinisten" im Bündnis mit verantwortungslosen Pazifisten,
Politikunfähigkeit. War da der Wunsch der Vater des Gedankens? Wohl
kaum, selbst in der CDU und den ihr nahestehenden Medien hat man sich
längst mit der - mittelfristigen - Existenz der PDS abgefunden. Und der
SPD stellt sich nur die Frage: Wie binde ich die PDS ein, die auf keinen
Fall zum Kristallisationspunkt einer linken Opposition werden darf, aber
auch nicht zu viele Wähler abziehen sollte, ohne die bisherige Klientele
zu verschrecken? Eine Zeitlang schien zwar die Parteielite der PDS
aufgeschreckt. "Das muß korrigiert werden" hieß es zum
Nichtinterventionsbeschluß von Münster, Gysi und Bisky beklagten - nicht
ganz zu unrecht - die menschenfeindlichen Umgangsformen in der Partei
und Michael Brie wollte - am ungeeignten Objekt - ein Exempel
statuieren. Noch kurz vor dem Cottbusser Parteitag warnte Andre Brie vor
einem Bündnis aus "Kommunistischer Plattform, Marxistischem Forum und
einer - nicht näher definierten - Westlinken". Der Mann hat Sorgen.
Die gegenwärtige Harmonie in der PDS ist echt. Sie ist Ausdruck der
Tatsache, daß die nennenswerten Richtungsentscheidungen in der PDS alle
- und zwar irreversibel - getroffen sind. Die PDS ist die
sozialdemokratische Partei des Ostens, noch etwas näher dran am
Keynesianismus als Schröders "Neue Mitte" (was allerdings kaum ein
Kunststück ist), nicht bereit, die Biographien der Ex-DDR-Bürger
gänzlich zu verneinen, ein bißchen Lobby für die Ostwirtschaft. Im
wesentlichen war´s das. Insofern ist das PDS-Angebot an die SPD durchaus
folgerichtig. Die PDS ist in der kapitalistischen Gesellschaft
angekommen, ohne wenn und aber. Das gilt es in Zukunft vorauszusetzen.
Andre Bries Vorstellung eines Anti-Reformblocks ist - wenn er denn
selbst daran glaubt - eine Fata Morgana. Die "Westlinke" läßt sich
getrost unter der Rubrik "Irre im Praktikum" ablegen, das "Marxistische
Forum" ist ein intellektueller Seniorenarbeitskreis, der niemanden im
Ernst stört und die Kommunistische Plattform ließe sich, wären ihre
Mitglieder nicht so alt, ohne weiteres als Jusos abbuchen. Eine Zeitlang
braucht man sie noch. Denn die älteren Mitglieder muß man mitnehmen (sie
stellen das "Milieu" und die Wählerschaft) sie sichern die Existenz der
Partei, bis sich diese einen neuen Platz gesichert hat. Längst ist dafür
die Strategie der Regierungsbeteiligung zentral. Dafür braucht man Ruhe
im Karton. Die Linke - intellektuell und politisch hilflos - soll
stillhalten. Den Rest regelt der Zahn der Zeit. Einen Strauß Blumen für
Sahra Wagenknecht ist das allemal wert.
Eine Sache stört noch. Auch 10 Jahre nach der Wende ist die PDS im
Westen eine politische Belanglosigkeit. Ein paar frustrierte
Ex-Sozialdemokraten und Alternative, der Rest die üblichen Verdächtigen.
Noch nicht einmal eine nennenswerte intellektuelle Präsenz. Bleibt das
so, ist der PDS ein allmähliches Siechtum gewiß. Ändern könnte sich das
nur, wenn eine authentische Westlinke, die ähnlich integriert ist wie
die PDS im Osten, mit einem gewissn Massenanhang und den entsprechenden
Leitfiguren zu Hilfe käme. Doch das könnte nur ein Mann aus Saarbrücken
tun. Aber ob der sich das antun will?
In jedem Falle ist klar: mit Sozialismus hat das alles schon längst
nichts mehr zu tun. Das gilt es nüchtern zu konstatieren.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mo., 16.10.2000
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