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im Roten Salon


Bundesligavorschau 2002/2003: Alles Im Bayer - oder was?

Der ewige Zweite nimmt einen neuen Anlauf

Da hat Klaus Toppmöller schon recht. Anders als vor zwei Jahren, als sich Bayer 04 Leverkusen am letzten Spieltag durch die Spvgg. Unterhaching die Meisterschaft vermiesen ließ und dafür den Spott der Fußball-Welt erntete, schlugen dem Deutschen Vizemeister, Pokalzweiten und ChampionsLeague Zweiten diesmal die Sympathien entgegen In der Tat: Bayer 04 hat eine (fast) überzeugende Saison hingelegt, war meistens die beste Mannschaft und verlor am Ende alles nur durch unglückliche Umstände. Dennoch nagt es bitter am Selbstvertrauen der Leverkusener. Seit Mitte der 80er Jahre versucht der Bayer-Konzern, seinen Image Träger an die Spitze der europäischen und damit des Weltfußballs zu bringen; es hat geklappt, selbst in Südamerika kennt man jetzt den Namen des Klubs von der "falschen Rheinseite", aber es ist doch bitter: in all den Jahren, in denen Bayer 04 jetzt an der Spitze herumturnt hat es zwei Titel gegeben. Einmal den Deutschen Pokalsieg 1993 und einmal den UEFA-Cup-Sieg ("Cup der Verlierer": Franz Beckenbauer) 1988. Das ist erbärmlich wenig für eine Mannschaft dieses Formats.

Manchmal hat man auch den Eindruck, das Establishment versuche alles, den Aufsteiger zu bremsen. Allein - das ist legitim. Christoph Daum wurde als designierter Teamchef der Nationalmannschaft abgeworben, ehe er an anderen Problemen scheiterte, sein Nachfolger wurde Rudi Völler. Alles Bayer-Personal. Andere Stars wurden weggeholt: seinerzeit Jorginho oder Sergio, später Emerson, jetzt Ze Roberto und Ballack. Viel Bayern München und etwas Italien. Man bedient sich gern bei der rechtsrheinischen Talentschmiede. Und es machte sich bemerkbar, dass der Bayer Konzern eben doch nur mit halber Kraft, im Rahmen seiner Möglichkeiten investierte. Blieben natürlich die Fernseh- und Zuschauergelder, aber die BayArena ist klein und es hat lange gedauert, bis die Bayer-Fans die Zurückhaltung gegenüber ihrem Arbeitgeber ablegen konnten und wirklich emotional Bayer-Fans geworden sind. Lange litt der Klub auch unter der aus Tradition übermächtigen Konkurrenz durch den 1 FC Köln auf der anderen Rheinseite. Der zumindest scheint erst mal schlechte Karten zu haben. Diesmal steht bei Bayer 04 ein gravierender Umbruch an: Ze Roberto und der überragende Ballack gingen zum Rekordmeister Bayern München, der auch diese Saison wieder uneingeschränkt Favorit ist. Kirsten hat sich auf die Rolle des Stand-By-Profis zurückgezogen, auf deutsch: bezahltes Abtrainieren. Er wird nur noch im Notfall zur Verfügung stehen. Und Nowotny ist schwer verletzt, wird aller Voraussicht nach dieses jahr nicht mehr zum Einsatz kommen.

Dennoch sind Toppmöller und Calmund zuversichtlich. Denn die Bayer Fußball GmbH (so seit 1. April 1999) hat ihr Bestes getan um die Verluste nicht nur auszugleichen, sonder abermals anzugreifen. Sie gehört, wie die anderen vier, die ein Oligopol in der Liga gebildet haben - Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04 und Hertha BSC - zu den wenigen Klubs, die real investiert haben, wobei man angesichts der Gelder für Ze Roberto und Ballack allerdings nicht tief in die Tasche greifen brauchte, sondern schlicht reinvestieren konnte. Balitsch, Bierofka, Franca (Brasilien), Juan (ebenfalls Brasilien) und der umstrittene Pole Simak sind schon dem Namen nach mehr als nur Ersatz. Und viele Stars, darunter der umworbene Lucio, sind geblieben. So baut sich ein gutes Team auf, zu dem ja Nowotny mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann wiederdazustoßen wird. Vor Butt steht die lateinamerikanische Dreierkette mit Placente, Lucio und "Juan", durch Zivkovic mühelos zur Viererkette variierbar, auf. Nowotny in der Hinterhand. Bastürk, Ramelow, Schneider sind geblieben, Simak, Preuß Sebescen, Vranjes stehen auch zur Verfügung und im Angriff lässt sich neben dem vermutlich gesetzten Neuville aus Franco (immerhin Weltmeister), Berbatow und Thomas Brdaric vermutlich etwas machen. Und dafür, Einfälle zu haben, auch ohne 5 Co-Trainer wie bei Berti Vogts, ist Toppmöller bekannt.

Trotzdem: Favorit ist Bayer auch diesmal nicht: neben dem Hauptfavoriten Bayern München und dem amtierenden Meister Borussia Dortmund bleibt Bayer die dritte reale Option. Aber vielleicht ist es ja der lachende Dritte.

  • Autor: Charly Kneffel, 08.08.2002
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin Do., 08.08.2002