'Daß ein gutes Deutschland werde...'
Eine Intervention zu den Mißverständnissen zwischen Ost- und Westlinken
In der Bundestagsfraktion der PDS hat es einen heftigen Streit gegeben.
Der neugewählte Fraktionsvorsitzende Roland Claus hat einen
Zeitungsartikel des Abgeordneteten Winfried Wolf (JUNGE WELT vom 18.
Oktober) dazu benutzt, diesen gründlich abzukanzeln. Wolf habe "den
Rubikon überschritten" er kämpfe um "eine Hegemonie in der Partei" usw.
Abschließend ließ sich Claus zu dem Spruch hinreißen "Ich sage Tschüss".
Das muß man wohl als Aufforderung zum Parteiaustritt verstehen. Manche
Leute sagen zwar schon mal viel, wenn der Tag lang ist und in der
Erregung ganz besonders, aber einem Fraktionsvorsitzenden darf sowas
nicht als Lapsus unterlaufen. Also ein bewußtes Kalkül.
Winfried Wolf, einer der letzten prominenten "harten" Westlinken in der
Partei - dementsprechend auch weitgehend in der Fraktion isoliert, hatte
die "Deutschtümelei" auf dem Cottbusser-Parteitag der PDS kritisiert.
Insbesondere die an der Stirnseite des Konferenzsaals angebrachte Zeile
"...daß ein gutes Deutschland blühe" (aus der "Kinderhymne von Bert
Brecht) und einige Sätze aus einer Rede der neuen Parteivorsitzenden
Gabi Zimmer wie "Deutschland ist schön. Ich liebe es und ich hasse
zugleich Dinge, die es als häßlich erscheinen lassen....Ich bekämpfe
das, was Deutschland nicht als gutes Deutschland blühen läßt...". Winnie
Wolf, der diese Sätze keineswegs für nationalistisch hält, weil er den
historischen Kontext kennt, fürchtet jedoch, diese Sätze könnten
mißverstanden werden und wiesen politisch in die falsche Richtung.
Dadurch werde die PDS ununterscheidbar von rechten Parteien.
Das ganze Dilemma von vierzig Jahren getrennter Entwicklung wird in
diesem Streit sichtbar. Die DDR-geprägte (auch große Teile der vom
DKP-Milieu im Westen geformeten) Linke hatte nie nennenswerte Probleme
mit Deutschland oder dem Nationsbegriff. Nicht zu unrecht wird die DDR -
bei allem, was es an ihr zu kritisieren gab - als der "deutschere" Staat
angesehen. Sie wußte wenig von einem "deutschen Sonderweg", der den Weg
in die Gasöfen der Nazis schon bei der Reformation oder früher beginnen
läßt. Immer gab es den Versuch, das "nationale Erbe" zu bewahren. Dies
geschah keineswegs, wie bestimmte Teile der Westlinken wohl anahmen, aus
rein taktischen Erwägungen, sondern erwuchs direkt aus der nationalen
Tradition der deutschen marxistischen Linken. Daß diese Pietät vor dem
"nationalen Erbe" bisweilen arg bemüht ausfiel und etwa die durch u.a.
Ernst Engelberg vorgenommene Rehabilitierung Bismarcks schon zuweilen
die Frage aufkommen ließ, "was passiert denn nun als nächstes?" steht
auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist diese Tradition, die den Stolz
auf die eigene Geschichte, das nationale Erbe, insbesondere der Stolz
auf die Traditionen der revolutionären Arbeiterbewegung, verbunden mit
der Scham über deren - nicht ganz unverschuldeter - Niederlage 1933 ,
ein Kernbestandteil dieser Identität. Freilich nicht ganz ungefährlich,
denn das Amalgam aus revolutionärem Inhalt, angekoppelt an Symbole, die
eben auch rechts benutzt wurden, läßt eine schleichende, zunächst fast
unmerklich verlaufende Umdeutung der Symbolik durchaus zu. Die
Ansatzpunkte rechter "Bündnisbemühungen", z.B. von der NPD ganz gezielt
betrieben, sind hier zu finden und haben ja auch in Einzelfällen Erfolg.
Man denke an den früheren Marxismus-Leninismus-Professor Michael Nier,
heute ein nationalbolschewistischer Ideologe der NPD, aber auch an die
frühere DVU-Fraktionsvorsitzende Claudia Wiechmann, die sich jetzt für
eine Haider-freundliche Absplitterung der DVU in Sachsen-Anhalt
betätigt. Es ließen sich ohne weiteres andere Fälle aufführen. An diesem
Punkt ist übrigens auch der rationale Kern der ansonsten grundfalschen
These zu finden, die Ursachen für den Neonazismus in den neuen Ländern
läge in der DDR-Sozialisation.
Im Westen gibt es eine völlig andere Tradition. Abgesehen von einigen -
auch dort allmählich minoritär werdenden - Strömungen in der DKP, bei
einigen Trotzkisten und Sekten vom Schlage MLPD oder KPD (West) hat die
Westlinke ein gebrochenes Verhältnis zur eigenen Nation. Ein Satz wie
"Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", der analog in Frankreich oder
Italien durchaus normal wäre (wenn auch in den letzten Jahren eine
ähnliche Entwicklung wie in der BRD zu beobachten ist), ist in
Deutschland nur als Erkennungsspruch der extremen faschistischen Rechten
denkbar. Einige Linke, die das anders sehen, tuen jedenfalls gut daran,
dies nicht allzu deutlich auszusprechen. Es wäre unvermittelbar und
würde sie isolieren. Eine aggressive antideutsche Position ist geradezu
hegemonial geworden, so sehr, daß für viele eine antideutsche
Grundposition geradezu ein Synonym für links geworden ist und anderes
nur als verkappter Rechtsradikalismus oder bestenfalls als
Scharnierposition wahrnehmbar ist. Auf diese Identität der Westlinken,
wie sie etwa von JUNGLE WORLD oder KONKRET, in einer light-Version auch
von der TAZ vertreten wird, hat Winnie Wolf zurecht hingewiesen. Er hat
aus zwei Gründen nicht unrecht. Zum einen ist die Linke, die aus dem
Post-68er-Milieu kommt und die Winnie Wolf im Blick hat, wirklich durch
und durch antideutsch und teilweise nicht einmal in der Lage (geschweige
denn willens) eine andere Position rational nachzuvollziehen. Dieser
Linken wird durch das Ambiente (ideologisch und kulutrell) der PDS in
der Tat der Zugang zu dieser Partei verwehrt. (Der PDS-Führung ist das
übrigens egal, weil sie weiß, daß diese Linke an Massenbasis weniger
bringt als etwa der kollektive PDS-Beitritt der DKP und sie diese Leute
- etwa im Hamburger Landesverband - schlicht als nervtötende
Provokateure wahrnimmt) Zum zweiten würde sich eine im DDR-Kontext
durchaus positiv konnotierte "Neues Deutschland"-Ideologie
möglicherweise wirklich als Türöffner für rechtsnationalistische
Positionen erweisen, zumal dann, wenn der soziale Inhalt längst
substantiell entkernt wird und dieselbe PDS-Führung, die sich auf ein
"gutes Deutschland" beruft, in der Praxis zum Appendix neoliberaler
Globalisierung mutiert. Eben dies ist - trotz teilweise anderslautender
Rethorik - die Hauptrichtung der PDS.
Und doch ist Wolf im Unrecht. Die antideutsche Linke hat ihre mangelnde
Geschichtsmächtigkeit längst bewiesen. Wer im Grunde in Feindschaft zur
eigenen Gesellschaft und zum eigenen Volk steht, hier nicht um
veränderte Kräfteverhältnisse kämpfen will, ja meistens auch nicht allzu
viel weiß über revolutionäre, humanistische Traditionen im eigenen Land,
der kann auf die Dauer nur zum Kollaborateur anderer Kräfte werden. Der
Umschlag vom antideutschen Linksradikalismus in einen pragmatischen
Neoliberalismus ist insofern auch keineswegs Verrat, sondern eine
natürliche Entwicklung. Dabei wird zwar übersehen, daß die
bürgerlich-revolutionären Tradtionen etwa in den USA oder Frankreich
längst historische Mythen sind, die mit der gegenwärtigen Lage wenig zu
tun haben, aber der antideutsche Radikalismus ist ausweglos. Hier bleibt
nur der - ja auch die Karriere fördernde - Umschlag in´s Establishment,
der Rückzug in die Nischen der Subkultur oder die Resignation. Gerade
die Entwicklung des autonomen Antifaschismus, der zunehmend Mühe hat,
sich vom "Gesicht zeigen" der Schickeria abzugrenzen, zeigt diese
Entwicklung. So verkörpert Winnie Wolf die Vergangenheit der Bewegung.
Wirklich in die Offensive kommen kann eine radikale Linke nur, wenn sie
das Dilemma aus Nationalismus und Kosmopolitentum in einen kämpferischen
Internationalismus auflöst und von daher eine zeitgemäße Version dessen
zu erarbeiten, was Klaus Höpcke etwas ungelenk (JUNGE WELT 26.10.) so
beschreibt: "Was um alles in der Welt sollte uns hindern, der
Vaterlandslosigkeit des Kapitals Vaterlandsliebe demokratischer
Sozialistinnen und Sozialisten entgegenzu setzen.." Im Westen versteht
das allerdings kaum ein radikaler Linker.
So ergibt sich die paradoxe Situation, daß ausgerechnet die, die längst
keine fundamentale Kritik an der hiesigen Gesellschaft aufzuweisen haben
und längst "angekommen" sind, die prinzipiell richtige Position
verteidigen, während der radikale Linke, z.T. aus ideologischer
Unbeweglichkeit, z.T. aus Angst, mißverstanden zu werden und somit
indirekt den Rechten zuzuarbeiten, ängstlich unhaltbare Positionen
verteidigt.
Vielleicht ist es möglich, in der Diskussion einiges zurecht zu rücken.
Die Linke muß zu einer zeitgemäßen Revolutionsstrategie zurückfinden und
die Antideutschen eben sehen, wo sie bleiben.
-
Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Do., 26.10.2000
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