Charlys Homepage
im Roten Salon


Das Trotzki-Tabu

Gerhard Zwerenz im Bildungsverein 'Helle Panke'

Seit einiger Zeit geht der Schriftsteller Gerhard Zwerenz, einer breiteren Öffentlichkeit auch bekannt geworden durch seine Zeit als Bundestagsabgeordneter für die PDS (der er nicht angehört) in der Periode 1994-98, mit einem etwas exotisch anmutenden Thema um. Es heißt: das Trotzki-Tabu und behandelt jenen Mann, der wie kein anderer das an der Geschichte des 20. Jahrhunderts symbolisiert, was nicht geschichtsmächtig geworden ist. Damit ist nicht jene eigentümliche Sekte gemeint, die heute unter dem Namen Trotzkismus firmiert, sondern eine grundlegend andere Möglichkeit der Geschichte, die im letzten Jahrjundert angelegt war.

Immerhin 40-50 Zuhörer wollten diesen Vortrag hören und so war der kleine Veranstaltungsraum in der Kopenhagener Straße schon überfüllt. Wer allerdings von Zwerenz einen wissenschaftlichen Vortag oder auch ein politisches Konzept erwartet hatte, kam nicht auf seine Kosten. Solche Vortäge sind des Zwerenz Sache nicht. Er bleibt auch bei einem solchen Thema ganz Literat, was der Eingängigkeit des teilweise mit vergnüglichen Anekdoten angereicherten Vortrags sicher nicht abträglich war, andererseits dem Ganzen etwas den Ernst nahm.

Leo Trotzki (Lew Davidowitsch Bronstein) hatte im 20. Jahrjundert ein eigentümliches Schicksal. Begonnen hatte er seine Wirkungstätigkeit als Schriftsteller und Journalist, bisweilen als Reporter, der fesselnde Berichte über die Vorläuferkriege des 1. Weltkriegs auf dem Balkan geschrieben hat - ein heute merkwürdig aktuell anmutendes Thema. Später wurde er während der russischen Revolution für eine kurze Zeit deren Heros, als er als militärischer Organisator, aber auch als Propagandist die bekannteste Figur neben Lenin war. Schon nachdessen Tod begann sein Stern zu sinken, er wurde Zug um Zug von Stalin ausgeschaltet, 1927 nach Alma-Ata verbannt, 1929 aus der UdSSR in die Türkei (auf die Insel Prinkipo im Marmara-Meer) ausgewiesen, schließlich landete er in Frankreich und Norwegen, zuletzt in Mexiko, wo er dem Stalin-Agenten Ramon Mercader zum Opfer fiel. In den Jahren des Exils war er wieder zum Schreiber geworden, ganz wie zu Beginn seiner Laufbahn. Seine politischen Versuche, wie z.B. die Gründung der IV.Internationale, blieben Karrikaturen seines früheren Wirkens.

Wieso Zwerenz Trotzkist geworden ist, kann er selbst nicht genau erklären; es muß wohl etwas mit der Persönlichkeit dieses Mannes zu tun haben, seinem Hang zum konsequenten Außenseitertum, das den jungen Zwerenz, der als Kind seiner entsetzten Mutter im Jahre 1936 fröhlich erklärte, er wolle später einmal - als Beruf - Trotzkist werden. Eine 3 Jahre nach der "Machtergreifung" nicht ungefährliche Äußerung. Auch später hatte der offenbar etwas arglose Zwerenz viel Glück. Nachdem er 1944 - als er mithelfen sollte, den Warschauer Aufstand zu unterdrücken - zur Sowjetarmee desertiert war, verlangte er im Kriegsgefangenenlager allen Ernstes Trotzki zu lesen. Man gab ihm stattdessen Stalin, und das war wohl durchaus eine bessere Vorbereitung auf das Leben in der Ostzone bzw. der bald entstehenden DDR. Zwerenz blieb Antistalinist und floh, als ihm klar wurde, daß in der DDR seine Verhaftung und Bautzen, wenn nicht Schlimmeres drohte, in den Westen, was er nur der Not gehorchend tat, hatten doch in der BRD unter anderem jene Generäle, denen er 1944 davongelaufen war, wieder das Sagen.

So blieb Zwerenz ein Mann auf der Ritze der Weltgeschichte, antistalinistischer Kommunist im Westen, hier und dort gleichermaßen beargwöhnt. Wie sein Mentor Trotzki, der im Westen "ein toter Hund", im Osten der "Hauptfeind" war.

Zwar war Trotzkis Name immer präsent, seine realen Wirkungsmöglichkeiten aber (bzw. die seiner Anhänger, die in Sozialdemokratie, Gewerkschaften, Zeitungen, aber auch diversen skurillen Sekten Unterschlupf suchen mußten) marginal.

Der historische Antagonist des westlichen Kapitalismus blieb in dieser Zeit der auf Stalin´schen Traditonen aufgebaute "Reale Sozialismus". So kämpfte der Trozkismus im Westen (teils entristisch, teils separat) immer um sein Überleben, immer wieder auch von westlichen Geheimdiensten für Zersetzungsarbeit benutzt. (Vom Einfluß, den trotzkistische Argumentationen auf zweifelnde Kommunisten hatten, berichtete u.a. Wolfgang Leonhard in "Die Revolution entläßt ihre Kinder"). Im Osten dagegen war der Trotzkismus dagegen das schlimmste, was einem Menschen vorgeworfen werden konnte. Er galt als konterrevolutionäre Agentur, dabei nur zeitweilig Anfang der 50er Jahre vom Titoismus verdrängt. Erst mit dem Fall des "realen Sozialismus" wurden die Karten neu gemischt. Das ist wohl auch für Zwerenz der Hoffnungsschimmer - gibt es doch jetzt eine Chance, den klassischen Marxismus in einer neuen Zeit zu rekonstruieren. Zwerenz sieht sich immer nocj als Marxist, was heutzutage schon selten ist. Aber was ist das? Zwerenz erinnert an eine Zitat aus Marx´"Kritik zur Hegel´schen Rechtsphilosophie/ Einleitung", wonach es gilt, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes,.... Wesen ist". Und er versucht sich an einer Beschreibung des Sozialismus, Deppe und Mandel zitierend. Danach ist Sozialismus:

- Beseitigung des Ausbeutung
- Beseitigung von Krieg und Gewalt
- Beseitigung von Hunger, Krankheit etc.
- Beseitigung der Diskriminierung von Frauen, fremden "Rassen" etc.
- Beseitigung der wirtschaftlichen und ökologischen Krisen.

Das mag manchem wenig erscheinen, aber wieviel weiter wären wir, gäbe es das alles schon.

Bemerkenswert die Fairniß, mit der Zwerenz auch seinen ärgsten Gegnern gegenübertritt. Sogar Walter Ulbricht, dem er in einer der ersten Ulbricht-Biographien im Westen 1966 bescheinigt, daß er durch die Schaffung seines Staates die Arbeiterbewegung - zeitweilig - als historische Tradition gerettet habe. Auch die DDR, aus der er flüchten mußte, sieht er als historisch legitimiert. Selbst Stalin wird als die Figur im Kampfe gegen den Weltfeind Hitler noch gewürdigt. Das hat schon eine gewisse Größe.

Vielleicht fällt diese Haltung Zwerenz aber auch nur so leicht, weil er "alles nicht so ernst" nimmt und eh der Auffassung ist, diese Welt sei "zu 99,9 Prozent" verrückt. Wie wahr, nur haben wir keine andere. Viele Gedanken von Zwerenz sind nachdenkenswert, die meisten wohl schlicht richtig. Merkwürdig blaß bleiben Zwerenz unmittelbare politische Vorschläge. Hier fällt ihm konkret nichts ein, was über die PDS, der er 10 Prozent wünscht, wesentlich hinausgeht.

Aber Zwerenz ist Literat, kein Wissenschaftler oder Politiker, und außerdem 75 Jahre alt. Revolutionäre Programme müssen wohl die Jüngeren schreiben.

Die sich anschließende "Diskussion" war der weniger erfreuliche Teil der Veranstaltung. Vor allem ein Teil von Trotzkis Epigonen hat das Sektierertum wohl nicht nur argumentativ, sondern auch vom Gehabe her verinnerlicht. Schade.

  • Autor: Charly Kneffel
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Mo., 30.10.2000