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im Roten Salon


Niedergang mit Haltepausen

Wie man eine Spitzenmannschaft runterbringt am Beispiel des VfB Stuttgart (Bundesligavorschau 02/03)

Es hilft alles nichts: Bilanziert man die Geschichte des VFB Stuttgart in den letzten sieben Jahren, kann man nur von einem langsamen, immer wieder gebremsten, aber doch stetigen Niedergang sprechen. Und dieser Niedergang war natürlich alles andere als ein Naturereignis, er war das Ergebnis einer Politik, in der eine ambitionierte, aber unfähige Vereinsführung samt einem ebensolchen Sportmanagement schlicht nicht in der Lage war, die zweifellos bedeutenden Möglichkeiten, die ein Bundesligist in einer Stadt wie Stuttgart eigentlich haben müßte, auszunutzen und in sportlichen wie finanziellen Erfolg umzusetzen.

Noch vor wenigen Jahren war das eine Spitzenmannschaft mit Wohlfahrt (im Tor), Verlaat, Berthold, Bobic, Balakow, Elber, der später durch Akpoborie ersetzt wurde u.a., ein Team, das damals drauf und dran war, Gegenspieler des immer übermächtigen FC Bayern zu werden. Ganz hats dann doch nicht gereicht, es reichte nur zu zwei vierten Plätzen. Aber hat´s daran gelegen? Wohl kaum. Heute ist von dieser Herrlichkeit nichts mehr geblieben. Außer Balakow, der mittlerweile auch schon 36 Jahre alt ist, sind alle Spieler weg. Elber und auch Verlaat haben sich immerhin woanders gehalten. Akpoborie ist völlig in der Versenkung verschwunden, Bobic nur noch ein Schatten seiner selbst. Wohlfahrt und Berthold haben ihre Karrieren beendet. Irgendwie symbolhaft für den Weg des VFB insgesamt. Was diese Saison aus dem VFB wird steht noch in den Sternen und die stehen nicht gut. Schon vor Beginn der Saison mußte das Management gegen den Widerstand der Mannschaft und selbst des Trainers die Punktprämien streichen, Jetzt sieht Manager Rüssmann sogar die Existenz des Klubs selbst in Gefahr. Dabei haben die Kirch-Krise und der angekündigte Rückzug des Sponsors Debitel (Vertrag bis 2003) zwar ein zusätzliches Loch in die Kasse gerissen, aber mit Problemen dieser Art haben schließlich auch ander Klubs zu schaffen. Auf mittlerweile 20 Millionen Euro sollen sich die Schulden des Vereins belaufen, kein Wunder, daß die Banken vorsichtig werden.

Hinzu kamen die Querelen um den langjährigen starken Mann des VFB, Gerhard Mayer-Vorfelder, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mayer-Vorfelder ist mittlerweile beim DFB, der aber nach der Abspaltung der DFL auch nur noch ein Schatten ist.

Schon im Vorjahr schien es lange so, als müßte der VFB ohne namhafte Verstärkung auskommen, erst in der Winterpause schlug man dann mit dem Portugieren Fernando Meira zu, und zwar richtig: für ihn gab es dann die Rekordablöse in der Vereinsgeschichte. Ausgezahlt hat sich das nicht zunächst erwies sich Meira als Durchschnittsspieler mit Stargehabe. Das soll sich mittlerweile gelegt haben. Wie lange, bleibt abzuwarten. In diesem Jahr ist bis jetzt Stephen Kanu Famewo, ein 19jähriger aus Nigeria, der zuletzt in der Jugend von Eintracht Frankfurt spielte, als teuerster Einkauf: er kostete 150 000 Euro. Ansonsten gibt es einige bekannte Namen: Handschuh etwa oder Adrion. Aber die sind nur bekannt, weil einst ihre Väter schon - mehr oder minder - erfolgreiche Profis beim VFB waren. Das läßt hoffen, besagt aber für sich allein nichts, wie das Beispiel Stefan Beckenbauer zeigte.

Auch Trainer Magath hat sich mittlerweile damit abgefunden, daß die ehrgeizigen Ziele, die der VFB immer noch zu hegen vorgibt, vorerst unerreichbar sind. Da auch Adhemar unter nicht ganz einsichtigen Umständen wieder nach Brasilien zurückgekehrt ist, ein Spieler, auf den sie beim VFB einst große Hoffnungen setzten, ist Magaths Team nun ein seltsames Gemisch aus Oldies, die kurz vor dem Karriereende stehen, Spielern, die trotz großer Begabung nie ganz den Durcbruch schafften und jungem, hoffnungsvollem Gemüse Da wird der einst als Schleifer berüchtigte Magath, der nun aber von sich selbst sagt, er sei "ruhiger geworden", viel Arbeit haben, sowohl in seiner eigentlichen Aufgabe als Fitmacher und Taktiklehrer, aber auch - und vor allem - als Psychologe. Ein verläßlicher Kern zeichnet sich ab: vor Torhüter Hilldebrand stehen mit Bordon, Meira, vielleicht Soldo oder Carnell erfahrene Recken, im Mittelfeld ist der früher oft launische Balakowimmer noch eine Bank, ein Talent wie Mutzel von der Eintracht aus Frankfurt, die ja finanziell ähnliche Probleme hat wie der VFB, oder Seitz, eventuell Hleb oder Jens Todt, der aber mental schon über seinen sportlichen Höhepunkt hinaus scheint. Im Angriff ist das "Krokodil", der zeitweilig etwas abgehobene Sean Dundee wieder aufgewacht, Tiffert könnte den Durchbruch schaffen und auch Ganea kann´s ja eigentlich.

Und doch: wenn sich die Lage nicht grundsätzlich ändert, wird Magath nicht mehr tun können, als den Niedergang zu verlangsamen und vielleicht dieses Jahr noch einmal einen Mittelplatz herausholen.

Mehr unter www.vfb-stuttgart.de

  • Autor: Charly Kneffel, 19.08.2002
    Verwertung: © Philosophischer Salon e.V., Berlin
    Quelle: www.roter-salon.info
    Erstveröffentlichung: www.kalaschnikow.info
    Update: Berlin Mo., 19.08.2002