Alles Wahnsinn - oder was?
Warum in diesem Land nicht nur die Rinder wahnsinnig sind
Jetzt geht´s natürlich hopplahopp. Fast wie bei den "Kampfhunden" oder den Neofaschisten. Gemütlich schläft die Politik - und zwar aller Parteien - den Schlaf der Gerechten, dann wird - wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist - Politik simuliert. Der wildeste Aktionismus allenthalben. Jeder greift noch härter durch als der jeweils andere, zumindest mit dem Maul, ein paar Schuldzuweisungen möglichst an die Kollegen von der jeweils anderen Seite. Betrachtet man sich das, was gegenwärtig in der BSE-Debatte vor sich gehört, so könnte man wirklich wahnsinnig werden - und zwar ganz ohne Rindfleisch.
Wäre es nicht so traurig und vor allem so gefährlich, so könnte man durchaus seinen Spaß daran haben. Endlich mal hat diese dumpfe, unerträgliche Selbstgefälligkeit der deutschen Politik und Gesellschaft einen gehörigen Dämpfer erhalten. Einige Medien im Ausland, vor allem in Großbritannien und Frankreich, können sich das Feixen auch nicht verkneifen. Wer kann es ihnen verdenken? Noch vor wenigen Wochen versicherte der als Landwirtschaftsminister firmierende Agrarlobbyist Karl-Heinz Funke, Deutschland sei "garantiert BSE-frei". Hier könne nichts, aber auch gar nichts passieren. Ministerin Fischer fiel vor allem dadurch auf, daß sie sich Gedanken über die Kennzeichnung von britischem und zuletzt auch französischem Rindfleisch machte. Der - selten ausgesprochene, aber doch deutliche - Nebensinn: wer kein britisches Beef kauft, ißt eben deutsches. Das braucht man gar nicht zu kritisieren: das ist der Job von Lobbyisten. Jetzt gibt es einen Fall in Schleswig-Holstein, einen Verdachtsfall bei einem Exportrind und fundierte Gerüchte, andere Fälle seien in der Vergangenheit "nicht ernst genommen" worden. Wird schon was dran sein.
Zwar gibt es schon seit Mitte der 90er Jahre ein Gesetz, das die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer verbietet, aber richtig ernst genommen wurde das nie. Und kein Wunder; auch wenn es trivial klingt, es geht ganz einfach um Geld, viel Geld. Daran hängen Existenzen und schon seit Jahrzehnten ist bundesdeutsche Agrarpolitik im Kern nichts anderes als das, was Andrea Fischer jetzt im Gesundheitswesen macht: durch Subventionierung abgefederte langsame Rationalisierung, für die es objektiv keine andere Grenze gibt als Null. Aber das Sterben der Landwirtschaft soll nicht mit einem Knall vollzogen werden, sondern mit einem Winseln, wie das einst ein bedeutender Politiker in anderem Zusammenhang gesagt hat.
Niemand tue jetzt überrascht. Selbstverständlich war das Auftreten von BSE und ist das Auftreten der Creutzfeld-Jakob-Krankheit nur eine Frage der Zeit. Zu eng verwoben sind die europäischen Volkswirtschaften, als daß sich hier eine solche Sache, zumal wenn sie einen längeren Vorlauf hat, auf einzelne Länder begrenzen ließe. Jeder, der das Gegenteil behauptete muß als Lügner oder bekloppt angesehen werden. Das allerdings ist wohl für Politiker - nicht nur in dieser Weltgegend - der Normalzustand. Im günstigsten Fall könne sie darauf hoffen, daß ihre „Versäumnisse“ erst nach Ende ihrer Amtszeit auffliegen. Insofern haben Funke und die unnachahmliche Frau Fischer einfach auch ein bißchen Pech gehabt.
Rein menschlich wäre es ja leicht einsehbar gewesen: Pflanzenfresser fressen Pflanzen, also im Falle der Rindviecher vor allem Gras oder Salat oder was halt so wächst auf der Wiese. Allenfalls dass sie mal einen Wurm oder Käfer miterwischen. Solche Tiere kann man nicht einfach als billige Abfallverwerter einsetzen und ihnen zerriebene Kadaver - teilweise ihrer eigenen Artgenossen - vorsetzen. Geht auch nicht bei Schweinen oder anderen „Allesfressern“, bei Geflügel (Körner!) schon mal überhaupt nicht. Also passiert irgendwann irgendwas.
Jetzt sind alle verunsichert. Wie man hört, ist der Fleischmarkt - vor allem für Rindfleisch - nahezu tot. Da helfen auch keine Herkunftszertifikate, mit denen sich verzweifelte Metzger jetzt retten wollen. Nützt alles nichts. Aber vielleicht muß man diese Sache auch als Chance begreifen: vielleicht auch unter kapitalistischen Bedingungen etwas mehr auf die artgerechte Haltung des Schlachtviehs zu achten, vielleicht auf dafür etwas mehr zu bezahlen und insgesamt weniger Fleisch zu essen. Eine dauerhafte Subventionierung des ohnehin hier bereits im Überfluß angehäuften Fleischbergs ist letztlich nichts anderes als imperialistische Agrarpolitik auf Kosten der abhängigen Länder, der hiesigen Verbraucher und natürlich des Getiers. Eigentlich läuft das auf eine völlig andere Weltwirtschaftsstruktur hinaus, nicht nur in der Landwirtschaft. Aber vorerst kriegen wir nur den Pfennig, nicht die Mark.
Als kleineren Erfolg könnte man auch den längst überfälligen Abgang der Minister Fischer und Funke verbuchen, wenn er denn käme. Gut, die Neuen werden nicht besser sein, aber man erfreut sich ja heutzutage auch an kleineren Dingen.
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Autor: Charly Kneffel
Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Mi., 29.11.2000
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