Moderne Zeiten an der Alten Försterei
Union Berlin etabliert sich in Berlin
Das hatte man noch vor einigen Jahren nicht erwartet: Union Berlin, Ostberliner Kultverein mit langer, wenn auch nicht ungebrochener Tradition in der Berliner Fußballgeschichte - immerhin stand der Vorgängerklub Union Oberschöneweide schon vor dem 1 Weltkrieg einmal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft und gewann dieses dann auch im Jahre 1905 - scheint sich nicht nur in Berlin, sondern auch insgesamt im deutschen Fußball zu etablieren.
Das nicht immer so: in der DDR war die Mannschaft, die gleich im ersten Jahr nach ihrer Neugründung ihren einzigen nennenswerten Erfolg erzielte und den DDR-Pokal gewann, nicht gut angesehen, jedenfalls nicht bei den Funktionären, auch denen in Sport. Motto: "Zwar ist nicht jeder Union Fan ein DDR-Gegner, aber alle DDR-Gegner sind Union Fans." So wurde der Verein und wurden auch seine Anhänger immer wieder behandelt. Offizieller Vorzeigeverein blieb bis zum bitteren Ende der BFC Dynamo, den es heute auch noch gibt, der aber ein trauriges Schicksal genommen hat und dessen Zukunft zur Stunde noch nicht feststeht.
Auch in der BRD (neuen Typus) hatte der Verein große Schwierigkeiten, allerdings eher finanzieller Art. Zweimal gelang der Aufstieg, zweimal wurde vom DFB (zurecht) die Lizenz verweigert. Der Erfolgstrainer Frank Pagelsdorf resignierte darob. Es bleibt - was immer man sonst von ihm halten mag - das Verdienst des Medienunternehmers Kölmel, in seiner breitgestreuten Fußballförderung auch den FC Union gefördert und letztlich gerettet zu haben. Die größten Erfolge kamen dann auch erst nach Kölmels Engagement: der Aufstieg in die 2. Bundesliga (mit Lizenz) und schließlich das Pokalendspiel gegen Schalke 04 im Sommer 2001, das dem Klub 2001 den ersten großen internationalen Auftritt bescherte (die Europapokal-Teilnahme 1968 war wegen des sowjetischen Einmarsches in die CSSR storniert worden).
Jetzt hat sich der 1 FC Union in der zweiten Liga etabliert und nach einem kurzen Einbruch im Herbst 2001 seine Ambitionen für die Bundesliga gleich im Aufstiegsjahr angemeldet. Das erscheint zwar vielen Fans und auch einigen Spielern (Sreto Ristic) noch zu früh, aber der Verein hat trotzdem mit den Planungen begonnen. Und man darf davon ausgehen, dass diese ernstgemeint sind. Vier neue erstligareife Spieler will Präsident Bertram holen, die wird er auch brauchen.
Der dickste Hammer ist aber wohl der Plan, den die Vereinsführung jetzt für die Sanierung der "Alten Försterei" vorgelegt hat. 21 Millionen Euro soll die neue Sportstätte im Südosten Berlins kosten und 25 000 Zuschauern Platz bieten. Zum Teil ein Muß, den die Auflagen der Deutschen Fußball-Liga, wie die aus dem DFB ausgegliederte Dachorganisation der 1 Bundesliga nun heißt einfach vorschreiben. Eine Kapazität von 15 000 Zuschauern muß sein, ebenso Flutlichtanlage und Rasenheizung und selbst eine Videowand schreibt die DFL vor. Dazu kommen weitere Maßnahmen bezüglich der Verkehrsanbindung und der Sicherheit. Das ist im jetzigen Stadion nicht zu erfüllen und so wird sich der 1 FC Union so oder so auf ein Jahr des Exils im ungeliebten Jahn-Sportpark (wo ehedem der verrufene BFC Dynamo residierte) oder gar im Olympia-Stadion einstellen müssen. Offensichtlich fördern auch viele Verbandsfunktionäre diesen Gedanken, für den die Münchner Lösung mit dem gemeinsamen Stadion für den FC Bayern und 1860 den Präzedenzfall abgibt.
Und in der Tat: allzu viel Freunde wird der Vorschlag, den der FC Union jetzt beruhend auf Plänen des Potsdamer Architekturbüros Bürger vorgelegt hat, auch außerhalb der - allerdings großen - Union-Gemeinde nicht finden. Das hat recht einfache Gründe: der Berliner Senat ist schlicht pleite und schon der vorgelegte Doppelhaushalt 2002 und 2003 wird den selbstgesteckten, und völlig unrealistischen Erwartungen nicht gerecht. Da wirken 21 Millionen Euro fast schon wie angewandte Science-Fiction. Doch Union wird sich das recht, das der Berliner Hertha gewährt wurde, kaum nehmen lassen. Union auf Dauer im Olympia-Stadion - das wäre eine Hertha-Light-Ausgabe. Es würde wahrscheinlich nicht einmal funktionieren. Zwar könnte der FC Union möglicherweise fortbestehen - immerhin fließen ja die Fernsehgelder - aber die Identifikation mit dem Verein wäre weg. Union Berlin bleibt nun mal - trotz vieler Anhänger aus dem Westen (u.a. dem Verfasser dieser Zeilen) der Verein des Berliner Ostens und auch dort wird gewählt.
Außerdem braucht auch keine Rücksicht auf die Pläne der Berliner Senats genommen zu werden, denn die funktionieren sowieso nicht. Also denn: Bauen wir uns eine neue Welt - auch wenn´s vorerst nur eine (neue) Alte Försterei ist.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 24.03.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin, Fr., 28.06.2002
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