Herzlichen Glückwunsch
Pluto zum siebzigsten oder: warum einer Hund geblieben ist
So merkt man, daß man älter wird. Pluto ist im August 70 geworden. Sie kennen Pluto nicht? Nun, bei den ganz Jungen ist sein Ruf wohl so ziemlich verblasst. Das bleibt nicht aus, das ist der Zahn der Zeit. Aber ganz vergessen ist er doch wohl noch nicht: der Hund von Mickey Mouse.
Zwar blieb er nach einer kurzen Solo-Karriere am Beginn seiner Laufbahn, als sein Profil und Charakter noch nicht festgelegt war, immer im Schatten seines Herrchens, wie es sich ja für einen guten Hund gehört, aber er wurde doch eine der lebhaftesten Figuren im Comic-Kosmos des stets zur Spießigkeit neigenden Disney-Konzerns.
Plutos Masche: er blieb immer ganz Tier, ganz Hund. Sozusagen ein Hund-Hund. Denn alle Bewohner von Ducksburgh (Entenhausen) sind irgendwie Tiere. Aber zu Menschen mutierte Tiere. Mickey Mouse war nur ganz am Anfang die kleine freche schwarze Maus mit der roten Hose und den gelben Knöpfen. Später wurde er "Herr Maus", so lernten ihn die deutschen Kinder in den 50er Jahren kennen. In einem kleinen Reihenhäuschen lebend, mit einem kleinen Wagen, offenbar mit gutem finanziellen Auskommen, ob doch eigentlich nie richtig berufstätig. Er hatte auch irgendwie eine Familie, ohne doch so recht sexuell aktiv zu sein, jedenfalls scheint seine Affäre mit Minnie merkwürdig unfruchtbar geblieben zu sein. Nur die Neffen (!) Mick und Muck tauchten zuweilen auf, ohne doch ständig präsent zu sein. Ähnlich ging es der Entenfamilie Duck, die - obwohl ebenfalls in Entenhausen lebend - doch nur wenig Kontakt zu den Mäusen gehabt zu haben scheint. Donald, die unbestrittene Hauptperson, war der Typus des ewigen Losers, nur gelegentlich als Straßenkehrer oder Museumswärter kurzzeitig berufstätig. Außerdem geschlagen mit seinem geizigen Onkel Dagobert (Scrooge McDuck - schottischer Abstammung) und einem ewig faulenzenden Glückspilz namens Gustav Gans. Während Donalds Verhältnis zu Daisy ähnlich unbestimmt blieb wie das Mickeys zu Minnie, blieb der etwas vertrottelt wirkende Goofy ewiger Junggeselle.
Überhaupt Goofy. Goofy ist das warnende Exempel dafür, was aus Pluto hätte werden können, wäre er wie alle seine Comic-Kumpels vermenschlicht. Aber für einen zweiten Hunde-Trottel war wohl kein Platz in Entenhausen. Diese Planstelle hielt Goofy bestens besetzt.
Pluto geriet nur einmal auf die Kippe, als er in einem Film seinen Herrn Mickey auf die Entenjagd begleitete und dieser dabei versehentlich auf schoß. Pluto stellte sich tot, um zu sehen, wie sein Herrchen trauert und forderte ihn auf "Kiss me". Das war´s. Die einzigen Worte, die Pluto jemals sprach, zumindest ließ er sich nicht mehr dabei erwischen.
So blieb Pluto Hund und begleitete seinen Herrn treu und brav (naja) durch dessen Geschicke. Mal grimmig, wenn es ernst wurde aber immer eher ängstlich, neugierig, zuweilen dreist, aber doch liebenswert und immer ziemlich tollpatschig.
Was Pluto so auszeichnete, daß er sich der Verspießerung, die alle Disney-Figuren im Laufe der Zeit ergriff, erfolgreich entzog. Er verkörperte stets das anarchische Element, das ansonsten allenfalls noch Lebenskünstler Goofy repräsentierte.
Aber das konnten sich bei Walt Disney wohl nur Hunde erlauben.
Pluto wußte das, so blieb er freiwillig Hund. Danke Pluto.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mo., 21.08.2000
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