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im Roten Salon


Legionäre aus der Lausitz

Des Geyers bunter Haufen: Energie Cottbus (Bundesligavorschau 02/03)

Manchmal hat Eduard Geyer, der Trainer von Energie Cottbus, regelrechte Anwandlungen von Realismus. "Ein Wunder" antwortete er auf die Frage eines Reporters, was er zur Tatsache sage, dass Energie in die dritte Bundesliga-Saison gehe. Da hat er recht, denn abgesehen von dem Klub mit dem irreführenden Namen Energie gibt es in Cottbus nicht viel, was man sich merken müsste. Und auch der Bundesliga-Aufstieg war eher ein Versehen. Weder hatte man den Lausitzern den Aufstieg zugetraut, noch später den Klassenerhalt. Es kam anders.

Irgendwelche anderen Ambitionen außer dem Klassenerhalt dürfte der FC Energie allerdings nicht haben, berühmt wurde er nur dadurch, dass er die - ausgerechnet im rechten Osten - erste Bundesliga-Mannschaft stellte, deren Team auf dem Platz nur aus Ausländern bestand. Ein Ostteam ist das Team trotzdem: ein osteuropäisches. Spieler aus Rumänien, Ungarn, Polen, Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina und Tschechien bestimmen das Gros des Kaders, in dem sich ansonsten noch Spieler aus Brasilien (Franklin, da Silva), Benin und Marokko tummeln. Deutsche gibt´s auch: die Ersatztorhüter, Beeck, Schröder, Gebhardt, Feldhoff, Reichenberger und noch einige andere mehr. Deutsch ist sogar die Umgangssprache.

Sehr verschieden von anderen Klubs ist die Lage damit zwar nicht, aber es ist doch die Not, die die Mannschaft aus Cottbus formt. Selbst die geringe Zahl an Deutschen ist auf das mangelnde Geld zurückzuführen, den eigentlich macht Cottbus eine gute Jugendarbeit, aber die Jungen gehen dann doch lieber woanders hin.

Böse Leute könnten aus den Transferaktivitäten der Cottbusser die Gefahr eines unvermeidlichen Abstiegs ableiten, denn diesmal haben sich die Cottbusser für ihre Verhältnisse gut verstärkt, im Gegensatz zu den Vorjahren, wo es dann am Ende immer klappte. Nur Helbig, der sich völlig verkalkulierte und zum vermeintlich stärkeren, späteren Absteiger 1 FC Köln ging, ging aus dem Stamm, Matyus und Scherbe, gar Micevski hatten die Erwartungen nie erfüllt. Jetzt kommen Juskowiak, der allerdings nie - weder in Mönchengladbach noch in Wolfsburg - die Erwartungen, die er in der polnischen Liga geweckt hatte, befriedigen konnte. Immerhin hat er schon 51 Tore in der Bundesliga geschossen. So was fehlt in Cottbus. Der Tscheche Vagner und der Ungar Löw kamen beide aus Budapest, Marco Gebhardt aus Frankfurt/Main, wo man ihn weder bezahlen konnte noch wollte, Schröder aus Rostock und Rozgorny aus Schalke, wo er allerdings nie zum Einsatz kam. Nicht gerade die großen Stars, aber Cottbus ist eben Cottbus. Immerhin: es sind auch keine Unbekannten.

Vergleichsweise hat Energie Cottbus sogar recht schwungvoll investiert, denn die Leute waren nicht kostenfrei: Juskowiak kostete 300 000 Euro, die beiden Spieler aus Budapest zusammen 800 000, selbst Rozgorny noch 150 000. Es war immer der Traum der Cottbusser, auch auf diesem Gebiet mit den anderen Wölfen heulen zu können. Jetzt hats geklappt: zwar kann Cottbus nicht mehr investieren, dafür die anderen weniger.

Es wird Geyer wieder gelingen, aus seinem bunten Haufen eine halbwegs schlagkräftige Truppe zu formen. Doch einige der alten Recken kommen langsam in die Jahre: Piplica, Beeck, Miriuta und Akrapovic. Doch eines weiß man in Cottbus: mehr als der Klassenerhalt, diesmal vielleicht einige Tage vor Saisonschluß, ist wieder nicht drin. Aber mit etwas Glück geht das Wunder aus der Lausitz in die vierte Saison.

  • Autor: Charly Kneffel, 14.08.2002
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin Mi., 14.08.2002