Alles im Kirch - oder was?
Kirch Media AG vor der Insolvenz! - Bundesliga vor der Pleite?
Noch ist die endgültige Entscheidung im Falle der Kirch Media AG nicht gefallen, aber schon herrscht Panik im bezahlten Fußball. Sollte - wie angekündigt - am kommenden Montag die Kirch Media AG in die Insolvenz gehen, ist die nächste, im Mai anstehende Rate für die Fernsehrechte an den Spielen der Fußball-Bundesliga, vorsichtig gesagt, gefährdet. Zwar hat sich Bayerns Ministerpräsident Stoiber, im Nebenjob Kanzlerkandidat, wieder weit aus dem Fenster gehängt und den Vereinen die Zahlung der nächsten Rate angekündigt, für die er "klare Signale" habe, aber die Bundesliga, inklusive der zweiten, täte doch gut daran, sich ernsthafte Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll.
Denn der Kirch-Flop war absehbar. Kirch ist im Grunde an der alten Unternehmerfehlkalkulation gescheitert, in der Aufstiegsphase der Konjunktur durch Investitionen Kapazitäten aufzubauen, die eigentlich aus kommenden Gewinnen bezahlt werden sollten. Bleiben diese dann aus, sind die Kapazitäten eben Überkapazitäten. In der Krise wird viel Kapital vernichtet. Wer überlebt, geht in der Regel gestärkt daraus hervor - bis zum nächsten Mal. Das Phänomen wird meistens Marktwirtschaft, gelegentlich aber auch Kapitalismus genannt.
Kirch wollte die Konkurrenz heraushalten, vor allem aus dem scheinbar so lukrativen Geschäft des Bezahlfernsehens. Zuerst Bertelsmann, dann Murdoch. Mal sehen, wer am Ende kommt, aber bis jetzt hat das Bezahlfernsehen die Gewinnerwartungen nicht erfüllt, wurde zu einem Milliardengrab. Das war seit langem bekannt. Aber was bei jedem kleineren Unternehmer zu einer Kündigung der Kreditlinie geführt hätte, wird eben ab einer gewissen Größe eine gesellschaftliche Qualität. Kirch hatte eine gigantische Seifenblase aufgebaut und das wussten die betriebswirtschaftlich ausgebildeten Manager der Bundesliga wie etwa die Brüder Hoeneß recht genau. Dennoch schlossen sie weiter mit Kirch Verträge als wenn nichts wäre.
Bei den ganz Großen kann man es ja auch verstehen: dem FC Bayern, Borussia Dortmund und andere droht nichts Schlimmes. Sie haben eigenständig genug Einnahmen, um auch solche "Dellen" zu überbrücken. Nicht von ungefähr waren ja auch gerade solche Vereine, vor allem der FC Bayern immer Vorreiter einer eigenständigen Vermarktung jedes einzelnen Vereins. Nicht ganz zu unrecht, denn die Interessen der Bayern haben nur noch am Rande etwas zu tun mit den Interessen von Energie Cottbus, von Zweitliga-Klubs wie Schweinfurt 05 ganz zu schweigen. Hier könnte man sich problemlos auf eine Superliga mit Spielen gegen Real Madrid, AC Mailand oder Manchester United konzentrieren und gebrauchte eine billige Bundesliga nur als Trainingsliga auf hohem Niveau, wie es jetzt ja auch für die Regionalligen angedacht ist (mit Wildcards für die Amateur-Abteilungen der Profi-Klubs).
Anders die Interessen der mittleren Vereine wie Werder Bremen oder gar die von Unten, wie Freiburg oder St. Pauli. Ganz bös sieht es in der zweiten Liga aus. Sollte wirklich die nächste Rate nicht gezahlt werden, werden einige Lizenzentzüge praktisch unvermeidlich sein. Zum Teil wird die Hälfte des Etats aus Kirch-Geldern bezahlt.
Jetzt soll der Staat eingreifen. Mit Ausfallbürgschaften, die den "Vereinen" das Überleben mindestens für die nächsten sechs Monate ermöglichen sollen. Der Bundeskanzler und der Ministerpräsident haben sich dafür stark gemacht. Sie wissen, welche Bedeutung Fußball in Deutschland hat und dieses Jahr sind Wahlen. Auch die Bundesliga-Profis sind (fast) einhellig der Ansicht: Staatsgeld muß her. Kahn will jedenfalls auf kein Geld verzichten. Preetz druckst herum, will aber auf jeden Fall Staatsknete, weil die Bundesliga ja ein Wirtschaftsfaktor sei, Deisler, der es noch vor kurzem ganz für selbstverständlich hielt, das zu nehmen, was der Markt hergibt, kann nun gar nicht verstehen, dass der Markt offenbar nichts mehr hergibt. Witzigerweise hat sich der bayrische Ministerpräsident auf die andere Seite geschlagen. Er gibt sich davon überzeugt, dass die Rate doch noch kommt. Entweder hat er spezielle Informationen, was ja nicht auszuschließen ist, oder er pfeift ganz laut im Walde. Denn für den Kanzlerkandidaten wäre eine Kirch-Insolvenz auch ein herber Schlag für sein Renommee als Wirtschaftsförderer. Springt jetzt doch noch ein anderer Sponsor ein - Murdoch, Berlusconi, Nike, oder wer auch immer - steht er gut da. Sein Gepoltere gegen das verschwendete Geld der Steuerzahler ist in erster Linie Populismus, aber ein für ihn gefährlicher. Denn bei dem Streit um die staatlichen Bürgschaften ist es wie bei dem ewigen Streit zwischen Hundehassern und Hundegegnern: beide Seiten haben starke Bataillione.
Hübsch an der Geschichte, wie exemplarisch sich die ganze Situation der kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere ihrer Bourgeoisie, in den beiden Bundesligen spiegelt. Die ganz Großen wollen staatliche Hilfe, damit die Rendite stimmt, sind aber auch für die Einzelvermarktung ihrer Kapitalgesellschaften, die mittlere Bourgeoisie ist dagegen, weil sie beim großen Kuchen immer das kleinere Stück erhält und, wenn sie doch einmal kurz aufsteigt, nur als Personalreservoir der Spitzenklubs angesehen wird, die Habenichtse in der zweiten Liga und die Spitzen der Regionalliga sind dafür, weil sie eh am Tropf hängen und im Falle eines Konkurses von Kirch oder anderen im großen Fußballnirwana verschwinden, und den kleinen Amateurklubs wird es etwa ab Oberliga egal, weil sie - wenn überhaupt - nur die Krümel kriegen.
Im Kern gibt es keinen vernünftigen Grund, Steuergelder in die Bundesliga zu stopfen. Ein Kommentator der TAZ (5.4.02) hat das entwaffnende Argument gebracht, "in Deutschland wirft der Staat an allen Ecken und Enden für viel größeren Blödsinn mehr Geld zum Fenster hinaus..." Stimmt. Aber was besagt das? Dann gebe ich am besten auch gleich meine Kontonummer an.
Prinzipiell gäbe es für eine kapitalistische Liga, die schon mehr dem Show-Geschäft als dem Sport angehört, drei Möglichkeiten, mit dem Problem umzugehen: entweder sie begreifen die Liga - wie etwa in den USA - als einen Geschäftsbetrieb. In diesem Falle müsste der Spielbetrieb durch eine Art Solidarhaftung im Falle von Insolvenzen, die den normalen Spielverlauf der Saison gefährden, aufrechterhalten. Oder sie kartellieren sich auf europäischer Ebene, dann schieden in Deutschland fünf bis sechs Klubs aus dem Spielbetrieb aus und widmeten sich "bloß" noch den europäischen Wettbewerben, also eine richtige Europaliga. Die nationalen Ligen könnten dann auf sehr viel niedrigerem finanziellen Niveau für die Nachwuchsausbildung und die Popularisierung der Sportart auch in der Provinz sorgen, oder sie nehmen die Insolvenzen während des Spielbetriebs in Kauf im Sinne einer "Marktreinigung". Freilich würde das so manchem Fan den Spaß an der Freude verderben und sicherlich auch zu einigen Verwerfungen führen. Nur: so geschieht es ja auch in den Amateurligen: man denke an den KSV Hessen Kassel, den FC Gütersloh oder auch den BFC Dynamo.
Es heißt, dann würden alle Stars der Liga wieder ins Ausland gehen. Wohin denn? Nach Frankreich sicher nicht, dort spielt kaum noch ein französischer Nationalspieler, und in England hat gerade die ITV Digital den Löffel angegeben. Wie es aussieht, stehen dort über 20 Ligavereine vor dem Aus. (aus allen britischen Profiligen!) Fälle dieser Art hat es auch in Spanien gegeben (Betis Sevilla, Atletico Madrid und der FC Sevilla), in Italien könnten einige anstehen. Aber die Verhältnisse von Benito Belusconi müssen ohnehin kein Vorbild sein.
Das Ansehen des Profifußballs würde dadurch Schaden nehmen? So ist das im Kapitalismus.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 06.04.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin Fr., 28.06.2002
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