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im Roten Salon


De Leonibus

Die haarlosen Löwen vom Tsavo-Nationalpark

Heutzutage ist auf nichts mehr richtig Verlaß. Selbst nicht mehr auf die Löwen, denn was bislang eher als Gerücht in der zoologischen Fachwelt gehandelt wurde, weil es kaum glaubhaft schien, hat sich jetzt bestätigt: Löwenmännchen tragen keine Mähne mehr. Ganz so schlimm wie es sich anhört, ist es zwar noch nicht, aber zumindest im Nationalpark Tsavo-Ost in Kenia ist eine Löwenpopulation entstanden, bei der auch die ausgewachsenen männlichen Tiere zu mehr als 50 Prozent nicht mehr über den charakteristischen Haarschmuck verfügen.

Es ist jedoch noch unklar, ob es sich dabei um eine neuere Entwicklung handelt oder um eine Besonderheit einer bisher von der Forschung vernachlässigten Spezialpopulation in einem besonders unzugänglichen Gebiet. Immerhin galten die Löwen aus Tsavo-Ost schon lange als etwas besonderes. Schon 1898 sollen zwei Löwenmännchen auf die aparte und wohl leicht erreichbare Beute Mensch gekommen sein und damals 135 indische und afrikanische Bauarbeiter der Eisenbahn als Antilopenersatzkost vertilgt haben, ehe sie ein eigens aus Großbritannien angeheuerter Großwildjäger und Abenteurer, der exzentrische britische Offizier J.H. Patterson selbst zur Strecke brachte. Seit dieser Zeit galten die Löwen im 22 000 Quadratkilometer großen Nationalpark als besonders wild, listig und aggressiv.

Die Zeitschrift National Geographic (Juni 2002) berichtet jetzt über die Expedition der Brüder Philip und Robert Caputo, die gemeinsam mit Professor Craig Packer von der University of Minnesota, die selten beobachteten Spezialmiezekatzen besucht haben und durch ihre ebendort veröffentlichten Fotos auch die Gerüchte auf den Stand der wissenschaftlichen Forschung gebracht haben. Die Löwen von Tsavo-Ost sind tatsächlich etwas anders als Otto-Normallöwe. Allerdings ist die Mähnenlosigkeit nicht allgemein verbreitet. Nur etwas mehr als die Hälfte der Tiere sieht so aus, andere haben eine schüttere Mähne, einzelne sogar eine volle und sehen damit z.T. noch wuchtiger aus als ihre besser untersuchten Artgenossen etwa im , vom Osten abgeschiedenen , Westteil des Nationalparks oder gar in der Serengeti. Allerdings mag dieser Eindruck auch damit zu tun haben, dass sie generell etwas größer sind als ihre Kollegen.

Die Frage bleibt, woran diese auffällige Veränderung im Erscheinungsbild der Tiere liegt. Handelt es sich um eine zufällige Mutation, die sich in der relativ abgeschlossenen Population durchsetzen konnte? Wenn ja, warum? Oder, wozu zumindest die Berichterstatter aus National Geographic neigen, ist es eine Reaktion auf die von Natur her besonders schwierigen Umweltbedingungen. Kein Zweifel, die Löwen von Tsavo-Ost stehen unter besonders hohem Stress: einerseits der ständigen Futterknappheit wegen, andererseits aufgrund der Hitze. So verbrauchen die Tiere einen erheblichen Teil ihrer Energie allein für die Kühlung, so dass, vermuten Experten, wenig Kraft für das Haarwachstum übrig bleibt. Verifiziert werden konnte diese Hypothese aber bisher noch nicht. Denn wie ein Experiment mit Löwenattrappen nachwies, scheinen auch für die Löwen dieser Gegend mähnentragende Löwen attraktiver bzw. gefährlicher zu sein.

(Zwei Löwenattrappen, einer mit einer ohne Mähne waren einem Löwenrudel präsentiert worden und erregten sogleich großes Interesse. Nachdem Versuche, die "Eindringlinge" zu vertreiben, naturgemäß erfolglos geblieben waren, attackierten die männlichen Löwen zunächst die Puppe mit der wuchtigen, dunklen Haarpracht.) Offenbar muß das ein toller bzw. gefährlicher Kerl sein, der in dieser Gegend noch genügend Kraft für Haarbildung hat.

Man will in absehbarer Zeit der Sache auf den Grund gehen und verschiedene männliche Junglöwen aus Tsavo-Ost, Tsavo-West und dem Krüger-Nationalpark einfangen und unter gleichen Bedingungen großziehen. Das soll Aufschluß geben über eventuelle genetische Unterschiede zwischen den Populationen. Immerhin ist ja auch die seit über 100 Jahren völlig isolierte Löwenpopulation in Indien körperlich bereits deutlich unterschieden von den afrikanischen Löwen.

Doch bis dahin wird es noch viele Feldstudien geben: mit der Infrarotkamera und Stofflöwen.

Einstweilen haben die Junglöwen noch mal Ruhe.

  • Autor: © Charly Kneffel
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Fr., 28.06.2002