Rückfragen an Heiner Karuscheit
Anfragen zu: "Kein Sturm im Wasserglas"
Die Analyse Heiner Karuscheits in "Kein Sturm im Wasserglas" ist in weiten Teilen richtig. Aber einige Dinge befremden doch sehr.
1. Was heißt es denn, wenn K. sagt: "Der Antisemitismus hat in der gesellschaftlichen Realität des heutigen Deutschland keine Wurzeln mehr, weder politisch noch sozial"?
Richtig ist zwar, dass der Antisemitismus, wie er aus dem Kaiserreich und der Weimarer Republik überkommen war, abgestorben ist, genauso wie die Klassen, die ihn damals getragen haben, aber damit ist zunächst nur bewiesen, dass es den alten Antisemitismus nicht mehr gibt. In der Tat dürften die neuen Mittelschichten, Werbefachleute, Juristen, Hochschullehrer, Gewerbetreibende kaum den Einfluß der jüdischen Konkurrenz fürchten. Hier gilt Antisemitismus auch einfach nicht mehr als schick. Aber wie ist es mit den gesellschaftlichen Unterschichten, den Arbeitern, kleinen Angestellten etc?. Hier ist die Konkurrenz ausländischer Arbeitskräfte auf Billiglohnniveau durchaus spürbar und wo sie noch nicht spürbar ist, gibt es doch zumindest die - keinesfalls unberechtigte - Angst davor. Diese Konkurrenz besteht zwar in aller Regel nicht aus Juden, sondern aus armen Migranten, die aus Afrika , Asien oder Osteuropa kommen, aber wie keine andere Minderheit eignen sich doch die Juden als die symbolischen Drahtzieher. So dürfte sich der Antisemitismus sozial allenfalls vom abstiegsbedrohten Mittelstand auf die von der Deklassierung betroffenen Teile der Arbeiterklasse verschoben haben.
Ein zweites kommt hinzu: gerade weil seit Adenauers Zeiten das "besondere Verhältnis zu Israel" geradezu zur bundesdeutschen Staatsraison geworden ist (im Springer-Konzern steht das sogar in den Arbeitsverträgen!), woran Stoiber, der alles braucht, nur keinen Konflikt mit den USA oder Israel, lediglich erinnert hat, richtet sich naturgemäß der Unmut, der sich angesichts des politisch-korrekten Ideologiesirups kaum äußern kann oder traut, mit besonderer, aber zurückgestauter Wut gegen Israel, das ja den deutschen Schuldkomplex auch schamlos ausnutzt, etwa im Bereich der Waffenlieferungen.
Katastrophal wirkt sich in diesem Zusammenhang auch die Tätigkeit der zionistischen Lobby, insbesondere des "Zentralrats der Juden in Deutschland" und innerhalb der Linken der antideutschen Strömung, aus, die es zwar augenblicklich noch schafft, ihre Gegner weitgehend mundtot zu machen, worauf Karsli wohl anspielte, die aber damit genau das Problem verschärft, das zu bekämpfen sie vorgibt. Denn die Souveränität, die dazu gehört, sich von diesem hysterischen Mob nicht provozieren zu lassen, ist wohl in der Masse der Bevölkerung nicht sehr verbreitet, weswegen es in der Tat einen zurückgestauten Antisemitismus gibt, der aber zusehends zur Oberfläche durchdringt.
2. Die strategischen Überlegungen, die es offenbar in Teilen der FDP gibt, hast Du richtig beschrieben, aber zumindest mittelfristig geht das Zusammentuckern von wirtschaftlichem Neoliberalismus mit Volkstribunenattitüde offenbar doch, wie das österreichische Beispiel zeigt. Oder auch das niederländische, denn soweit man das beurteilen kann, ging auch der Weg Pim Fortuyns durchaus auf ein Amalgam zwischen Spaßpartei und Pseudovertetung des "kleinen Mannes" hin. Nur die Alt-FDPler werden in´s Gras beißen müssen. Daß diese bereits vor der Wahl Stunk machen würden und nicht erst - teilweise aufgrund der Generationsverschiebung - nach dem 22. September elegant abserviert werden können, ganz nach dem Vorbild der Steger-Fraktion in der FPÖ vor 1986, hat Möllemann wohl unterschätzt. Gewonnen hat er nach menschlichem Ermessen trotzdem, denn niemand hält auf Dauer einen erfolgreichen Demagogen auf.
Schwieriger wird das für das gesamte bürgerliche Establishment, aber auch hier trügen die Zeichen wohl nicht, wenn man davon ausgeht, dass das Bündnis Europa/USA seine besten Zeiten bereits gesehen hat. Nur die Unfähigkeit, ein einheitliches Machtzentrum gegen die USA aufzubauen, hindert die Eliten in Deutschland und Frankreich noch daran, sich von den USA zu trennen - und natürlich die gegenseitige Angst, der jeweils andere könnte die Dominanz gewinnen. Doch auf genau diese Entwicklung warten bereits die arabischen Länder (alle Klassen!), die VR China, die ein Gegengewicht zu den USA braucht und natürlich auch Russland, das zwar z.Zt. schrittweise zurückweicht, aber nur, weil die Kräfteverhältnisse es dazu zwingen. Putins Rede vor dem Bundestag, von den deutschen Medien (gewollt?) missverstanden, hat mehr als deutliche Winke in dieser Richtung gegeben und auch gezeigt, von wem die Russen die Initiative erwarten.
3. Was soll es heißen, wen Du sagst "Das imperialistische Zeitalter ist wie der Faschismus nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ein abgeschlossenes Kapital der Geschichte." Bezieht sich das nur auf den "alten Imperialismus" a la Lord Kitchener, der auf dem Grund des Meeres liegt? Meinetwegen. In Wirklichkeit erleben wir doch heute einen Imperialismus auf neuer Stufenleiter nach dem Motto "Ein Markt, ein Staat, eine Elite". Oder welcher Natur sind die "neuen politischen Herausforderungen"?
Auf die Antworten warte ich mit Spannung.
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Autor: © Charly Kneffel, Berlin 25.06.2002
Verwertung: Philosophischer Salon e.V., Berlin
Quelle: www.roter-salon.info
Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
Update: Berlin Fr., 28.06.2002
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