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im Roten Salon


Dick und Doof im Halbfinale

Von Zwergen und Glückspilzen

Diese Fußball-WM bleibt ihrem Rufe treu und wird wohl als eines der verrücktesten Turniere in die Geschichte des Fußballsports eingehen. Nach den Favoritenstürzen in der Vorrunde und im Achtelfinale ging´s im Viertelfinale wie gehabt weiter. England. Im Geiste schon fast wieder Weltmeister wie 1966, pudelte sich selbst aus dem Turnier. Zwar klingt eine Niederlage gegen Brasilien durchaus standesgemäß, wenn man nach dem Namen und der "Papierform" geht, aber die Art hatte es in sich. Brasilien ist nämlich bis jetzt alles andere als ein Topteam. Eher ein durch drei Weltklassespieler aufgemotztes Durchschnittsteam. Aber ohne den britischen Pudelkönig David Seaman wäre diesmal nichts gegangen. Die Engländer hatten einfach mehr vom Spiel, aber es ist wohl auf der Insel einfach weiterhin unüblich, mehr als ein Tor zu schießen. In der Vorrunde reichten den Minimalisten je ein Treffer gegen Schweden und Argentinien und gegen Nigeria "stand die Null". Nur Dänemark half mit zwei Torwartfehlern kräftig nach und versetzte die Briten in eine Euphorie, die ihnen dann gegen Brasilien zum Verhängnis wurde. Was aber diese brasilianische Mannschaft wirklich wert ist, muß sich erst noch zeigen, denn Costa Rica, die VR China waren in der Vorrunde keine echten Gegner, gegen die Türkei und vor allem gegen Belgien halfen die Schiedsrichter und gegen England eben Seaman. Mit soviel Dusel kann man Weltmeister werden, wären, ja wären da nicht die Deutschen, die zwar eine ganze Reihe Tore geschossen haben, aber vorsichtshalber alle im ersten Spiel gegen Saudi-Arabien.

Überhaupt ist das DFB-Team eine merkwürdige Formation. So richtig gut ist - abgesehen vom Torwart, Kahn dem Tier - kein Mannschaftsteil, aber irgendwie klappts immer. Immerhin ist es schon aufschlussreich, dass Tante Käthes Truppe überhaupt nur ein einziges Tor bekommen hat: gegen Irland in der Nachspielzeit. Das lag natürlich vor allem an Kahn, aber nicht nur. Und - auch wenn es eine Binsenweisheit ist und beim DSF Geld für´s Sparschwein kostet - wer hinten keinen reinkriegt, kann schlecht verlieren. Abwehr und defensives Mittelfeld sind aber in Wirklichkeit nicht so schlecht, wie es in der Presse dargestellt wird, man bekommt für deren zerstörerische Leistung allerdings so gut wie nie einen Schönheitspreis. Am Schlechtesten sieht es vorne aus. Miroslaw Klose ist als Torschütze fast auf sich allein gestellt und der bienenfleißige Oliver Neuville bereitet mit Ballack den Druck, den die Mannschaft am Ende doch braucht, um irgendwann einmal das Ding reinzutun. Glanzvoll ist das alles nicht, doch wann wäre es das im deutschen Fußball je gewesen? Eigentlich nur einmal: 1972, als die Mannschaft um Beckenbauer, Netzer, Overath und Co. Europameister wurde. Schon 1974 bei der Weltmeisterschaft war es eigentlich nur noch ein Nachhall, der ohne Heimrecht und einen (glücklichen) Elfmeter nicht möglich gewesen wäre. Dabei hat die Mannschaft genug Mittel, um auch attraktiven Fußball zu spielen. Natürlich nicht mit Jancker oder gar Bierhoff. Aber doch mit Bode oder Neuville und einem gesunden Ballack hinter Klose. Selbst Rudi Völler, der seine Mannschaft nach außen so vehement verteidigt, soll intern ganz schön rumgrummeln. Vielleicht ist er aber besser beraten, sie einfach spielen zu lassen, denn so wie´s läuft, kann alles passieren. In Südkorea und der Türkei ist Volksfeststimmung. Aber - auch wenn es seltsam klingt - die besseren Chancen hat die Türkei. Zwar spricht für Südkorea das Heinrecht und auch die nicht zu übersehende Rücksicht der Schiedsrichter, aber bereits zweimal musste das Team - gegen Italien und gegen Spanien - in die Verlängerung. Deutschland noch nie. Und gegen das Bollwerk vor Kahn, das ja bereits im Mittelfeld beginnt, werden die Koreaner wild anrennen müssen. Das dürfte die Entscheidung für Deutschland bringen.

Die Türkei dagegen, spielerisch auch deutlich besser, brennt auf die Revanche für die unglückliche Vorrundenniederlage gegen Brasilien. Bei denen ist jetzt Ronaldinho gesperrt. Ronaldo ist verletzt, ob er spielen kann, ist noch offen. Wenn die türkische Abwehr steht, ist Brasilien eher Außenseiter.

Also: ein Traum wird wahr: Deutschland gegen die Türkei lautet das Endspiel. Ganz sicher? Ganz sicher!

  • Autor: © Charly Kneffel
    Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin, Fr., 28.06.2002