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im Roten Salon


Am Ende doch eine erbärmliche Figur

Zum Prozeß gegen Hans-Joachim Klein

Er ist schon eine tragische Gestalt: Hans Joachim Klein, ursprünglich Handwerker, dann aber - eher ungewöhnlich - hineingerissen in die nicht von ungefähr so genannte Studentenrevolte. Hans-Joachim Klein war für kurze Zeit Sympathisant der RAF (Rote Armee Fraktion) später Mitglied der RZ (Rote Zellen). Wie er da genau hinein gekommen ist, liegt immer noch im Unklaren. Der Mitangeklagte Rolf Schindler, der jetzt mit ihm zusammen vor dem Frankfurter Landgericht steht, soll ihn dahin vermittelt haben. Sicher ist das nicht.

Hans-Joachim Klein war - zu seinem Unglück - zeitweilig ein bekannter Mann. Er war Chauffeur und "Leibwächter" von Jean-Paul Sartre, als dieser Andreas Baader u.a. in Stuttgart-Stammheim besuchte. Die Bilder gingen um die Welt. Noch einmal machte Klein als "Revolutionär" Schlagzeilen: als er am 21. Dezember 1975 die Tagung der Opec-Minister in Wien überfiel. Drei Menschen wurden getötet; drei verletzt; Klein erlitt einen Bauchschuß. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Hans-Joachim Klein zur Truppe des Illich Ramirez Sanchez, der als "Carlos" eine Kultfigur ("Der Schakal") wurde. Kurze Zeit später muß Klein die Aussichtslosigkeit seines Tuns klar geworden sein. Wann genau und welche Überlegungen ihn dazu veranlaßten, ist nicht ganz klar. Klein tauchte in Frankreich ab. Nie so ganz. Der Chefredakteur von "Liberation" freundete sich mit ihm nach einem Interview und anderen längeren Gesprächen an. Auch deutschen Gesinnungsgenossen, die er in der Frankfurter "revolutionären" Szene kennengelernt hatte (u.a. Fischer und Cohn-Bendit) wußten recht genau, wo er war und was er trieb. Klein versuchte ein "bürgerliches Leben" zu führen. Er heiratete und zeugte zwei Kinder. Allein - es gelang ihm nicht. Verständlicherweise. Seine Frau merkte bald, daß irgendetwas nicht "stimmte" mit ihrem Mann und trennte sich nach sieben Jahren Ehe von ihm. Kleins Lage war, obwohl er zeitweilig von seinen alten Freunden (darunter auch Sartre!) unterstützt wurde, hoffnungslos. Er muß kurz vor der Aufgabe gestanden haben, als schließlich das BKA zugriff. Daniel Cohn-Bendit wirft diesem noch heute vor, unüberlegt gehandelt zu haben. Jetzt ist Klein eine Art Kronzeuge. Er hat umfassende Aussagen gemacht, die sich sicherlich im Urteil niederschlagen werden. Insofern ist er eine Art Tarek Mousli auf höherer Ebene.

Die Rolle, die Klein nun spielt, ist jämmerlich. Gescheitert als Mensch, gescheitert als Politiker, gescheitert erst recht als Revolutionär. Das war nicht anders zu erwarten. Nie stand hinter Kleins Engagement eine ernsthafte politische Analyse, eine realistische Einschätzung der politischen Entwicklung. Damit stand er freilich nicht allein. Dieses merkwürdige Amalgam aus falscher Analyse, Abenteuerlust und Wichtigtuerei, angekoppelt an einen sich als revolutionär mißverstehenden Zeitgeist, war in den späten 60er und den 70er Jahren zeittypisch. Klein hat sich nur ein bißchen weiter vorgewagt als andere, die ebenso "revolutionäre" Reden im Munde führten. Allein von daher verwundert die Hilfe durch seine alten Bekannten nicht. Viele von ihnen standen mit einem Bein im selben Lager. Allein - irgendwo fehlte es dann: an Mut, an Konsequenz - an Dummheit. Möglicherweise war es auch nur Zufall. So endete der Weg der einen in den Ministerien, der Weg der anderen in Taxijobs oder Sozialhilfe, der Weg wieder anderer im Knast; noch andere bezahlten ihren Irrtum mit dem Leben. Das ist die Geschichte der 70er Jahre. Eine sehr deutsche Geschichte.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, So., 22.10.2000