Hysterie um einen Ehrl-König
Die neuste Walser-Affäre
Villeicht muß man ja alles dem Wahlkampf zuschreiben, genauer gesagt, der auf hysterisch gemachten Heuchelei, die die gesamte politisch-korrekte Klasse befallen hat. Der Anlaß ist völlig banal: Martin Walser hat mal wieder einen Roman geschrieben, um den, wie bei den Meistern des Kulturbetriebes üblich, derzeit viel Wesen gemacht wird. Der Roman, der erst im Juni erscheinen soll (bei Suhrkamp), ist erst seit gestern freigegeben. Doch vorher war er, wie es üblich ist, einem sehr kleinen Kreis von Personen bekannt, darunter dem FAZ.Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Walser beabsichtigte, den Roman, wie die letzten sechs vorherigen auch, gleichzeitig als Fortsetzungsserie in der "Zeitung für Deutschland" abdrucken zu lassen. Dies wird nun nicht geschehen. Frank schirrmacher teilte dem Schriftsteller, der nun eine Klage gegen die FAZ anstrengen will, in einem Offenen Brief mit, sein Roman sei "ein Dokument des Hasses", "eine Mordphantasie" und beträfe mit Marcel Reich Ranicki einen der wenigen Überlebenden des Holocaust, damit werde der den Nazis nicht gelungene Mord "fiktiv nachgeholt". Daraus konstruiert Schirrmacher, der - selbst im Roman fiktive - Mord gelte nicht einem Kritiker (was wohl nicht so schlimm wäre)9 sondern einem Juden. Deshalb werde man ihn auch nicht drucken.
Worum geht es nun in dem Roman? Soweit den wenigen bislang in die Öffentlichkeit geratenen Textstücken zu entnehmen ist, hat der Literaturkritiker Andre Ehrl-König (Marcel Reich-Ranicki) einen Roman des Schriftstellers Hans Lach (Walser) verrissen. Daraufhin hat dieser bei einer Party, zu der er nicht eingeladen war, den Kritiker "angepöbelt" (der Ausdruck stammt von dem fiktiven Matthias Landolf, der im Roman als Nachbar des Hans Lach auftritt) und ihm angekündigt: "Ab heute Nacht null Uhr wird zurückgeschlagen". Am nächsten Morgen wird der Jaguar des Kritikers gefunden, samt des berühmten Cashmere-Pullovers, den dieser immer trug. Ehrl-König aber bleibt verschwunden. Es wird ein Mord angenommen, Hans Lach gerät unter Mordverdacht . Später stellt sich aber heraus, daß Ehrl-König seinen Tod nur vorgetäuscht hat, um sich in Ruhe mit seiner Geliebten vergnügen zu können. Nun wird recherchiert und in dem weiteren Verlauf werden die Gründe sichtbar, die Lach hätten dazu bringen können, Ehrl-König wirklich zu ermorden.
Ob das literatisch was taugt, kann der Verfasser dieser Zeilen nicht beurteilen. Der Text liegt , wie gesagt, noch nicht lange vor. Man wird abwarten müssen. Allerdings, der Streit hat auch mit dem Roman in seiner Eigenschaft als Literatur nichts zu tun, wohl aber mit Politik.
Es scheint, daß die politisch-korrekte Klasse in Deutschland langsam nervös wird. Das war schon an der "Möllemann/Karsli-Affäre" sichtbar. Anlaß un Reaktionen stehen in keinem Verhältnis zueinander und auch, wenn man die üblichen Wahlkampfschlammschlachten, was schon eklig genug ist, in Rechnung stellt, faßt man sich doch an den Kopf. Es scheint nicht nur, daß die BRD neben ihrer geschriebene Verfassung noch eine ganze Reihe ungeschriebener hat, zu der u.a. das "besondere Verhältnis" zu Israel gehört. Doch seit einigen Jahren sind in der politischen Landschaft, nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa tektonische Verschiebungen spürbar, die die Tabus der Nachkriegszeit und die geht in dieser Hinsicht bis in die letzten Jahre, allmählich aufweicht. Unverkennbar ist, daß Deutschland drauf und dran ist, wieder eine eigene imperialistische Macht zu werden, die die Fesseln der Vergangenheit abstreift. Doch steht diesem selbstbewußten deutschnationalen Vorstoß immer noch die offizielle Klasse, verstärkt durch die linksliberalen Erben der 68er und die Antidoitschen (sehn Sie, Herr Schirrmacher, ich kann auch kein Deutsch) entgegen, die allmählich hysterisch reagiert. In ihren intelligenteren Teilen wohl nicht nur aus geistiger Begrenztheit, sondern wohl auch, weil sie sich bewußt ist, wie viele Vorbehalte gegen Deutschland nach wie vor bestehen und wie groß die Gefahr der Isolierung, vor der der Historiker Arnulf Baring neulich warnte, tatsächlich ist. So ist der Kampf gegen den "Antisemitismus", wie er sich in den Ausgrenzungsversuchen gegen Walser und Möllemann zeigt, letztlich nur eine andere, vorsichtigere imperialistische Strategie, die die alten Tabus vorerst nicht (offen) ankratzen will.
Für Linke ist das ein merkwürdiger Streit. Im Grunde ist das eine so schlecht wie das andere. Die politisch-korrekten Ideologen binden Deutschland an die USA und Israel, die anderen bringen den alten abenteuerlichen deutschen Imperialismus wieder offensiv ins Spiel. Zeit, ihnen beiden etwas entgegen zu setzen. Nur hat das weniger mit Literatur zu tun.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 30.05.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin Fr., 28.06.2002
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