Vor dem Finale
Ballack erlöst das deutsche Team
Wirklich - eine gute Presse hatte die deutsche Nationalmannschaft bei dieser WM bisher nicht. Die englische Presse ist außer sich, so als hätte Hermann Göring die Schlacht um England nachträglich doch noch gewonnen. Pele schimpft, Michel Platini tut es ihm gleich. Daran wird sich auch nach dem 1:0-Sieg gegen Südkorea nichts ändern. Nur der Niederländer Guss Hiddinck tanzt etwas aus der Reihe, er lobte den Finalteilnehmer, freilich nicht ohne die Nebenabsicht, dabei auch etwas Glanz auf die von ihm betreute südkoreanische Mannschaft und nicht zuletzt auch auf sich selbst abzubekommen.
Damit hatte er zweifellos recht. Denn die Südkoreaner boten auch gegen Deutschland eine ansprechende Leistung. Fantastisch die Technik, mit der sie die viel wuchtiger wirkenden deutschen Spieler ein um´s andere Mal austanzten, beachtlich auch der Drang nach vorn, der allerdings nur in der achten Minute zu einer glasklaren Chance führte, die - wie so oft bei diesem Turnier - aber von Kahn zunichte gemacht wurde. Ansonsten waren sie stark, zeitweise spielbestimmend, aber nie so richtig zwingend. Es wird wohl so gewesen sein, dass die beiden Verlängerungen gegen Italien und Spanien (gegen letzteres sogar voll bis zum Elfmeterschießen) ihre Spuren in der Kraftreserve der Koreaner hinterlassen hatten. Hiddinck suchte diesem Verschleiß geschickt durch Auswechslungen entgegenzuwirken, brachte seinen Star Ahn erst in der 54, Minute. Aber so konnte er nur einen wirklichen Einbruch vermeiden. Es fehlte seinen Leuten dann immer ein bisschen die Kraft, zeitweise, so in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit, ließen sie sich regelrecht einschnüren.
Kein Wunder, bot doch auch die deutsche Mannschaft ihr bisher bestes Spiel in diesem Turnier. Die Abwehr stand sicher, wenn es denn sein musste, war Kahn zur Stelle, aber es musste, trotz einer gewissen Feldüberlegenheit der Koreaner, nicht oft sein, im Mittelfeld war eigentlich nur Hamann defensiv ausgerichtet, Bode, Schneider und Ballack bildeten eher eine zweite Sturmreihe und vorne spielte Neuville ungeheuer fleißig, auch Klose, aber bei letzterem sprang nicht viel Konstruktives heraus. Er wirkte leicht überspielt und musste folgerichtig in der 70. Minute für Bierhoff weichen.
In der 75. Minute dann die entscheidende Szene: Neuville preschte auf Rechtsaußen an der koreanischen Abwehr vorbei, zog den Ball flach nach innen mit leichtem Drang zurück, wo zwei deutsche Spieler lauerten (Bierhoff und Ballack). Ballack erwischte den Ball, schoß auf´s Tor , der Torwart hielt, konnte aber den Ball nicht halten und der sprang zurück zu Ballack, der ihn über den liegenden Torwart hinweg hineinwuchtete. 1:0, das war´s. Wäre noch ein Tor gefallen, dann eher für Deutschland als für die nie aufsteckenden Koreaner.
Ein Wort muß noch gesagt werden zum Publikum: es war einfach fantastisch, parteilich, aber nie unfair. So etwas gibt es wahrscheinlich nur noch in Asien; die Frage ist allerdings, wie lange noch? Jedenfalls war es auch für Korea ein riesengroßer Erfolg. Der dritte Platz wäre ihnen zu gönnen.
Und noch ein Tüpfelchen am Rande. Ahn, jener Spieler, der nicht in Italien bleiben durfte, weil er den "italienischen Fußball ruiniert" habe, darf nun doch in Perugia bleiben. Luciano Gaucci, der offensichtlich etwas jähzornige Präsident des Klubs, nahm ihn jetzt doch wieder unter Vertrag. Alles ei in der "ersten Emotion" geschehen. Na, wer sagt´s denn? Fragt sich nur, wie das die italienischen Fans sehen. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema.
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Autor: © Charly Kneffel
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Fr., 28.06.2002
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