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im Roten Salon


Riesters Renten-Betrug

Die Diskussion um die von Arbeitsminister Riester angestrebte Rentenreform gerät zunehmend zur Groteske. Alle Voraussetzungen für eine ordentliche Debatte sind formal erfüllt: es gibt eine ministerielle Vorlage, die Opposition schäumt, die Wohlfahrtsverbände lamentieren und die Öffentlichkeit (vor allem die veröffentlichte Meinung) diskutiert beflissen mit. In Zeitungsspalten und Talk-Shows werden eifrige Debatten geführt. Jeder versucht sich zu profilieren und auch Teile der einfachen Bürger diskutieren mit (in Leserbriefen und am Stammtisch). Es geht um gewichtige Fragen: ab wann soll der Einstieg in die Rente möglich sein, wie hoch ist das Rentenniveau, welche Gelder werden in die Rentenfinanzierung gesteckt?

Damit wird Demokratie simuliert. Denn längst ist klar, daß das, was in der öffenlichen Rentendiskussion thematisiert wird, in atemberaubender Weise an den Realitäten vorbei geht. In Wirklichkeit steht das herkömmliche Rentensystem vor dem vollständigen Bankrott. Schon heute können die eigentlich notwendigen Anpassungen nur durch allerlei haushaltspolitische Tricks - kaum noch notdürftig - überdeckt werden. Jeder weiß - auch wenn die wenigsten es sich laut auszusprechen wagen - daß die heutigen Gelder, die in die Rentenversicherung eingezahlt werden, nur der Finanzierung der heutigen Renten dienen, den Beitragszahlern aber, sofern diese nicht bereits unmittelbar vor dem Renteneintritt stehen, nur wertlose Papieransprüche bringen. Kein Mensch, der heute 40 Jahre oder jünger ist, kann im Ernst hoffen, aus der gesetzlichen Rentenversicherung mehr als die Ansprüche zu beziehen, die der Sozialhilfe entsprechen. Darauf hätte er aber sowieso Anspruch. Anderslautende Berechnungen aus dem Hause Riester beruhen auf dem sogenannten "Eckrentner", einer mathematischen Kunstfigur, die es in der Realtität so gut wie nicht gibt. 45 Jahre versicherungspflichtige Beitragsjahre mit durchschnittlichem Verdienst? Wer hat die denn? In Wirklichkeit ist die "Rentenreform" Riesters der notdürftig verdeckte Einstieg in die private Altersvorsorge. Verdeckt nur deshalb, weil noch jede Regierung, die hier Klartext reden würde, mit dem geballten Zorn der Wählerschaft rechnen müßte - immerhin handelt es sich um eine kalte Enteignung der jüngeren Generationen! - und der skrupellosen Demagogie der Opposition ausgesetzt wäre. Es kommt aber noch hinzu, daß die Rentenfrage ja nur ein Teil der quasi virtuellen Diskussion ist, auch die Krankenversorgung, die Zukunft der Arbeit, die Probleme der Zuwanderung, ohne die die Gesellschaft allerdings längst nicht mehr lebensfähig wäre, werden ernsthaft thematisiert. So rücken Pseudothemen wie Kampfhunde oder Korruption in den Vordergrund.

Insgesamt ca. 3 Billionen Mark (!) Rentenansprüche sind derzeit ungedeckt, darüber hinaus gibt es eine offene Staatsverschuldung von 2,3 Billionen Mark. Umgekehrt ist jedem einigermaßen realistisch denkenden Menschen klar, daß ein Großteil der "Ansprüche", die sich aus der Verschuldung der "Dritten Welt" ergeben - ungeachtet der Frage, inwieweit diese überhaupt rechtmäßig sind - schlicht nicht mehr einzutreiben sind. Seriöserweise müßten sie abgeschrieben werden. Aber was dann? Die dann notwendigen Wertberichtigungen hätten einen ökonomischen Domino-Effekt zur Folge: den reihenweisen Zusammenbruch der Großbanken, der Exportindustrie, der Inlandindustrie und des Staates (vielleicht nicht ganz in dieser Reihenfolge).

Aber alle spielen auf Zeit. So wird die Bundesrepublik wohl den Weg der Sowjetunion gehen müssen. Immerhin mag sie sich trösten: sie geht ihn nicht allein.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mo., 02.10.2000