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im Roten Salon


Teamchef perdu

Der Fall Daum und seine gesellschaftpolitischen Folgen

Das war es dann wohl. Christoph Daum, Trainer von Bayer Leverkusen und designierter Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, ist "auf eigenen Wunsch" von seinen Pflichten entbunden worden, der DFB ist von seiner Vereinbarung zurückgetreten und Daum ist abgereist, vermutlich in´s Ausland.
Zwar hat er noch angekündigt, die Ergebnisse durch eine B-Probe überprüfen zu lassen und außerdem betont, daß er die Ergebnisse anzweifele, aber das sind wohl nur noch hilflose Versuche, das Gesicht zu wahren. Man kennt das Gebahren vom Fall Baumann, aber Daum hat noch schlechtere Karten. Ist ein "Anschlag" bzw. eine Manipulation bei Baumann immerhin noch möglich, so bleibt bei einer Haaranalyse fast kein Zweifel übrig. Hier ist alles auf Jahre hinaus nachprüfbar und auch kein einmaliges Fehlverhalten möglich (die Konzentration wäre zu dünn). Bliebe nur noch eine rein kriminelle Verhaltensweise mit Austausch der Proben. Aber das klingt doch (noch) zu sehr nach Chikago.
Damit endet die Karriere des Christoph Daum, selbst wenn er noch einmal Trainer werden kann, wird er nie wieder zur Spitze vorstoßen.
Die Sache hat mehrere Aspekte: unumstrittener Gewinner der Affäre ist Bayern München, das seinen - einzigen - ernsthaften Konkurrenten de facto ausgeschaltet sieht. Nach dem sportlichen Verlust von Emerson und Beinlich, der Abkommandierung des Nationalhelden Rudi Völler an den DFB (er wird jetzt eine Zeitlang in Doppelfunktion arbeiten) , das Ende des moralisch diskreditierten Christoph Daum, den man jetzt schon gönnerhaft als Kranken bemitleiden kann und als Kollateralschäden Bayers Manager Rainer Calmund, der jahrelang neben und mit Daum gearbeitet hat, ohne etwas von dessen Drogensucht zu bemerken, und als Dreingabe die Schwächung des ambitionierten Mayer-Vorfelder, der nun von Beckenbauer nach Belieben aus-, ein- oder weggesetzt werden kann. Und Uli Hoeneß, vom Image der der ideale bad guy des deutschen Fußballs, steht als Lichtgestalt da. Kalkül zahlt sich aus: man kann getrost davon ausgehen, daß Hoeneß genau wußte, was los war, als er durch ehrverletzende Reden den offenbar nicht mehr ganz realitätstüchtigen Daum so provozierte, daß dieser sich zu einer Haarprobe am rechtsmedizinischen Institut in Köln verleiten ließ. Was mag in Daum vorgegangen sein. Aber es gibt Präzedenzfälle, auch einige Sexualverbrecher sind - wenn auch meist am Ende der Schlange - treu und brav zur Speichelanalyse gegangen. Was ist das? Öffentlicher Druck, mangelnder Glaube an die medizinischen Möglichkeiten oder hat der Prozeß der Verdrängung hier ein solches Maß erreicht, daß es eine neue Qualität erreichte.
Damit ist eine alte Rechnung beglichen. Nie vergessen hatten die Bayern, daß der ehemals mittelmäßige Oberligaspieler und damals unbekannte Trainer-Newcomer Daum sich auf Kosten der Bayern und ihres Trainers Jupp Heynckes mit markigen Sprüchen und Provokationen auf ihre Kosten profiliert hatte. Nun ist Daum in Florida und hat angekündigt, nie mehr in Deutschland arbeiten zu wollen, egal welches Ergebnis die B-Probe brächte.
Damit sind die Bayern zwar noch nicht Meister, aber den sind sie los. Die Affäre Daum hat aber auch gesellschaftspolitische Aspekte. Niemand hatte zwar von Christoph Daum die Haarprobe gefordert, aber nachdem dies nun so gekommen ist, wird in Zukunft kaum jemand die Möglichkeit haben, sich dem zu entziehen. Es ist wie ein pränataler Schwangerschaftstest: was ist wenn das Kind behindert wird? Abtreibung?! Schon heute hat es sich eingebürgert, im Falle etwa von Kindesmord auf einem umfassenden Speicheltest der gesamten theoretisch in Frage kommenden männlichen Bevölkerung zu bestehen. Das geschieht "freiwillig", aber wer will sich dem entziehen. Und wenn er es täte, machte er sich doch erst recht verdächtig. Dagegen kann kaum einer argumentieren. Was nützt es , auf die "Unschuldsvermutung" hinzuweisen, auf die Problematik, ganze Bevölkerungsgruppen sozusagen kollektiv zu verdächtigen. Gegen das Argument, es gelte, einen - besonders ekelerregenden - Mörder zu fassen, der ja weitere Taten begehen könnte, ist kein Kraut gewachsen. So ist der Weg in die kontrollierte, gläserne Gesellschaft frei. Dieser Prozeß ist nun nicht mehr aufzuhalten, es gilt ihn zu begrenzen.
Daß der Fall Daum dazu mehr beigetragen hat als einige Sexualmörder, sagt allerdings einiges aus über den Zustand dieser gesellschaft.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 22.10.2000