Chirac gegen Le Pen: wer wird Präsident
Debakel für Frankreichs Sozialisten
Es gilt nicht zu unrecht als Erdrutsch. Beobachter halten eine völlige Umstrukturierung der politischen Landschaft in Frankreich nicht mehr für ausgeschlossen: Nach dem Ergebnis des 1. Wahlganges im Kampf um die Position eines Präsidenten der Republik werden Amtsinhaber Jacques Chirac und der Vorsitzende des rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen im 2.Wahlgang im Mai zum Endkampf antreten. Der bisherige Premierminister Lionel Jospin landete auf dem dritten Platz und scheidet damit verfassungsgemäß aus dem Rennen aus. Ein sichtlich schwer enttäuschter Jospin erklärte unmittelbar nach dem sich die Hochrechnungen der französischen Fernsehanstalten stabilisiert hatten auch, dass er für künftige Aufgaben nicht mehr zur Verfügung stehe. Gerüchte gingen um, Jospin werde angesichts des Debakels sofort mitsamt seiner sozialistisch/grünen/kommunistischen Koalitionsregierung zurücktreten und Präsident Chirac die Nationalversammlung auflösen um den Weg für sofortige Neuwahlen freizumachen. Eine Parlamentswahl ist allerdings ohnehin im Juni anberaumt. Es wird damit gerechnet, dass die französischen Wähler bei diesen Wahlen die Phase der Cohabitation beenden und wieder eine einfarbige Regierung, also wahrscheinlich unter Führung der Gaullisten, legitimieren werden.
Neben den Kandidaten Chirac, Le Pen und Jospin spielten die 13 anderen Personen, die sich um das höchste Staatsamt beworben hatten, keine nennenswerte Rolle. Die meisten Stimmen erhielt noch der Zentrumsdemokrat Bayrou mit 6,89 Prozent. Bemerkenswert die Verschiebung des Kräfteverhältnisses auf der Linken. Während die kommunistische Partei mit einem Stimmenanteil von 3,41 Prozent nahezu pulverisiert wurde und sich auf einem historischen Tiefstand befindet, der bis in die 20er Jahre zurückgeht, erhielten die diversen trotzkistischen Kandidaten zusammen etwa 10,5 Prozent. Allerdings blieb die vor der Wahl in den Medien so hochgepuschte Dauerkandidatin Arlette Laguiller mit 5,77 Prozent weit hinter den Erwartungen zurück. Der grüne Kandidat Mamere erhielt etwas über 5 Prozent, der ehemalige Generaldelegierte des FN, Bruno Megret, der sich vor Jahren im Streit von Jean-Marie Le Pen getrennt hatte, blieb mit 2,36 Prozent bedeutungslos.
Die Amtszeit des künftigen Präsidenten wird in Zukunft erstmalig nur noch fünf Jahre betragen. Bislang war sie entsprechend der noch auf den General de Gaulle zugeschnittenen Verfassung auf sieben Jahre terminiert.
Ergebnisse des 1. Wahlgangs:
Chirac 19,67 Prozent; Le Pen 17,02; Jospin 16,07; Bayrou 6,89; Laguiller 5,77; Chevenement 5,36; Mamere 5,27; Besancenot 4,29; Saint Josse 4,28; Madelin 3,92; Hue 3,41; Megret 2,36; Taubira 2,15; Lepage 1,89; Boutin 1,19; Gluckstein 0,47
Zur Charakterisierung der einzelnen Kandidaten siehe unsere Meldung vom Sonntag.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 22.04.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin Fr., 28.06.2002
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